Das bis-Zeichen und seine Länge

Frage

Ich habe eine Frage zur Rechtschreibung bezüglich Bindestrich und Gedankenstrich. Auf Ihrer Seite finde ich in den Verweisen auf die amtliche Regelungen keinen Hinweis darauf, welchen Strich ich schreiben sollte, wenn ich „bis“ ausdrücken möchte, also z. B. in einer Literaturangabe „S. 10-20 oder S. 10–20“ […].

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

auf unseren Seiten finden Sie tatsächlich keine ausdrücklichen Angaben zum Aussehen der verschiedenen horizontalen Striche. Unsere Seiten behandeln wie die amtlichen Rechtschreibregeln „nur“ die Rechtschreibung. Die Bestimmungen über zum Beispiel die Länge des Gedankenstrichs und des bis-Zeichens gehören aber nicht zur Rechtschreibung, sondern in den Bereich der Typografie und Textverarbeitung.

Nach den allgemein gebräuchlichen typographischen Regeln verwendet man den Halbgeviertstrich (auch Langstrich genannt) für das bis-Zeichen und den Gedankenstrich. Das ist – in „Laiensprache“ ausgedrückt – ein Strich, der doppelt so lang ist wie der gewöhnliche Bindestrich. Wenn Sie ihn gebrauchen wollen oder müssen, hängt es von Ihrem Tippgerät und dessen Tastaturbelegung ab, wie sie ihn erzeugen können. Vor und nach dem bis-Zeichen steht gemäß zum Beispiel Duden kein Leerzeichen:

24.–25. Oktober
die Buchstaben A–F
S. 10–20

Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht: Nach DIN 5008 (Schreib- und Gestaltungsregeln für die Textverarbeitung, herausgegeben vom Deutschen Institut für Normung) wird für das bis-Zeichen ein Gedankenstrich mit Leerzeichen verwendet:

24. – 25. Oktober
die Buchstaben A – F
S. 10 – 20

Nach der allgemeinen Schreibkonvention steht übrigens kein Strich, sondern immer „bis“, wenn auch „von“ steht:

vom 24. bis 25. Oktober
die Buchstaben von A bis F
von Seite 10 bis Seite 20

Dann noch zur Strichlänge: Wenn Sie nicht von Berufs wegen oder aus anderen Gründen mit typografischen Anforderungen zu tun haben, steht es Ihnen frei, wie Sie den bis-Strich genau verwenden wollen. „Normalverbraucher“ und „Normalverbraucherinnen“ können von den (anders als viele meinen) nicht allgemein verbindlichen typografischen Regeln resp. der DIN 5008 abweichen. Dies gilt auch, wenn der Halbgeviertstrich nicht zur Verfügung steht oder man (noch) nicht weiß, wie man ihn der Tastatur entlocken kann. Die folgenden Schreibungen sind also nicht grundsätzlich falsch:

25.-25. Oktober / 24. ‑ 25. Oktober
die Buchstaben A-F / die Buchstaben A ‑ F
S. 10-20 / S. 10 ‑ 20

Zu empfehlen ist aber doch, wenn möglich den allgemein üblicheren längeren Gedankenstrich zu wählen – dies nur schon, um eventuellen Bemerkungen kritischer Zeitgenossen vorzubeugen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Nicht alles kann Redebegleitung sein

Frage

Hier eine Frage zu Redebegleitsätzen: Die Regeln sind einfach im Internet nachzulesen. Meine Frage bezieht sich auf den Inhalt der Redebegleitsätze.
Solange der Redebegleitsatz Wörter wie „fragt“, „sagt“, „antwortet“, „erwidert“ usw. enthält, ist alles einfach. Kann man Redebegleitsätze bilden, die in keinem direkten Zusammenhang stehen mit dem Gesagten? Beispiele:

„Gehen wir heute schwimmen?“, Mark schaute verdutzt.
„Wann war das?“, sie nippte an ihren Kaffee.
„Das Schloss ist offen“, keiner traute sich die Tür zu öffnen.

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau G.,

Redebegleitsätze enthalten ein Verb, das eine mündliche, schriftliche oder gedachte Äußerung einleitet:

Sie sagte/schrieb/dachte: „Wir leben in einer seltsamen Zeit.“
„Wir leben in einer seltsamen Zeit“, sagte/schrieb/dachte sie.

