Graduierend oder verstärkend: hoch ansteckend oder hochansteckend?

Frage

Ich streite gerade mit einem Kollegen, und deshalb brauchen wir eine dritte Meinung. Es geht um das Wort „hochansteckend“ (ist ja gerade sehr aktuell, um nicht zu sagen hochaktuell). Er würde es „auf jeden Fall“ zusammenschreiben, weil es dasselbe bedeute wie „hochinfektiös“ […] Ich würde aber „hoch ansteckend“ eher mit solchen Wörtern wie „hoch verzinst“, „hoch kompliziert“ vergleichen und getrennt schreiben. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diesen Streit kann ich nicht eindeutig schlichten. Verbindungen von „hoch“ mit Adjektiven und Partizipien sind nämlich ein schwieriges Kapitel, wenn es um die Getrennt- und Zusammenschreibung geht. Für mich liegt die Hauptschwierigkeit in der Unterscheidung zwischen:

a) einer  „graduierenden Bestimmung“, bei der getrennt oder zusammengeschrieben werden kann [amtl. Rechtschreibregelung § 36(2.2); allgemein gültig/allgemeingültig, eng verwandt/engverwandt, schwer verständlich/schwerverständlich, schwer krank/schwerkrank]

b) einem „bedeutungsverstärkenden Bestandteil“, bei dem zusammengeschrieben wird [amtl. Rechtschreibregelung § 36(1.5); bitter- (bitterböse, bitterernst, bitterkalt), brand-, dunkel-, erz-, extra-, früh-, gemein-, grund-, hyper-, lau-, minder-, stock-, super-, tod-, ultra-, ur-, voll-].

Dann gibt es auch noch:

c) die Regel für Verbindungen mit Partizipien, nach der getrennt oder zusammengeschrieben werden kann [§ 36(2.1); die Rat suchenden/ratsuchenden Bürger, eine allein erziehende/alleinerziehende Mutter; ein klein geschnittenes/kleingeschnittenes Radieschen, selbst gebackene/selbstgebackene Kekse]

Für das Wort „hoch“ gibt die Wörterliste, die zur Rechtschreibregelung gehört, die folgenden Beispiele an:

a) hochbegabt, hoch begabt; hochkompliziert, hoch kompliziert …
b) hochaktuell, hochberühmt, hochbrisant, hochempfindlich, hochgiftig …
c) hoch dotiert, hochdotiert; hoch industrialisiert, hochindustrialisiert; hoch verschuldet, hochverschuldet … 

Ich werde daraus, ehrlich gesagt, nicht wirklich weise. Wo genau liegt zum Beispiel die Grenze zwischen „graduierend“ und „bedeutungsverstärkend“? Mir hilft häufig die Betonung: Wenn man „hoch“ und das Adjektiv resp. Partizip ungefähr gleich stark betonen kann, kann getrennt geschrieben werden. Wenn die Hauptbetonung auf „hoch“ liegt, wird zusammengeschrieben. In Zweifelsfällen gilt: am besten zusammenschreiben.

Für Ihren Fall heißt das, dass sowieso zusammengeschrieben werden kann, denn das ist in allen drei Fällen möglich. Ich halte aber auch die Getrenntschreibung für vertretbar, einerseits wegen c), andererseits aber auch, weil die fragliche Verbindung unter a) fallen kann:

hochansteckend = äußerst ansteckend; in hohem Grad ansteckend
hoch ansteckend = in hohem Grad ansteckend

Das gilt meiner Meinung nach auch in Verbindung mit „infektiös“, auch wenn ich vermute, dass hier nicht alle einverstanden sind:

hochinfektiös = äußerst infektiös; in hohem Grad infektiös
hoch infektiös = in hohem Grad infektiös

Ganz egal ob hoch ansteckend oder hochansteckend: Mögen Impfungen, angemessene Vorsicht, warmes Sommerwetter und daneben, wo nötig, eine zünftige Portion kollektives Glück dazu beitragen, dass die Ansteckungsgefahr weicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieferung von 10 Stück Rollgitter[n]?

Frage

Bei uns ist ein Streit entbrannt, den wir nicht zu lösen vermögen. Wir haben die „Lieferung von zwei Stück Rollgittern“ ausgeschrieben. Die ausschreibende Stelle behauptet aber Stein und Bein, dass hier […] „Lieferung von 2 Stück Rollgitter“ stehen müsse.

