Frage
Vor kurzem bin ich auf folgende Sätze mit reflexiven Verben im Passiv gestoßen:
Es wird sich an den Diagrammen orientiert.
Es wird sich um ihn gekümmert.
Es wurde sich auf diese Resultate konzentriert.
Ehrlich gesagt war ich ein bisschen verdattert, als ich diese Sätze gelesen habe. Sind sie grammatisch korrekt? Kann man so Passivsätze bilden? Meine Verwunderung ist umso größer, als ich diese Sätze in wissenschaftlichen Arbeiten deutscher Studenten gefunden habe. […]
Antwort
Guten Tag Herr S.,
die Sätze sind grammatisch korrekt, aber keine stilistischen Meisterwerke. Es handelt sich um das subjektlose werden-Passiv. Dieses Passiv ist erstaunlicherweise auch mit einem Reflexivpronomen möglich (vgl. hier). Das Pronomen bezieht sich dabei auf das nicht genannte Agens (Träger der Verbhandlung). Hinzu kommt, dass an erster Stelle im Satz ein Platzhalter-es steht, wenn kein anderes Satzglied diese Position einnimmt. Sätze wie diese kommen vor:
Es wird sich Mühe gegeben.
Es wurde sich bis ins kleinste Details um alles gekümmert.
Es wurde sich darauf geeinigt, dass …
Es wird sich Zeit genommen.
Das subjektlose werden-Passiv klingt mit einem Reflexivpronomen aber oft holprig oder gekünstelt. Das gilt auch bei diesen Beispielen:
Man orientiert sich an den Tabellen.
Es wird sich an den Tabellen orientiert.Man konzentrierte sich auf diese Abschnitte.
Es wurde sich auf diese Abschnitte konzentriert.
Das subjektlose Passiv kommt manchmal in Arbeiten vor, in denen (zum Beispiel aus Höflichkeit oder Bescheidenheit) das Subjekt nicht genannt werden soll, wenn es eine erste Person ist. Vermieden werden sollte bei Ihren Beispielen vielleicht:
Ich orientiere mich an den Diagrammen.
Wir konzentrierten uns auf diese Resultate.
Es ist aber zu empfehlen, hier statt des werden-Passivs mit sich eine andere, etwas weniger holprige Formulierung zu wählen oder ganz einfach die erste Person zu verwenden.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp