LEOs Sprachblog zeigt es:
Vorangestellte Firmen- und Markennamen im Genitiv

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob es korrekt ist, Firmennamen als vorangestellte Genitivattribute zu verwenden und z.B. zu sagen: Googles KI-Suchmaschine (statt die KI-Suchmaschine von Google)? Mir widerstrebt das irgendwie …

Antwort

Guten Tag Frau F.,

manche Marketingbüros und Werbeabteilungen sind vielleicht nicht damit einverstanden, aber man kann Firmen-, Marken- und Produktnamen problemlos mit einer Genitivendung verwenden. Das ist korrekt und kommt auch recht häufig vor. Zum Beispiel:

Audis neustes Modell
BMWs Aufsichtsrat
Lidl ist Aldis größter Konkurrent
Coca-Colas Werbebudget
Apples Jahresgewinn
Googles KI-Suchmaschine

Siehe auch diesen schon etwas älteren Blogartikel. Er zeigt, dass diese Frage immer wieder auftaucht.

Wenn Ihnen der Genitiv dennoch nicht so richtig gefallen will, können Sie auch auf andere Formulierungen ausweichen. Zum Beispiel:

der Jahresgewinn von Apple / des Apple-Konzerns
das neueste Audi-Modell
das Werbebudget der Coca-Cola Company
die KI-Suchmaschine von Google

Bei Formulierungen mit von rümpfen echte Genitivfans vielleicht die Nase, aber sie sind gerade bei Namen auch standardsprachlich nicht unüblich.

Nicht in Frage kommt hier übrigens der Apostroph:

nicht: Audi’s neuestes Modell
nicht: BMW’s Aufsichtsrat
nicht: Google’s KI-Suchmaschine
nicht: LEO’s Sprachblog

Die Verwendung des Apostrophs ist in diesen Fällen nach der Rechtschreibregelung nicht richtig und führt auch bei Dr. Bopp von LEOs Fragendienst zu Nasenrümpfen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis/wann/dass/ob …

Frage

Ich bin gerade über die Frage gestolpert, wie es nach der Formulierung „Es ist nur eine Frage der Zeit, …“ sprachlich eigentlich weitergeht: mit „ob“, „dass“, „bis“ – oder ganz anders. Zum Beispiel: „Es ist nur eine Frage der Zeit, xxx es an dieser Stelle zu einem Unfall kommt.“

Das „ob“ kommt mir unplausibel vor, da die Formulierung „nur eine Frage der Zeit“ ja gerade zum Ausdruck bringt, dass es nicht darum geht, ob ein Unfall passiert oder nicht, sondern nur darum, wann er passiert. […]

Ich wäre sehr dankbar, Ihre Meinung zu dieser Frage kennen zu lernen.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

der üblichste, das heißt am häufigsten vorkommende Anschluss ist bis. Weniger häufig ist wann, noch weniger häufig ist dass. Für alle drei Varianten gibt es eine plausible Erklärung.

Mit es ist nur eine Frage der Zeit wird gesagt, dass etwas sicher eintreffen wird, dass nur noch nicht klar ist, zu welchem Zeitpunkt dies geschehen wird. Deshalb ist ob hier tatsächlich keine gute Wahl, denn ob leitet einen indirekten Fragesatz ein, der Ungewissheit oder Zweifel ausdrückt. Mit nur eine Frage der Zeit wird aber Gewissheit ausgedrückt.

Für die anderen drei Varianten könnte man wie folgt „argumentieren“:

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis/wann/dass es dort zu einem Unfall kommt

Es ist nur die Frage, wie viel Zeit vergeht, BIS es dort zu einem Unfall kommt.
Es ist nur die Frage, WANN es dort zu einem Unfall kommt.
Es ist nur die Frage, wann die Zeit da ist, DASS es dort zu einem Unfall kommt.

Am besten wählen Sie hier das allgemein übliche bis:

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es dort zu einem Unfall kommt

Aber auch das weniger häufige wann und das noch seltener vorkommende dass sind vertretbar.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es dort zu einem Unfall kommt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, dass es dort zu einem Unfall kommt

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Vieles Erfreuliche(s): Wie man ein (substantiviertes) Adjektiv nach viel… beugt

Frage

Im Duden Online-Wörterbuch las ich unter dem Artikel „viel“ einen Beispielsatz, der für mich grammatikalisch etwas verwirrend ist: „vieles Erfreuliche stand in dem Brief“.