Davon abgesehen, dass „Stück“ hier unnötigerweise verwendet wird, empfinden wir die Lösung mit dem Dativ intuitiv als die korrekte. Stimmt das, und wie könnte man das begründen?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

nach der Mengeneinheit „Stück“ wird das Gezählte in der Regel als Apposition mit Kasusangleichung verwendet. Das heißt im Klartext, dass das Gezählte im gleichen Fall steht wie „Stück“. In Ihrem Beispiel ist dies der Dativ, den „von“ fordert:

Lieferung von zwei Stück Rollgittern
Lieferung von zwei Stück verzinkten Rollgittern

ABER: Die Formulierung ohne Kasusangleichung kommt hier auch recht häufig vor. Das Gezählte steht dann im Nominativ:

Lieferung von zwei Stück Rollgitter
Lieferung von zwei Stück verzinkte Rollgitter

Ich halte den Dativ hier für besser, aber der Nominativ kann nicht als falsch bezeichnet werden. So gesehen haben bei Ihnen also alle recht.

Noch besser ist es aber tatsächlich, hier „Stück“ gar nicht zu verwenden:

Lieferung von zwei Rollgittern
Lieferung von zwei verzinkten Rollgittern

Als Mengeneinheit ist „Stück“ vor allem in direkter Verbindung mit Nichtzählbarem (Stoffbezeichnungen) sinnvoll:

zwei Stück Seife
ein Stück Zucker
drei Stück Kuchen

Bei Zählbarem (Einzelstücken) ist „Stück“ überflüssig, außer wenn man in Tabellen auf Biegen und Brechen eine Maßeinheit angeben muss.

Rollgitter: 2 Stück
Elektrofahrzeuge: 10 Stück
Schutzmasken: 50 Stück

Die Kombination von „Stück“ mit zählbaren Einheiten findet sich vor allem dort häufig, wo mit Bestell- und Lieferlisten gearbeitet wird. Aber auch dort geht es meist eleganter und ebenso deutlich ohne die Angabe „Stück“:

2 Stück Rollgitter = 2 Rollgitter
10 Stück Elektrofahrzeuge = 10 Elektrofahrzeuge
50 Stück Schutzmasken = 50 Schutzmasken

Den Unterschied zwischen Nichtzählbarem und Zählbarem sieht man übrigens bei zum Beispiel „zwei Stück Kuchen“ gut: Gemeint sind nicht zwei ganze Kuchen (Einzelstücke), sondern zwei Stücke der Gebäckart Kuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fragen aller Art[en]?

Frage

So einfach wie die Frage daherkommt, so wenig weiß ich die Antwort: Wir sagen im Deutschen „Er nutzt Medien aller Art“, „Er liest Geschichten aller Art“, aber nie bzw. sehr selten „Medien aller Arten“, „Geschichten aller Arten“. Können Sie den Unterschied erklären?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

die Antwort ist nicht so einfach, weil sich hier keine eindeutige Regel zitieren lässt. Richtig ist hier vor allem, was gebräuchlich ist.

Im Allgemeinen gilt:

  • Wenn „all…“ jedes Individuum oder jedes Element einer bestimmten Gruppe/Anzahl/usw. bezeichnet, steht der Plural:

alle Passagiere
alle Buntstifte
alle Erwartungen
alle Arten von Geschichten

  • Wenn „all…“ etwas in seiner Gesamtheit bezeichnet, steht der Singular:

alles Geld
alles Gute
mit aller Kraft
alles Reden hilft nichts

Das würde dafür sprechen, dass es „Medien aller Arten“ oder „Geschichten aller Arten“ heißen müsste. Es geht ja nicht um eine Art in ihrer Gesamtheit, sondern um jede mögliche Art. Dennoch ist hier der Singular üblich. Warum?

Es gibt Ausnahmen zur genannten Unterscheidung zwischen

  • jedes Element → „all“ mit Plural
  • Gesamtheit → „all“ mit Singular

Dabei handelt es sich um feste Wendungen, die zum Teil auf einen älteren Sprachgebrauch zurückgehen. Dann wird „aller/alle/alles“ wie „jeder/jede/jedes“ im Singular verwendet:

Geschichten aller Art
auf alle Weise
Aller Anfang ist schwer

Theoretisch kann auch auf die sonst übliche Weise formuliert werden:

Geschichten aller Arten
auf alle Weisen
Alle Anfänge sind schwer

Das ist aber nicht gebräuchlich, weil man hier die bekannten festen Wendungen vorzieht. Ich versuche alle Arten von Sprachfragen zu beantworten – oder mit der festen Wendung ausgedrückt: Sprachfragen aller Art.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die möglichst geringsten Nebenwirkungen?