Ein solches redeeinleitendes Verb muss nicht unbedingt ein Verb des Sagens sein, es kann auch ein Verb sein, das „nur“ als solches verwendet wird:

„Schon wieder daneben“, schmunzelte er.
„Beim nächsten Mal wird es gelingen“, lachte sie.
„Meinst du wirklich?“, witzelte Hans.
„Immer diese Kommentare!“, seufzte sie.

Gemeint ist hier jeweils „sage er schmunzelnd“, „erwiderte sich lachend“ usw. Auch in den folgenden Sätzen ist die direkte Rede vom Verb abhängig. Das zeigt sich bei einem nachgestellten Begleitsatz u. a. daran, dass das Verb unmittelbar auf die direkte Rede folgt:

„Sie haben viel für mich getan“, dankte er ihr.
„Ich konnte nicht anders!“, verteidigte sie sich.
„Ja, so muss man es sehen“, gab er uns recht.
„Betreten verboten!“, steht auf dem Schild.
„Das Schloss ist offen“, stellte jemand fest.

In Ihren Beispielsätzen hingegen können die Verben „schauen“, „sich trauen“ und „nippen“ nicht als redeeinleitend interpretiert werden. Die direkte Rede ist nicht von ihnen abhängig. Das sieht man u. a. daran, dass die konjugierte Verbform nicht unmittelbar der direkten Rede folgt. Diese Verben gehören zu einem Satz, der etwas anderes ausdrückt, sei es ein Begleitumstand oder etwas Nachfolgendes.

Es ist dann möglich, die direkte Rede uneingeleitet zu lassen, das heißt, sie ohne Redebegleitsatz im Text aufzunehmen:

„Gehen wir heute schwimmen?“ Mark schaute verdutzt.
„Wann war das?“ Sie nippte an ihren Kaffee.
„Das Schloss ist offen.“ Keiner traute sich die Tür zu öffnen.

„Sie haben viel für mich getan.“ Er dankte ihr und verließ den Saal.
„Ich konnte nicht anders!“ Erschöpft sank sie auf den Stuhl.
„Betreten verboten!“ Das Schild, auf dem dies stand, war verrostet.

Meistens ergibt sich auch ohne Einleitung aus dem Zusammenhang, wer etwas sagt. Wenn nicht und wenn es dennoch wichtig ist, muss etwas Redebegleitendes ergänzt werden. Zum Beispiel

„Das Schloss ist offen“, flüsterte sie / stammelte Mark / krächzte eine Stimme. Keiner traute sich die Tür zu öffnen.

Natürlich ist die Grenze nicht immer so klar wie in den obenstehenden Beispielen. Deutlich sollte aber sein, dass nicht alles als Redebegleitung interpetiert werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Am Haus vorbei, unter der Brücke hindurch, über den Berg hinweg – Wechselpräpositionen, Bewegung an etwas vorbei und die Fälle

Frage

Im Kapitel zu den Präpositionen, die mit dem Dativ und dem Akkusativ stehen können, schreiben Sie (siehe hier):

  • Der Dativ ist mit einem nicht zielgerichteten, statischen Zustand verbunden (Frage: wo?).
  • Der Akkusativ ist mit einem zielgerichteten, dynamischen Geschehen verbunden (Frage wohin?)

Zuerst möchte ich 3 verschiedene Fälle von „über“ vorstellen:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
    Ziel ist das Auto → Akkusativ
  2. Der Vogel schwebt über dem Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, sondern der Ort der Bewegung → Dativ
  3. Der Vogel fliegt über den Berg.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Berg ist nicht das Ziel, denn der Vogel fliegt am Berg vorbei

Analog dazu möchte ich 3 verschiedene Fälle von „an“ vorstellen:

  1. Ich fahre mit dem Auto an den Strassenrand.
    Ziel ist der Strassenrand → Akkusativ
  2. Das Auto steht am Straßenrand.
    Hier gibt es keine Dynamik → Dativ
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
    Hier gibt es zwar Dynamik, aber der Freund ist nicht das Ziel, denn der Ball rollt am Freund vorbei

[…] Schwierig ist vor allem der dritte Fall, die Bewegung an etwas vorbei. Bei „über“ steht der Akkusativ und bei „an“ steht er Dativ. […]

Antwort

Guten Tag Herr S,

Ihre Beispiele zeigen, dass die Verwendung der sogenannten Wechselpräpositionen (an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor, zwischen) komplexer ist, als die Schulregeln es vermuten lassen. Die Unterscheidung zwischen Dativ bei „statisch–wo?“ und Akkusativ bei „dynamisch–wohin?“ ist zwar sehr hilfreich, aber sie deckt nicht alle Fälle ab. Wie Ihre Beispiele zeigen, gibt es nämlich noch mindestens einen weiteren Fall. Ich würde es wie folgt umschreiben:

  1. Ziel der Bewegung → Akkusativ
  2. Ort der Bewegung/Handlung → Dativ
  3. Ort, an dem die Bewegung vorbeiführt → Dativ

Das gilt für viele, aber nicht für alle Wechselpräpositionen. Zuerst ein paar Beispiele mit Wechselpräpositionen, für die diese Darstellung stimmt:

  1. Der Ball rollt an den Straßenrand.
  2. Der Ball rollt am Straßenrand.
  3. Der Ball rollt an meinem Freund vorbei.
  1. Ich laufe hinter das Haus.
  2. Ich laufe hinter dem Haus.
  3. Ich laufe hinter dem Haus vorbei.
  1. Sie stellt das Auto neben die Kirche.
  2. Sie lässt das Auto neben der Kirche stehen.
  3. Sie fährt neben der Kirche vorbei.
  1. Wir gehen unter die Brücke.
  2. Wir verstecken uns unter der Brücke.
  3. Wir gehen unter der Brücke hindurch.
  1. Ich gehe vor das Haus.
  2. Ich gehe vor dem Haus hin und her.
  3. Ich gehe vor dem Haus vorbei.
  1. Wir fahren zwischen die Bäume.
  2. Wir halten zwischen den Bäumen.
  3. Wir fahren zwischen den Bäumen hindurch.

Für die Präpositionen „in“, „auf“ und „über“ funktionieren a) und b) noch nach dem gleichen Prinzip. Bei c) sieht es dann aber anders aus.

Mit „in“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion erfüllt in der Regel „durch“:

  1. Sie fährt in die Tiefgarage.
  2. Sie fährt in der Tiefgarage.
  3. Sie fährt durch die Tiefgarage.

Auch mit „auf“ kann keine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden. Diese Funktion übernimmt meist „über“ mit Akkusativ:

  1. Ich spaziere auf den Berg.
  2. Ich spaziere auf dem Berg.
  3. Ich spaziere über den Berg.

Der Spezialfall ist vor allem „über“. Mit „über“ kann eine Bewegung an etwas vorbei ausgedrückt werden, aber anders als bei den oben stehenden Präpositionen steht dann der Akkusativ:

  1. Ich lege die Plane über das Auto.
  2. Die Plane liegt über dem Auto.
    Der Vogel schwebt über dem Berg.
  3. Ich werfe den Ball über das Auto.
    Der Vogel fliegt über den Berg.

Der Vogel fliegt also an mir vorbei, hinter dem Haus entlang, neben der Scheune durch, vor dem Nachbarhaus vorbei, zwischen den Bäumen und unter der Stromleitung hindurch und schließlich über den Hügel hinweg aus dem Blickfeld. Der Vogel fliegt überall vorbei und überall steht die Wechselpräposition dabei mit dem Dativ – außer bei „über“.

Man könnte hieraus also eine Art Regel ableiten, aber ob die Sache für Deutschlernende damit wirklich einfacher wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Gesinnt und gesonnen

Heute wieder einmal eine Frage, die zu den großen Favoriten in Sprachrubriken u. Ä. gehört. Viele, die sich regelmäßig mit Sprachfragen und sprachlichen Zweifelsfällen beschäftigen, kennen sie wahrscheinlich und werden hier entsprechend nicht viel Neues erfahren. Aber nicht alle kennen die Antworten in allen Zweifelsfällen.

Frage

Ich bin unsicher im Umgang mit den Wörtern „gesonnen/gesinnt“. Zwar bin ich mir bewusst, dass „gesinnt“ ein schlichtes Adjektiv und gerade kein Partizip ist. Deshalb ist das vielfach anzutreffende „wohlgesonnen“ auch falsch. Gleichwohl trifft man bisweilen auf die – mir korrekt erscheinende – Formulierung „gesonnen sein, etwas zu tun“. Handelt es sich bei „gesonnen“ um ein Partizip? Und falls ja, von welchem Verb stammt es? Welcher Bedeutungsunterschied besteht zum Adjektiv „gesinnt“? […]