Warum ist es nicht „vieles Erfreuliches“? Ein Adjektiv wird doch nach dem Wort „viel…“ in der Regel so dekliniert wie nach dem Nullartikel (z. B.: „Das hat er in vieler mühsamer Kleinarbeit gebastelt“).

Antwort

Guten Tag Frau H.,

ganz so einfach ist es leider nicht. Nach gebeugtem viel schwankt die Deklination des folgenden Adjektivs. Im Allgemeinen wird das Adjektiv gleich gebeugt wie viel:

viele schöne Kleider
die vielen schönen Kleider
viele Studierende
mit Hilfe vieler Freiwilliger
in vieler mühsamer Kleinarbeit

Ganz ohne Ausnahmen geht es „natürlich“ nicht. Nach den starken Formen vieles und vielem wird nämlich meistens schwach gebeugt:

vieles alte Wissen (selten: vieles altes Wissen)
mit vielem guten Willen (selten: mit vielem gutem Willen)
mit vielem Neuen (selten: mit vielem Neuem)
vieles Erfreuliche (selten: vieles Erfreuliches)

Sie können also vieles Erfreuliches verwenden, vieles Erfreuliche scheint aber üblicher zu sein.

Dass man hier ins Zweifeln geraten kann, hat vielleicht damit zu tun, dass bei einem Substantiv in der Einzahl häufiger das endungslose viel als gebeugtes viel- steht. Nach einfachem viel wird ein Adjektiv immer stark gebeugt:

in viel mühsamer Kleinarbeit
viel altes Wissen
mit viel gutem Willen
mit viel Neuem
viel Erfreuliches

Außer – schon wieder ist es doch nicht ganz so einfach – wenn vor viel ein Artikelwort steht. Dann wird immer alles schwach gebeugt:

die viele mühsame Kleinarbeit
dieses viele alte Wissen
trotz des vielen guten Willens
mit dem vielen Neuen
das viele Erfreuliche

Wenn man alles wie hier nacheinander auflistet, sieht es ziemlich kompliziert aus. In der Regel kommt es aber vor allem in zwei Fällen zu Zweifeln: bei Adjektiven nach den Formen vieles und vielem, weil dort häufig anders als sonst nach viel- nicht parallel gebeugt wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe hierzu z. B. Duden, Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 9. Auflage, 2021, Stichwort viel, oder die Angaben in der LEO-Grammatik.

Punkt oder oder nur Komma zwischen „zwar“ und „jedoch“?

Frage

Was halten Sie von folgendem Satz: „Wenn Sie das Limit erreichen, bleiben Ihre Alben zwar bestehen. Sie erhalten jedoch eine Fehlermeldung beim Versuch, neue Fotos hinzuzufügen“?

Es geht um „zwar“ und „jedoch“. Ist es sprachlich falsch oder vielleicht nur stilistisch unschön oder stellt es sogar in manchen Fällen eine gute stilistische Option dar, solche nebenordnenden paarigen Konjunktionen – hier „zwar“ und „jedoch“ – auf zwei Sätze zu verteilen und diese Sätze wie oben durch einen Punkt zu trennen? Wenn das eine oder das andere, warum?

Die Frage interessiert mich auch in Bezug auf solche Konjunktionen allgemein – also auch, ob es in Ordnung ist, zum Beispiel „nicht nur … sondern“ in dieser Weise „auseinanderzureißen“ („Das ist nicht nur unnötig. Sondern es ärgert manche Leute regelrecht“) oder „weder … noch“ usw. Zu lesen ist so etwas ja öfter.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es ist nicht üblich und in der Regel stilistisch auch nicht empfehlenswert, mehrteilige Konjunktoren wie nicht nur – sondern auch, weder – noch, entweder – oder, sowohl – als/wie auch auf zwei durch einen Punkt getrennte Sätze zu verteilen. Also besser wie folgt:

Das ist nicht nur unnötig, sondern es ärgert manche Leute regelrecht.
Es ist weder üblich noch ist es stilistisch empfehlenswert.
Entweder erscheint eine Fehlermeldung oder das Programm stürzt einfach ab.

