Frage
Im Duden Online-Wörterbuch las ich unter dem Artikel „viel“ einen Beispielsatz, der für mich grammatikalisch etwas verwirrend ist: „vieles Erfreuliche stand in dem Brief“.
Warum ist es nicht „vieles Erfreuliches“? Ein Adjektiv wird doch nach dem Wort „viel…“ in der Regel so dekliniert wie nach dem Nullartikel (z. B.: „Das hat er in vieler mühsamer Kleinarbeit gebastelt“).
Antwort
Guten Tag Frau H.,
ganz so einfach ist es leider nicht. Nach gebeugtem viel schwankt die Deklination des folgenden Adjektivs. Im Allgemeinen wird das Adjektiv gleich gebeugt wie viel:
viele schöne Kleider
die vielen schönen Kleider
viele Studierende
mit Hilfe vieler Freiwilliger
in vieler mühsamer Kleinarbeit
Ganz ohne Ausnahmen geht es „natürlich“ nicht. Nach den starken Formen vieles und vielem wird nämlich meistens schwach gebeugt:
vieles alte Wissen (selten: vieles altes Wissen)
mit vielem guten Willen (selten: mit vielem gutem Willen)
mit vielem Neuen (selten: mit vielem Neuem)
vieles Erfreuliche (selten: vieles Erfreuliches)
Sie können also vieles Erfreuliches verwenden, vieles Erfreuliche scheint aber üblicher zu sein.
Dass man hier ins Zweifeln geraten kann, hat vielleicht damit zu tun, dass bei einem Substantiv in der Einzahl häufiger das endungslose viel als gebeugtes viel- steht. Nach einfachem viel wird ein Adjektiv immer stark gebeugt:
in viel mühsamer Kleinarbeit
viel altes Wissen
mit viel gutem Willen
mit viel Neuem
viel Erfreuliches
Außer – schon wieder ist es doch nicht ganz so einfach – wenn vor viel ein Artikelwort steht. Dann wird immer alles schwach gebeugt:
die viele mühsame Kleinarbeit
dieses viele alte Wissen
trotz des vielen guten Willens
mit dem vielen Neuen
das viele Erfreuliche
Wenn man alles wie hier nacheinander auflistet, sieht es ziemlich kompliziert aus. In der Regel kommt es aber vor allem in zwei Fällen zu Zweifeln: bei Adjektiven nach den Formen vieles und vielem, weil dort häufig anders als sonst nach viel- nicht parallel gebeugt wird.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp
PS: Siehe hierzu z. B. Duden, Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, 9. Auflage, 2021, Stichwort viel, oder die Angaben in der LEO-Grammatik.