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Adjektiv „gesinnt“ hat zwar die Form eines Partizips, aber es ist tatsächlich kein echtes Partizip, sondern ein sogenanntes Pseudopartizip oder Scheinpartizip. Bei Pseudopartizipien fehlt das entsprechende Verb. Wenn sie direkt von Substantiven abgeleitet werden, geschieht dies mit Affixen, die sonst nur in der Verbbeugung oder der Verbableitung vorkommen (ge-, be-, ver-, zer- und -t; vgl. hier):

geblümt
gelockt (mit Locken)
behaart
verwitwet
zernarbt

So ist auch „gesinnt“ als direkte Ableitung von „Sinn“ anzusehen. Es gab das Wort „gesinnet“, „gesint“ mit der Bedeutung „mit Verstand, Weisheit begabt“ bereits im Mittelhochdeutschen. Heute kommt „gesinnt“ noch in der Wendung „irgendwie gesinnt sein“ vor. Sie drückt „eine bestimmte Gesinnung, Einstellung habend“ aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmten Einstellung haben

Ich bin anders gesinnt als ihr.
Er war ihr immer treu gesinnt.
ein übel gesinnter, mürrischer Kerl
Sie sind dir wohlgesinnt.

Das Wort „gesonnen“ hingegen ist – oder war – ein echtes Partizip. Es gehörte zum starken Verb „(ge)sinnen/(ge)sann/gesonnen = gewillt sein, entschlossen sein“. Heute wird es noch in Verbindung mit „sein“ verwendet:

gesinnt sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Ich bin nicht gesonnen, euren Vorschlag anzunehmen.
Wir sind gesonnen, unsere Hochschulen und ihre Autonomie zu verteidigen.

Im Prinzip sieht es also so aus:

irgendwie gesinnt sein = eine bestimmte Einstellung haben
gesonnen sein, etwas zu tun = gewillt/entschlossen sein, etwas zu tun

Auf dieser Unterscheidung baut auch das Urteil auf, dass es nur „wohlgesinnt“ heißen dürfe und dass „wohlgesonnen“ falsch sei. Das Wort drückt ja aus, dass man eine wohlwollende Einstellung hat, und das passt nach dem oben Gesagten zu „gesinnt“, aber nicht zu „gesonnen“.

Ganz so einfach ist es aber nicht, denn so schön die Unterscheidung auch ist, es halten sich lange nicht alle daran – auch nicht in (sonst) standardsprachlichen Texten.

Die allgemeinen Duden-Wörterbücher geben bei „wohlgesonnen“ an, es sei umgangssprachlich für „wohlgesinnt“, aber im Spezialwörterbuch „Duden – Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ steht, dass „wohlgesonnen“ inzwischen auch als standardsprachlich korrekt anzusehen sei. Beim Adjektiv „gesonnen“ gibt Duden an, dass es umgangssprachlich auch „gesinnt“ bedeuten könne. Im DWDS steht ebenfalls, dass „gesonnen“ im Sinne von „gesinnt“ verwendet wird, aber ohne die Angabe, dass es umgangssprachlich sei. Wirklich eindeutig ist die Situation auch in den Wörterbüchern nicht.

Kurzum: Am besten sollten Sie gesonnen sein, nur „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“ zu verwenden – dies nur schon um dem negativen Urteil wenig nachsichtig Gesinnter zu entgehen. Ich finde aber auch, dass man etwas verständnisvoller gesinnt sein kann und „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“ auch gelten lassen darf. Dasselbe ohne Wortspielereien: standardsprachlich besser „freundlich gesinnt“ und „wohlgesinnt“, aber in der Sprachrealität nicht (mehr) grundsätzlich falsch „freundlich gesonnen“ und „wohlgesonnen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist der Anmeldeschluss ein oder einen Monat vor Kursbeginn?

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des richtigen Falles bei „sein“ mit einer Zeitangabe. Was ist richtig: „Der Anmeldeschluss ist spätestens ein Monat vor Kursbeginn“, weil „sein“ zum Nominativ zwingt, oder „Der Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn“, weil es eine Zeitangabe im Akkusativ ist?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier sollten Sie den Akkusativ wählen, weil es sich um eine Zeitangabe handelt. Zeitangaben ohne Präposition stehen im Akkusativ:

Ich habe sie letzten Freitag gesehen.
Es hat den ganzen Tag geregnet.
Man kann sich frühestens einen Monat vorher anmelden.

Entsprechend auch:

Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn.
(Wann ist Anmeldeschluss? – spätestens einen Monat vor Kursbeginn)

Dass es eine Zeitangabe und kein Gleichsetzungsnominativ ist, zeigt sich auch, wenn man „einen Monat“ durch „zwei Monate“ ersetzt. Das Verb bleibt dann in der Einzahl:

Anmeldeschluss ist spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.
(nicht: *Anmeldeschluss sind spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.)