Ich kenne keine Regel, die exakt diesen Fall beschreibt. Als Grund könnte man anführen, dass zwei Teilsätze durch mehrteilige Konjunktionen so eng miteinander verbunden (nebengeordnet) werden, dass man sie nicht durch einen Punkt voneinander trennt oder trennen sollte.

Das gilt weniger stark auch für Verbindungen mit zwar – aber/jedoch. Deshalb besser:

Wenn Sie das Limit erreichen, bleiben Ihre Alben zwar bestehen, Sie erhalten jedoch/aber eine Fehlermeldung beim Versuch, neue Fotos hinzuzufügen.
Wenn Sie das Limit erreichen, bleiben Ihre Alben zwar bestehen, aber Sie erhalten beim Versuch, neue Fotos hinzuzufügen, eine Fehlermeldung.
Dein Vorschlag ist zwar gut, nur kommt er viel zu spät.
Zwar weiß ich viel, doch möcht’ ich alles wissen [Goethe, Faust, V. 601]

Insbesondere bei längeren oder komplexeren Sätzen mit zwar wird gelegentlich auch der Punkt gewählt. Hier ein Beispiel aus der Duden-Grammatik:

Aufgrund der Tatsache, dass in (70 c) ein Objektsatz das Nachfeld besetzt, erscheint das finite Verb „hat“ zwar nicht ganz am Ende des gesamten Satzes. Wenn man aber einen Verbletztsatz nicht mittels der oberflächlichen Abfolgeverhältnisse, sondern aufgrund der Position des finiten Verbs in der rechten Satzklammer definiert, gelangt man auch hier zum richtigen Ergebnis. [Duden, Die Grammatik, 10. Auflage, 2022, S. 47]

Es ist also nicht grundsätzlich falsch, einen Punkt zu verwenden:

Wenn Sie das Limit erreichen, bleiben Ihre Alben zwar bestehen. Sie erhalten jedoch eine Fehlermeldung beim Versuch, neue Fotos hinzuzufügen.

Ich würde hier das Komma wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zusammengesetzte Wortungetüme

Frage

Könnten Sie mir bitte schreiben, wovon es abhängt, dass ein Nomen als Kompositum funktioniert, zum Beispiel „das Studentenleben“, und ein anderes, zum Beispiel „der Lebensmittelgeschäftsbesitzer“, besser klingt, wenn man es teilt: „der Besitzer“ und „das Lebensmittelgeschäft“? Gibt es bestimmte Regeln dafür?

Antwort

Guten Tag M.,

es gibt keine verbindliche Regel, wie lange oder komplex eine Zusammensetzung sein darf. Im Prinzip können Substantivzusammensetzungen beliebig lang sein. Je länger sie sind, desto schwieriger verständlich bis unverständlich sie werden. Auch stilistisch ist davon abzuraten, sehr lange Zusammensetzungen zu bilden. Eine eindeutige Grenze – zum Beispiel eine maximale Anzahl Elemente oder Buchstaben – gibt es aber nicht. Wie lange eine Zusammensetzung sein kann, liegt im Ermessen der Schreibenden bzw. Sprechenden.

Manchmal werden längere Zusammensetzungen mit Bindestrich geschrieben, damit sie einfacher lesbar sind. Zum Beispiel:

Hochgeschwindigkeits-Internetzugang
(oder: Hochgeschwindigkeitsinternetzugang)
Arbeiter-Unfallversicherungsgesetz
(oder: Arbeiterunfallversicherungsgesetz)
Ultraschall-Durchflussmessgerät
(oder: Ultraschalldurchflussmessgerät)

Ein Wort wie „Lebensmittelgeschäftsbesitzer“ finde ich nicht zu lang. Ohne Kontext sieht es sehr lang aus, aber in einem geeigneten Zusammenhang sollte es gut verständlich sein. Ebenso gut ist aber je nach Kontext zum Beispiel „Besitzer von Lebensmittelgeschäften“ oder „der Besitzer des/eines Lebensmittelgeschäftes“. Nicht mehr zu empfehlen wären aber längere Verbindungen wie „Lebensmittelgeschäftsbesitzervereinigung“ oder „Lebensmittelgeschäftsbesitzerehepaar“.