Frage

Jemand hat folgende Frage gestellt: „Mit welchem Impfstoff kann ich mich impfen lassen, um die möglichst geringsten Nebenwirkungen zu bekommen?“

Diese Frage hat mir sehr zu schaffen gemacht, aber nicht etwa, weil Impfstoffe gerade jetzt ein heikles Thema darstellen, sondern weil sich die Formulierung „möglichst geringst“ verdächtig so anhört, als wäre es ein doppelter Superlativ. Stimmt das? Wie hätte der Fragesteller die Frage besser — oder wenigstens anders — ausdrücken können?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Formulierung „die möglichst geringsten“ ist tatsächlich ein doppelter Superlativ, der vermieden werden sollte (vgl. hier). Besser sind Formulierungen wie diese mit nur einer Form im Superlativ:

um möglichst geringe Nebenwirkungen zu riskieren
um die geringstmöglichen Nebenwirkungen zu riskieren

Ich bin übrigens heute Morgen zum zweiten Mal geimpft worden. Die Nebenwirkungen beschränken sich bei mir zurzeit auf einen leicht schmerzhaften Punkt an der Impfstelle am Oberarm – vor allem wenn ich darauf drücke. So wie es aussieht, muss ich nur die geringstmöglichen Nebenwirkungen „ertragen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist Ivanisavic Djokovics Trainer oder Djokovic’ Trainer?

Je nachdem wie man die Namen transkribiert, kann im Titel u. a. auch stehen:

Ist Ivanišavić Đokovićs Trainer oder Đoković’ Trainer

Die Angaben im Artikel gelten für beide Schreibweisen.

Frage

Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im Duden zum Thema Genitiv und Apostroph „neu“ das Beispiel „Andric’ Romane“ stehe. Ich habe bisher bei gesprochenem „itsch“ immer ein -s angehängt, also „Andrics Romane“ usw., und sehe das auch so bei Zeitungen wie der NZZ oder der Zeit. Wie sehen Sie das?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

auch ich schreibe „Djokovics Trainer“ und „Andrics Romane“ mit einem Genitiv-s, auch wenn im Duden etwas anderes steht.

Wenn -ic am Ende „-its“ gesprochen wird, ist der Apostroph richtig. Das „-ic“ resp. „-ić“ in vom Balkan stammenden Namen wird aber wie „-itsch“ ausgesprochen. Das ist meiner Meinung nach mittlerweile allgemein bekannt. Es gibt dann keinen Grund, das Genitiv-s durch einen Apostroph zu ersetzen. Also:

Djokovics Trainer
Miloševićs Regime
Andrićs Roman „Das Fräulein“

In Duden, „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“, 2016, Stichwort „Apostroph“ 4.1, steht:

Der Apostroph steht heute im Allgemeinen auch zur Kennzeichnung des Genitivs von Namen, die zwar anders geschrieben werden, aber ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden:

Andrić’ Romane, Cyrankiewicz’ Staatsbesuch usw.

Hier stehen zwei fragwürdige Dinge:

1) „im Allgemeinen“

Bei einer schnellen Suche in Google und in Korpora (z.B. beim DWDS) ist festzustellen, dass der Genitiv solcher Namen viel häufiger mit -s als mit Apostroph geschrieben wird.

2) „Namen, die […] ebenfalls auf [t͜ʃ] oder [ts] enden“

Die Regel, dass im Genitiv ein Apostroph geschrieben wird, gilt nach § 96(1) der amtl. Rechtschreibregelung für Namen, die auf ein gesprochenes s enden. Die Beispiele sind:

Aristoteles’ Schriften, Carlos’ Schwester, Ines’ gute Ideen, Felix’ Vorschlag, Heinz’ Geburtstag, Alice’ neue Wohnung

Das ist bei Namen auf „-ic“ nicht der Fall, weil sie in der Regel nicht auf einen s-Laut, sondern auf einen sch-Laut [ʃ] enden. Bei solchen Namen wird im Genitiv ggf. ein s gesprochen und geschrieben. Zum Beispiel:

Frischs Romane,  Milowitschs Theaterkarriere, Timothy Peachs Filmrollen

Die Apostrophregel gilt nach § 96(E2) weiter auch für Namen, deren geschriebene Form auf ein stummes -s, -z oder -x enden:

Cannes’ Filmfestspiele, Boulez’ bedeutender Beitrag, Giraudoux’ Werke.