Hier „gewinnt“ also – zumindest in der Standardsprache** – der Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Regional- und umgangssprachlich kommt hier auch „ein Monat“ vor, wahrscheinlich vor allem dort, wo ein Baby „ein Monat alt“ statt wie standardsprachlich üblich „einen Monat alt“ sein kann.

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Der Genitiv substantivierter Adverbien: des Nirgendwos oder des Nirgendwo?

Frage

Ich habe neulich im Internet nach einer Regel recherchiert, die etwas darüber aussagt, ob substantivierte Adverbien dekliniert werden müssen oder nicht. […] In meinem Fall geht es um „das Nirgendwo“ und die Frage, ob es im Genitiv „des Nirgendwos“ heißen müsste. Ich habe mich dagegen entschieden, weil „des Nirgendwo“ mehr (hochwertige) Google-Treffer ergeben hat. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

spontan würde ich sagen, dass beides möglich ist: „des Nirgendwo“ und „des Nirgendwos“. Da ich mich aber nicht nur auf das „Sprachgefühl“ verlassen möchte, habe ich auch ein bisschen recherchiert und bin zum gleichen Schluss gekommen wie Sie: Grammatiken und Wörterbücher lassen uns hier im Stich, das heißt, es gibt kaum Angaben dazu, wie man substantivierte Adverbien und Konjunktionen dekliniert.

Ein paar Ausnahmen gibt es: Nach Duden ist es zum Beispiel „des Wenns“, „des Aber/Abers“, „des Miteinander/Miteinanders“. Nach DWDS und PONS ist es jedoch nur „des Abers“. Zu den anderen Wörtern gibt es dort keine Angaben. Wenn man also überhaupt Angaben findet, sind sie widersprüchlich.

Es bleibt also nur noch, sich auf Korpora (große Textsammlungen wie zum Beispiel diese) und das „allwissende“ Google zu stützen. Vor allem bei Letzterem ist dabei große Vorsicht in Acht zu nehmen, denn nicht alles, was man findet, ist, was man wirklich sucht. So ergibt die Suche nach „des Abers“ viele Fundstellen im Netz, es geht dabei aber sehr häufig um das Pays des Abers, eine wahrscheinlich sehr schöne Landschaft in der französischen Bretagne. Ein guter Ferientipp, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Bei der Suche „des Oder“ findet man vor allem Verweise auf Textstellen wie „des oder der Vorsitzenden“. Auch das ist nicht, wonach wir suchen.

Die Suche in Wörterbüchern, in Korpora und im Internet hat trotzdem ziemlich „eindeutig“ ergeben, dass meistens beides vorkommt. Substantivierte Adverbien und Konjunktionen haben im Genitiv ein s oder sie sind endungslos:

des Miteinanders o. des Miteinander
des Warums o. des Warum
des Untens und des Obens o. des Unten und des Oben
des Abers o. des Aber
des Wenns o. des Wenn (entgegen der Dudenangabe häufig auch ohne s)
des Irgendwos o. des Irgendwo
des Nirgendwos o. des Nirgendwo

Je häufiger oder gebräuchlicher eine Substantivierung dieser Art ist, desto mehr wird sie zu einem „gewöhnlichen“ Wort und desto stärker scheint die Tendenz zu einem Genitiv mit s zu sein. So findet sich zum Beispiel für das nicht sehr gebräuchliche „das Warum“ im DWDS-Korpus häufiger „des Warum“ als „des Warums“. Umgekehrt kommt das als Substantivierung gut etablierte „das Durcheinander“ im Genitiv fast nur als „des Durcheinanders“ vor.

Eine feste Regel gibt es hier nicht (sie befindet sich sozusagen im Reich des Nirgendwo[s]). In diesen Fällen können Sie also wählen, was Ihnen besser zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Plusminus, plus/minus oder plus-minus?

Frage

Mich beschäftigt die Schreibweise „plusminus/plus/minus/plus-minus“. Im Wörterbuch finde ich die Variante „plus/minus“, die mir allerdings recht eigenartig vorkommt. Können Sie helfen?