Als sehr grobe Faustregel kann gelten, dass eine Zusammensetzung aus nicht mehr als drei bis vier Elementen bestehen sollte. Wichtig sind aber auch der Zusammenhang, die Länge der einzelnen Teilwörter, nicht zu vergessen das Sprachniveau der möglichen Leserinnen und Leser (Stichwort Leichte Sprache) u.a.m.

Eindeutig viel zu lange Wörter findet man in der bundesdeutschen Beamtensprache. Hier zwei Beispiele von Wörtern, die es offenbar tatsächlich gegeben hat:

Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeits-übertragungsverordnung
(Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen BADV [2003-2007])

Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungsüberwachungs­aufgabenübertragungsgesetz
(Landesgesetz Mecklenburg-Vorpommern [2000-2013])

Solche Wortungetüme sollte man unbedingt vermeiden!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Christian VII. von Dänemark, sein Leibarzt und der Genitiv

Frage

Ich würde mich gerne erkundigen, ob und (wenn ja) wie Titel nachgestellt werden können, wenn der Name, auf den sie sich beziehen, nachgestellt ist und im Genitiv steht […].

Verwenden wir Beispielsweise „Christian VII. (der Siebte), König von Dänemark“. Wäre es korrekt zu schreiben: „Der Leibarzt Christians, des Siebten, König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.“, oder müsste man die Titel in seinem Namen anders deklinieren?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

wenn ein Herrschertitel oder eine andere nähere Bezeichnung nachgestellt wird, handelt es sich um eine nachgestellte lockere Apposition. Die Apposition steht im Prinzip im gleichen Fall wie der Name, den sie näher bestimmt:

Herr Müller, der Direktor der Fabrik, sprach ein paar Worte.
Ich stelle dir Markus, meinen Physiotherapeuten, vor.
Wir reden mit Andrea Schmidt, der Leiterin des Instituts.
Die Worte Herrn Müllers, des Direktors der Fabrik, waren eindrücklich.

Das gilt aber nur, wenn die Apposition einen Artikel bzw. ein Artikelwort bei sich hat. Wenn sie kein Artikel(wort) bei sich hat, steht sie im Nominativ:

Herr Müller, Direktor der Fabrik, sprach ein paar Worte.
Ich stelle dir Markus, Physiotherapeut, vor.
Wir reden mit Andrea Schmidt, Leiterin des Instituts.
Die Worte Herrn Müllers, Direktor der Fabrik, waren eindrücklich.

Das gilt auch für nachgestellte Herrscherbezeichnungen mit Artikel:

Christian der Siebte, der König von Dänemark
für Christian den Siebten, den König von Dänemark
mit Christian dem Siebten, dem König von Dänemark
die Herrschaft Christians des Siebten, des Königs von Dänemark

Christian VII., der König von Dänemark
für Christian VII., den König von Dänemark
mit Christian VII., dem König von Dänemark
die Herrschaft Christians VII., des Königs von Dänemark

und ohne Artikel:

Christian der Siebte, König von Dänemark
für Christian den Siebten, König von Dänemark
mit Christian dem Siebten, König von Dänemark
die Herrschaft Christians des Siebten, König von Dänemark

Christian VII., König von Dänemark
für Christian VII., König von Dänemark
mit Christian VII., König von Dänemark
die Herrschaft Christians VII., König von Dänemark

Endlich sind wir bei Ihrer Frage. Für Ihren Satz bedeutet dies, dass tatsächlich so gebeugt werden sollte:

Der Leibarzt Christians des Siebten, König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Der Leibarzt Christians VII., König von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Ich würde hier die Formulierung mit Artikel wählen (ich halte sie für etwas deutlicher), das ist aber keineswegs zwingend:

Der Leibarzt Christians des Siebten, des Königs von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Der Leibarzt Christians VII., des Königs von Dänemark, hieß Johann Friedrich Struensee.