Das ist hier aus zwei Gründen nicht der Fall: Namen auf „-ic“ enden nicht auf -s, -z oder -x und das -c am Schluss ist nicht stumm, sondern es wird wie „tsch“ ausgesprochen.

Die Schreibung „Andric’ Romane“ lässt sich also weder durch die Rechtschreibregelung noch durch die Aussprache und auch nicht durch den allgemeinen Schreibgebrauch begründen. Ich halte deshalb die Angaben in Duden in diesem Fall für nicht zutreffend, und ich schreibe und empfehle:

Andrics Romane / Andrićs Romane
Djokovics Trainer/ Đokovićs Trainer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Urlaub in Urlaub fahren

Frage

Immer wieder sehe ich die beiden Varianten „Wohin fährst Du in den Urlaub?“ und „Wohin fährst Du im Urlaub?“. Die Antwort ist klar mit Akkusativ: „ans Meer“, „in die Berge“ usw. Könnten Sie mit den Unterschied erklären oder ist eine Version falsch?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

auch wenn einige meinen, „im Urlaub“ sei hier falsch, sind beide Versionen als richtig anzusehen. Es gibt aber einen leichten Bedeutungsunterschied:

Die Formulierungen „in (den) Urlaub fahren“ ist eine feste Wendung. Sie drückt aus, dass jemand sich für den Urlaub irgendwohin begibt:

Wohin fährst du in den Urlaub? (= Was ist dein Urlaubsziel?)
Ich fahre in die Eifel in den Urlaub.
irgendwohin in (den) Urlaub fahren

Die Formulierung „im Urlaub“ ist eine Zeitangabe (wann?). Man gibt an, dass etwas während des Urlaubs geschieht.

Wohin fährst du im Urlaub? (= Wohin fährst du während des Urlaubs?)
Ich fahre im Urlaub in die Eifel.
im Urlaub irgendwohin fahren

Vgl.

Was machst du im Urlaub?
Ich bleibe im Urlaub zu Hause.

Bei der Angabe des Urlaubsziels ist „irgendwohin in (den) Urlaub fahren/gehen/reisen“ üblich. Wenn man angibt, was man während seines Urlaubs (unter anderem) tut, ist aber auch „im Urlaub irgendwohin fahren“ möglich. Dasselbe gilt für „irgendwohin in die Ferien fahren“ und „in den Ferien irgendwohin fahren“, wenn Sie aus einer  Sprachregion kommen, in denen man in solchen Fällen eher „Ferien“ als „Urlaub“ sagt.

Mögen wir bald wieder im Urlaub überallhin in Urlaub fahren können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welche Formen hat das Verb „leiben“?

Frage

Das Verb „leiben“ ist ein altes Verb. Laut Duden und Wiktionary solle die Konjugation mit dem Hilfsverb „haben“ erfolgen. Welches ist dann die Partizip-Perfekt-Form? Welche Konjugationsformen gibt es noch bzw. nicht mehr?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Verb „leiben“ wird regelmäßig (schwach) gebeugt:

leiben, leibte, hat geleibt

Nach den Angaben der Wörterbücher kommt „leiben“ heute nur in der festen Wendung „wie jemand/etwas leibt und lebt“ vor (Bedeutung: „lebensecht; wie jemand/etwas typischerweise auftritt“). Bei dieser Formulierung gibt es keine Einschränkung bezüglich Modus, Tempus und Person, in der sie stehen kann. Zumindest theoretisch sind also außer dem Imperativ (ein Nebensatz kann nicht im Imperativ stehen) alle Formen möglich. Zum Beispiel:

wie ihr leibt und lebt
wie du leibtest und lebtest
wie sie leibe und lebe
wie sie geleibt und gelebt haben
wie wir leiben und leben werden

Manche dieser Formen kommen wahrscheinlich nur selten oder gar nicht vor, möglich sind sie aber alle.

Hier zeigt sich wieder einmal eine Schwierigkeit, die entsteht, wenn für selten vorkommende Wörter angegeben werden soll, welche Formen „es gibt“. Gehören Formen dazu, die es theoretisch geben kann, deren Vorkommen aber kaum oder nicht nachzuweisen ist? Meine Meinung ist, dass man hier großzügig sein sollte. Von „kommt nicht vor“ oder „gibt es nicht“ zu „ist falsch“ ist es nämlich nur ein kleiner Schritt, den manche für meinen Geschmack viel zu schnell machen.

Kurzum: Beim Verb „leiben“ sind heute außer dem Imperativ alle Flexionsformen möglich, gebräuchlich sind aber vor allem die Formen der dritten Person.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Wo stehen die Kommas“ lautet die Frage „wenn das Zitat bei einem Komma unterbrochen wird?“

Heute ist der Beitrag noch etwas wortreicher als sonst. Seine Länge zeigt, dass es in gewissen Fällen schwierig ist, herauszufinden, was die Rechtschreibregelung genau meint. Wer vor allem die Antwort und weniger die Erklärung interessant findet, liest nach dem ersten Abschnitt einfach nicht weiter.

Frage

Ich bin mir unsicher, wie Kommas bei der wörtlichen Rede korrekt zu setzen sind, wenn der Begleitsatz in Zitat eingebettet ist

„Könnte es sein(,)“, widersprach er spöttisch, „dass dir sein Essen nicht bekommt?“

„Als ich ein Kind war(,)“, rief Anna fröhlich, „habe ich gerne Schmetterlinge beobachtet.“

Kopfzerbrechen bereitet mir jeweils das in Klammern gesetzte Komma. Gehört es dort hin oder nicht?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

dieser Fall ist tatsächlich recht knifflig, denn in der Rechtschreibregelung ist keine Regel zu finden, die ihn ausdrücklich beschreibt. Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Wenn der Begleitsatz das Zitat bei einem Komma unterbricht, entfällt das Komma des Zitats. Es steht kein Komma vor einem abschließenden Anführungszeichen:

„Könnte es sein“, widersprach er spöttisch, „dass dir sein Essen nicht bekommt?“

„Als ich ein Kind war“, rief Anna fröhlich, „habe ich gerne Schmetterlinge beobachtet.“

Doch wie komme ich zu dieser Antwort? In der amtlichen Rechtschreibregelung ist, wie gesagt, keine Regel zu finden, die diesen Fall ausdrücklich behandelt. Zum Zusammentreffen von Anführungszeichen und anderen Satzzeichen beim Zitieren steht dort zuerst ganz allgemein:

§ 90
Satzzeichen, die zum wörtlich Wiedergegebenen gehören, setzt man vor das abschließende Anführungszeichen; Satzzeichen, die zum Begleitsatz gehören, setzt man nach dem abschließenden Anführungszeichen.

Dann geht es weiter mit Angaben zu Frage- und Ausrufezeichen:

§ 91
Sowohl der angeführte Satz als auch der Begleitsatz behalten ihr Ausrufe- oder Fragezeichen.

Beispiele sind u. a.:

„Du kommst jetzt!“, rief sie.
„Kommst du morgen?“, fragte er.

Auch zum Punkt werden Angaben gemacht:

§92
Beim angeführten Satz lässt man den Schlusspunkt weg, wenn er am Anfang oder im Innern des Ganzsatzes steht.

Beispiele sind u. a.:

„Ich komme morgen“, versicherte sie.
Sie sagte: „Ich komme gleich wieder“, und holte die Unterlagen.

Bis jetzt wissen wir also, dass Frage- und Ausrufezeichen vor dem Begleitsatz stehen bleiben und der Punkt dort weggelassen wird. Das Komma wird hier nicht erwähnt.

Zum Komma bei Begleitsätzen wird hier etwas gesagt:

§93
Folgt nach dem angeführten Satz der Begleitsatz oder ein Teil von ihm, so setzt man nach dem abschließenden Anführungszeichen ein Komma.
Ist der Begleitsatz in den angeführten Satz eingeschoben, so schließt man ihn mit paarigem Komma ein.

Beispiele sind u. a.:

„Ich komme gleich wieder“, versicherte sie.
„Komm bald wieder!“, rief sie.
„Wann kommst du wieder?“, rief sie.
„Ich werde“, versicherte sie, „bald wiederkommen.“
„Kommst du wirklich“, fragte sie, „erst morgen Abend?“

Hier wird klar, dass die Kommas, die den Begleitsatz vom Zitat trennen, außerhalb der Anführungszeichen stehen. Wie aber mit einem Komma des Zitats umzugehen ist, wird auch hier nicht erwähnt.