Antwort

Guten Tag Frau R.,

mit dieser Wendung ist ist in der Regel „plus X oder minus X“, „zwischen plus X und minus X“ gemeint. Am besten kann man sie, wie es in Ihrem Wörterbuch steht, mit Hilfe eines Schrägstrichs zusammenfassen. Der Schrägstrich steht bei zusammengehörenden Wörtern, Abkürzungen, Zahlen usw. Er hat die Bedeutung „und“, „oder“, „bis“ bzw. „pro“.

maximal drei Besucherinnen/Besucher
ein paar Spritzer Zitronen- und/oder Orangensaft
Ein-/Ausgang
die Kollektion Herbst/Winter 2020/21
1000 Einwohner/km²

Entsprechend passt auch hier der Schrägstrich gut:

plus/minus zwei Grad = plus oder minus zwei Grad; zwischen zwei Grad weniger und zwei Grad mehr
eine Schwankung von plus/minus 10 Prozent = eine Schwankung zwischen +10% und -10%

Weiter kommt „plus/minus“ auch noch in dieser Redewendung vor:

plus/minus null = weder mit Gewinn noch mit Verlust, unentschieden

Nebenbei sei noch erwähnt, dass „plus/minus“ eher umgangssprachlich gelegentlich auch mit der Bedeutung „ungefähr“ verwendet wird:

Sie sind plus/minus 10 Jahre alt = ungefähr zehn Jahre alt

Der Genauigkeit halber muss gesagt werden, dass in technischen und mathematischen Bereichen auch die Schreibung „plusminus“ relativ häufig vorkommt. Ich halte sie für nicht in Übereinstimmung mit der Rechtschreibregelung, aber wegen ihrer Häufigkeit würde ich sie zumindest in Fachtexten nicht als wirklich falsch bezeichnen. Ganz so eindeuig, wie ich es Ihnen gerne präsentieren würde, ist die Schreiblage hier also nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Sind der Kanon und die Kanone miteinander verwandt?

Manchmal überfällt mich mehr oder weniger aus dem Nichts der Wunsch, zu wissen, woher ein bestimmtes Wort kommt. Letzthin war es das Wort „Kanon“, das eine ganz besondere Art mehrstimmigen Gesang bezeichnet (z. B. „Bruder Jakob“ bzw. „Frère Jacques“). Es gleicht seltsamerweise stark dem Wort „Kanone“, mit dem es von der Bedeutung gar nichts zu tun hat. Ich habe also zu den einschlägigen Wörterbüchern gegriffen und herausgefunden, dass „Kanon“ tatsächlich mit „Kanone“ verwandt ist – allerdings um mehrere Ecken.

Das Wort „Kanon“ stammt vom griechischen „kanṓn“ (κανών = gerade Stange, Lineal), das eine Ableitung von „kánna“ (κάννα = Rohr) ist. Schon im Griechischen wurde „kanṓn“ im übertragenen Sinne für u. a. Regel, Vorschrift verwendet. Später gelangte es in die lateinische Kirchensprache. Dort erhielt es neben verschiedene Bedeutungen, die hier nicht so interessant sind, die Bedeutung Lied oder Musikstück, bei dem die Stimmen nach strenger Regel nacheinander einsetzen. Der Weg von Rohr über Lineal und Regel bis hin zu mehrstimmiges Lied war also ziemlich weit und mit einigen Bedeutungsverschiebungen verbunden.

Der Weg, den „Kanone“ zurückgelegt hat, ist ein bisschen kürzer: Er fängt auch beim griechischen „kánna“ (κάννα = Rohr) an. Weiter geht es über lateinisches und italienisches „canna“ (Schilfrohr, Röhre) und die Ableitung „cannone“ (großes Rohr). Dieses Wort wird im 16. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. Die Bedeutung änderte von großes Rohr zu schweres Geschütz, die Form wurde eingedeutscht und das Geschlecht wurde der als weiblich empfundenen Form angepasst. So wurde „canna“ über „il cannone“ zu „die Kanone“.

„Kanon“ und „Kanone“ gehen also beide auf dasselbe Wort zurück, das Rohr bedeutete. Beim Geschütz kann man sich mit etwas Mühe noch recht gut vorstellen, wie aus dem (großen) Rohr eine Kanone wurde. Beim Gesang hingegen ist der Zusammenhang mit der Grundbedeutung wegen der vielen Bedeutungsänderungen nicht mehr ersichtlich. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie flexibel Verwendung und Bedeutung eines Wortes sich im Laufe der Wortgeschichte verändern können, so dass, etwas vereinfacht ausgedrückt, aus einem Rohr sowohl ein schweres Geschütz als auch ein mehrstimmiges Musikstück werden kann – und übrigens auch ein künstlicher Wasserlauf: „Kanal“.

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Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

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Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

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