Die Beugung von Herrschernamen mit Titeln u. Ä. ist im Deutschen alles andere als einfach. Siehe hierzu auch diese schon (viel) älteren Blogeinträge:
Wie man Herrscher beugt: Kaiser Karl im Genitiv
Zur Beugung heiliggesprochener Päpste
Wie Charles III. dekliniert wird

Ist „Lesen“ ein Verb oder ein Substantiv?

Frage

„Das Lesen gefällt mir.“ Für mich ist „Lesen“ ein substantivisch gebrauchtes Verb. Es wird wie ein Substantiv verwendet, es bleibt aber dennoch für mich ein Verb. […] Ich kann nicht nachvollziehen, dass man „Lesen“ hier ein Substantiv nennt! Es bleibt rein von der Wortart her ein Verb. Ich bitte hier um eine klare Definition der Wortart. Vielen Dank!

Antwort

Guten Tag Frau R.,

man muss hier, grob gesagt, zwischen der Bedeutung und der Funktion im Satz unterscheiden. Eine Wortart (Verb, Substantiv, Adjektiv usw.) kennzeichnet sich unter anderem dadurch aus, wie ein Wort gebeugt wird und welche Rolle/Stellung es im Satz haben kann.

Wenn das Verb „lesen“ zu „Lesen“ substantiviert wird, ändert sich die Bedeutung nicht wesentlich. Die Beugung und das Verhalten im Satz sind aber nicht mehr dieselben:

Verb:

a) ein Buch lesen
b) aufmerksam lesen
c) ich lese, du liest
d) statt zu lesen

Substantiv (substantivierter Infinitiv):

a) das Lesen eines Buches
b) aufmerksames Lesen
c) mein Lesen, dein Lesen
d) statt des Lesens

Von der Bedeutung her unterscheiden sich „lesen“ und „Lesen“ nicht stark voneinander. Sie haben aber ein ganz anderes syntaktisches Verhalten. Substantivierte Infinitive verhalten sich im Satz nicht wie Verben, sondern wie Substantive.

Hier zeigt sich ein Problem der Wortartenbestimmung: Zu einer bestimmten Wortart gehörende Wörter können zu einer anderen Wortart wechseln, ohne dass sich die Bedeutung wesentlich ändert. Substantivierte Verben werden häufig zu den Substantiven gerechnet, weil sie sich im Satz nicht wie Verben, sondern wie Substantive verhalten. Ein Wort, das Artikel, gebeugte Adjektive, Genitivattribute usw. bei sich haben kann und eine Genitivendung annehmen kann, ist ein Substantiv (Nomen). Deshalb kann man „das Lesen“ nicht einfach ein Verb nennen. Vergleichen Sie zum Beispiel „das Arbeiten“ mit „die Arbeit“, „das Betreuen“ mit „die Betreuung“ und „das Lesen“ mit „die Lektüre“.

Wenn es Ihnen zu weit geht, „das Lesen“ als Substantiv zu bezeichnen, nennen Sie es einfach einen substantivierten Infinitiv oder ein substantiviertes Verb. Mit diesen Bezeichnungen trifft man den die Stellung zwischen Verb und Substantiv vielleicht etwas besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wies’n/Wiesn, g’suffa/gsuffa: Bairisch kommt oft auch ohne Apostrophe aus

Frage

Der Apostroph steht ja immer dann, wenn etwas ausgelassen wird. In der Mundart wird er gern weggelassen, etwa bei „Wiesn“ oder „gsuffa“. Aber wie ist das bei Franz Beckenbauers Spruch „Geht(s) raus und spielt(s) Fußball“? Hier wird meiner Meinung nach nichts weggelassen, weswegen ich finde, dass die Apostrophe dort nicht hingehören. Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wenn bairisch geschrieben wird, kann auf diese Apostrophe verzichtet werden. Die Endung en und die Vorsilbe ge gibt es im Bairischen (fast) nicht, so dass, wie Sie richtig bemerken, eigentlich gar nichts weggelassen wird:

Wiesn
Wörta san de Quelln vo olln Missvaständnissn
de feschn Buam
lesn und schreim (lesen und schreiben)
glesn und gschriem (gelesen und geschrieben)
oans, zwoa, gsuffa

Auch bei den Verbformen der zweiten Person Plural braucht es keinen Apostroph. Sie haben im Bairischen in der Regel eine längere Endung als im Standarddeutschen, nämlich ts statt nur t:

ia gehts
ia habts
machts weida so!
gehts raus uns spielts Fußball!