Auch wenn man jetzt die Regeln einzeln betrachten oder sie gegeneinander abwägt, ist es schwierig, herauszufinden, wie man zu schreiben hat:

„Könnte es sein,“, widersprach er spöttisch, „dass dir sein Essen nicht bekommt?“
„Könnte es sein“, widersprach er spöttisch, „dass dir sein Essen nicht bekommt?“

Für richtig halte ich, wie oben schon gesagt, die zweite Schreibweise. Als „Beweis“ kann ich nur einen Beispielsatz aus der Rechtschreibregelung anführen. Der einleitende Paragraph zu den Anführungszeichen §89(1) sagt:  „Mit Anführungszeichen schließt man etwas wörtlich Wiedergegebenes ein“, und gibt u. a. diesen Beispielsatz an:

„Wir haben die feste Absicht, die Strecke stillzulegen“, erklärte der Vertreter der Bahn, „aber die Entscheidung der Regierung steht noch aus.“

Das Komma, das ohne Begleitsatz zwischen „stillzulegen“ und „aber“ stehen muss, wird also vor dem eingeschobenem Begleitsatz weggelassen.

Der Fall, der Sie stutzen ließ, wird nicht ausdrücklich in der Rechtschreibregelung beschrieben. Man muss ziemlich genau hinschauen, um anhand eines allgemeinen Beispielsatzes herauszufinden, wie die Regelung in diesem Fall vorzugehen wünscht.

Zusammenfassend kann man sagen: Frage- und Ausrufezeichen des Zitats bleiben vor dem Begleitsatz erhalten. Punkt und Komma des Zitats fallen vor dem Begleitsatz weg.

Richtig sind die Kommas im Titel also wie folgt gesetzt:

„Wo stehen die Kommas“, lautet die Frage, „wenn das Zitat bei einem Komma unterbrochen wird?“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die (Alternativen-)Einklammerung

Frage

Ich habe zwei Fragen. Es geht um das Einklammern einzelner Buchstaben wie zum Beispiel bei „innerhalb der Unterrichtsstunde(n)“ und „folgende Frage(n)“. Nirgendwo […] kann ich finden, ob ein Bindestrich innerhalb der Klammer nötig ist. […]

Bei der zweiten Frage geht es um „das Weiter(‑Nach‑)denken“, womit sowohl „das Weiterdenken“ als auch „das Weiternachdenken“ gemeint ist. Ist diese Schreibweise richtig oder müsste es „Weiter(-nach-)denken“ oder ganz einfach „Weiter(nach)denken“ heißen?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wenn mit Hilfe von Klammern verkürzt angegeben wird, dass es Alternativen gibt, steht im Prinzip kein Bindestrich oder Ergänzungsstrich:

innerhalb der Unterrichtsstunde(n)
= Unterrichtsstunden o. Unterrichtsstunde
folgende Frage(n)
= folgende Fragen o. folgende Frage
Klein(st)mengen
= Kleinstmengen o. Kleinmengen
das Nudel(suppen)rezept
= das Nudelsuppenrezept o. das Nudelrezept
das Weiter(nach)denken
= das Weiternachdenken o. das Weiterdenken

Der Bindestrich muss gesetzt werden, wenn bei einer der Alternativen ohne Klammern ein Bindestrich stehen muss. Der Bindestrich steht innerhalb der Klammer, also bei dem Wortteil, mit dem zusammen er weggelassen werden kann:

ein (Damen-)T-Shirt
= ein Damen-T-Shirt o. ein T-Shirt
der (Low-Budget-)Film
= der Low-Budget-Film o. der Film

Ein Bindestrich wird häufig auch dann verwendet, wenn der zweite Teil ein Substantiv ist. Er steht dort, wo er sonst ggf. zur Verdeutlichung stehen könnte:

das (Retro-)Design
= das Retrodesign/Retro-Design o. das Design
ein (Schnell-)Lader
= ein Schnelllader/Schnell-Lader o. ein Lader
die (Wieder-)Aufnahme
= die Wiederaufnahme/Wieder-Aufnahme o. die Aufnahme

Dieser Bindestrich, wird mit dem Ziel gesetzt, die Lesbarkeit oder Erkennbarkeit zu erhöhen, wenn eine der Alternativen in der Zusammensetzung kleingeschrieben und allein stehend großgeschrieben wird. Es ist hier aber auch möglich, ohne Bindestrich zu schreiben:

das (Retro)design
ein (Schnell)lader
die (Wieder)aufnahme

Bei „Weiter(nach)denken“ und „Nudel(suppen)rezept“ ist diese Verwendung von Bindestrichen überflüssig, weil beide Alternativen mit und ohne Klammern dieselbe Groß- und Kleinschreibung haben. Von Klammern ist sogar abzuraten. Wenn man hier Klammern verwendet, wird die Sache nämlich nicht leichter lesbar, sondern kompliziert und unübersichtlicher: „Weiter-(Nach-)Denken“, „Nudel-(Suppen-)Rezept“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ich denke, dass der Konjunktiv hier falsch sei

Frage

Wir sind uns bei der Verwendung des Konjunktivs I nicht ganz einig. Könnten Sie bitte helfen? Es geht um die Verben des Meinens, Glaubens, Denkens in der ersten Person Präsens mit einem Objektsatz. Kann man hier den Konjunktiv I verwenden, um seine subjektive Sicht auszudrücken und zuzugestehen, dass man vielleicht falsch liegt? Beispiele:

Ich denke, Tanzen sei spannend.
Ich finde, dass das Kleid schön sei.
Ich nehme an, er sei krank.
Ich vermute, dass sie jetzt in der Schule sei.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund sei.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

bei Verben des Sagens, Denkens, Glaubens, Meinens usw. wird mit dem Konjunktiv angegeben, dass das Gesagte als indirekte Wiedergabe der Äußerung einer Drittperson verstanden werden soll. Man gibt an, dass man nicht die eigenen Worte/Gedanken äußert, sondern die Worte/Gedanken anderer wiedergibt.

Wenn das Subjekt des einleitenden Verbs eine erste Person ist, drückt der Sprecher bzw. die Sprecherin direkt die eigene Meinung, die eigenen Gedanken usw. aus. Der Konjunktiv, der Indirektheit anzeigt, ist deshalb nicht üblich. Möglich ist nur der Indikativ:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.1
Ich finde, dass das Kleid schön ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.1
Ich vermutet, dass sie jetzt in der Schule ist.
Ich bin der Meinung, dass Alkohol ungesund ist.

Dann zum Aspekt der Subjektivität oder der Einschränkung des Gültigkeitsanspruchs, den der Konjunktiv auch ausdrücken kann: Dass es sich um eine subjektive Meinung handelt, mit der man falschliegen könnte, wird durch das einleitende Verb ausgedrückt. Dieser Aspekt ist bereits in der Bedeutung von „denken“, „finden“, „annehmen“, „vermuten“ usw. enthalten. Wenn man sicher ist, verwendet man nicht diese Verben, sondern zum Beispiel „ich weiß, dass“ oder man macht die Aussage ohne einleitendes Verb:

Tanzen ist spannend.
Er ist krank.
Ich weiß / bin sicher, dass er krank ist.

Bei Sätzen dieser Art (indirekte Rede) ist also der Konjunktiv nicht üblich, wenn das einleitende Verb in der ersten Person steht. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit. Alle Beispiele oben stehen nämlich im Präsens. In der Vergangenheit sieht es anders aus: In der Vergangenheit ist der Konjunktiv auch bei der ersten Person möglich. Durch den zeitlichen Abstand ist sozusagen Indirektheit entstanden:

Ich dachte, Tanzen sei spannend.
Ich fand, dass das Kleid schön sei.
Ich habe angenommen, er sei krank.
Ich vermutete, dass sie in der Schule sei.
Ich war der Meinung, Alkohol sei ungesund.

Hier kann der Konjunktiv zusätzlich den Aspekt ausdrücken, dass man sich damals getäuscht hat. Das muss aber nicht so sein. Die Verwendung des Konjunktivs ist im Deutschen nicht sehr streng geregelt. Was genau gemeint ist, ergibt sich häufig erst aus dem weiteren Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


1 In der (geschriebenen) Standardsprache ist es besser, einen dass-Satz im Indikativ anstelle eines uneingeleiteten Nebensatzes im Indikativ zu verwenden:

Ich denke, dass Tanzen spannend ist.
Ich nehme an, dass er krank ist.

Besser nicht:

Ich denke, Tanzen ist spannend.
Ich nehme an, er ist krank.

Diese Sätze sind nicht falsch, sie gehören aber eher der gesprochenen Sprache an.