Wenn man bairische Wörter und Ausdrücke in standarddeutschen Texten verwendet, kann es aber manchmal nützlich sein, der besseren Lesbarkeit zuliebe doch Apostrophe zu verwenden. Die Schreibweise der Mundarten und Dialekte ist ja nicht standardisiert.

Und außerdem gibt es nicht nur ein Bairisch, sondern viele verschiedene bairische Mundarten. Es wird also auch abgesehen vom Apostroph häufig anders geschrieben und gesprochen, als es hier oben steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Pfingsten, Pentecôte, Pentecost

Wie man an verschiedenen Orten einfach nachlesen kann, kommt das Wort Pfingsten über einige Ecken und „unpräzise“ Aussprachen vom griechischen pentēkostē (hēméra) = fünfzigster (Tag). Diesen Ecken und Ausspracheveränderungen ist zu verdanken, dass man fast nicht mehr sehen kann, dass unser Pfingsten eng mit den Namen verwandt ist, die dieser Feiertag in anderen Sprachen trägt:

frz. Pentecôte
ital. pentecoste
span. Pentecostés
engl. Pentecost, Whitsuntide, Whitesunday

Beim Englischen hört die Gemeinsamkeit aber schnell wieder auf, denn der Weiße Sonntag bezeichnet im Deutschen einen anderen Sonntag als der Whitesunday im Englischen.

Ähnlich „schludrig“ wie bei unserem Pfingsten ging es auch in anderen germanischen Sprachen zu:

nl. Pinksteren
schwed. Pingst
norw./dän. Pinse

Wie dem auch sei: Ich wünsche schöne, geruhsame und möglichst staufreie Pfingsttage!

Groß und klein: auf Rot springen und auf leise drehen

Frage

Die in allen möglichen einschlägigen Ratgebern (so auch hier am 14.10.2014) zu findende allgemeine Auffassung zur Groß- und Kleinschreibung von Farbwörtern beinhaltet, dass in folgenden Fällen die Farbwörter substantiviert und damit großzuschreiben sind:

Die Ampel springt auf Rot.
Nach dem Schlüpfen wechselt der Marienkäfer seine Farbe von Gelb auf Rot.
Die Ampel wechselt von Grün zu/auf Rot.

Da die Farbwörter in diesen Beispielen jeweils auf Präpositionen folgen, werden sie als Substantivierungen angesehen. Ich sehe es im Grunde genauso – dennoch lese ich immer wieder Sätze wie:

Die Ampel wechselt von rot auf grün.
Die LED wechselt von orange auf grün.

Wenn ich nun länger darüber nachdenke, tue ich mich schwer damit, einen Unterschied zu analogen Sätzen zu finden wie:

Der Ton wechselt von leise auf laut.
Der Abstand [z. B. von sich wiederholenden Ereignissen] ändert sich von lang zu kurz.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier Substantivierungen vorliegen („das Laut“, „das Kurz“?) und stelle mir also die Frage, ob […] in den genannten Beispielen mit Farbwörtern diese dann nicht auch als Adjektive aufgefasst und dementsprechend kleingeschrieben werden können.

Antwort

Guten Tag Herr L.,

es liegt hier nicht nur an der Präposition, dass großeschrieben wird. Ungebeugte Adjektive werden nach einer Präposition dann großgeschrieben, wenn sie auch sonst als Substantive üblich sind:

für Jung und Alt (vgl. Jung und Alt sind eingeladen)
etwas auf Deutsch sagen (vgl. Deutsch ist eine Sprache, die Sprache Deutsch)
die Ampel springt auf Rot (vgl. Rot ist eine Farbe, die Farbe Rot)

die Ampel wechselt von Grün auf Rot
die LED wechselt von Orange auf Grün

Das ergibt sich aus § 58 E2 der Rechtschreibregelung, siehe hier.

Sonst wird in der Regel kleingeschrieben:

den Ton auf leise drehen
der Abstand ändert sich von lang zu kurz

Ganz so eindeutig ist es aber nicht immer – mehr dazu hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp