Futur I Passiv: Die Frage, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden (werden?)

Frage

Wie ist das Futur I Passiv Plural im Nebensatz richtig?

Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden werden.
Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden.

Soll man das zweite „werden“ wegfallen lassen? Ich konnte die Antwort nirgendwo finden. Alle Beispiele mit Passiv im Nebensatz waren im Singular.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

man muss hier zwischen Futur und Zukünftigem unterscheiden. Zuerst zum Futur:

Das Futur I Passiv sieht wie folgt aus:

Die Wand wird nächste Woche gestrichen werden.
Die Wände werden nächste Woche gestrichen werden.

Er fragt, ob die Wand nächste Woche gestrichen werden wird.
Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden werden.

Und nun zum Zukünftigen: Im Deutschen wird etwas Zukünftiges häufig mit dem Präsens ausgedrückt. Wichtig ist dabei nur, dass durch eine Zeitangabe oder durch den Satzzusammenhang ersichtlich ist, dass es sich um etwas Zukünftiges handelt:

Sie fahren erst morgen in den Urlaub.
Ich habe jetzt keine Zeit. Wir reden später darüber.

Siehe hier unter „Präsens des Zukünftigen“.

Das gilt auch für das Passiv. Auch dann kann für etwas Zukünftiges das Futur I oder das Präsens verwendet werden:

Die Wand wird nächste Woche gestrichen [werden].
Die Wände werden nächste Woche gestrichen [werden].
Er fragt, ob die Wand nächste Woche gestrichen [werden] wird.

Wenn in einem Nebensatz der Infinitiv werden direkt neben der 3. Person Plural werden stehen würde, ist sogar nur das Präsens üblich. Das ist keine grammatische, sondern eine stilistische Wahl:

Er fragt, ob die Wände nächste Woche gestrichen werden.

Die Form gestrichen werden werden wäre hier nicht falsch, nur unüblich und stilistisch unschön. Aber ganz gleich mit wieviel werden, wichtig ist vor allem, ob gestrichen [werden] wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden

Frage

Meine Frage betrifft das Verb „sich entschließen“, das grundsätzlich mit der Präposition „zu“ benutzt wird. Wäre aber auch der folgende Gebrauch korrekt: „sich entschließen für“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

allgemein üblich ist:

sich zu etwas entschließen
Er kann sich nicht dazu entschließen, Paris zu verlassen.
Sie entschlossen sich zur Flucht.

Seltener kommt auch vor:

sich für etwas entschließen

Das ist meist dann der Fall, wenn sich für etwas entscheiden gemeint ist. Auch wenn sich entschließen und sich entscheiden eigentlich nicht die gleiche Bedeutung haben, ist es nicht immer einfach, sie eindeutig voneinander zu unterscheiden. Dennoch ist es standardsprachlich im Allgemeinen besser sich zu etwas entschließen und sich für etwas entscheiden zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Namenserklärung oder Namenerklärung? – Zusammensetzungen mit „Namen-“ und das Fugen-s

Frage

Die Wortzusammensetzung „Namenserklärung“ wird häufig im rechtlichen Kontext gebraucht. Nun geht es aber um die Erklärung von Pflanzennamen, wofür der Verfasser das Wort „Namenerklärung“ (ohne Binde-s) einsetzt. Müsste es „Namenserklärung“ heißen (mit Binde-s) oder wird das Binde-s absichtlich weggelassen, um die Begriffe zu unterscheiden? Welche Variante würden Sie verwenden?

Antwort

Guten Tag Frau S,

bei der Verwendung von Fugenelementen wie dem Binde-s in Zusammensetzungen ist richtig, was üblich ist. Ein Blick in die Wörterbücher zeigt, dass Folgendes üblich ist:

Bei allen Zusammensetzungen mit Namen- an erster Stelle kann man ein Fugen-s verwenden. Das ist immer der Fall bei:

Namenspatron/Namenspatronin
Namenstag
Namensträger/Namensträgerin
Namensvetter/Namensvetterin

Auch bei weniger festen Verbindungen kommt das Fugen-s häufig vor; zu Beispiel:

Namensaktie
Namensänderung
Namenserklärung
Namensforschung
Namensgebung
Namensliste
Namensnennung
Namensübertragung
Namensverwechslung

Häufig gibt es auch eine Nebenform ohne -s. Das ist insbesondere – aber nicht nur – dann der Fall, wenn mehr als ein Name gemeint ist oder gemeint sein kann:

Namenaktie
Namenänderung
Namenerklärung
Namenforschung
Namengebung
Namenliste
Namennennung
Namenübertragung
Namenverwechslung

Es gibt keinen Bedeutungsunterschied zwischen den Formen mit und ohne s. Ich persönlich würde immer die Form mit s wählen, aber viele Zusammensetzungen kommen auch ohne s vor und sind ebenfalls als korrekt anzusehen. Wenn Ihr Verfasser Namenerklärung ohne s der Form Namenserklärung mit s vorzieht, kann er dies problemlos tun. Er verwendet dabei „nur“ eine andere Form, an der Bedeutung ändert sich nichts.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit Abgeordnetem Thaler und Bürgerbeauftragter Berger – adjektivische Beugung ohne Artikel

Frage

Allmonatlich stelle ich eine Übersicht der Termine meiner Chefin zusammen. Das Ganze geht dann als stichwortartige Liste, quasi im Schlagzeilenformat, an unsere Abteilungsleitungen. Und immer wieder stolpere ich über dasselbe Problem. Heißt es:

Treffen mit Abgeordneten Peter Thaler oder Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler
Gespräch mit Bürgerbeauftragten Claudia Berger oder Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

Die zuerst genannten Varianten würden sich durch schlichtes Weglassen des Artikels ergeben. Sie klingen für mich falsch – was aber leider auch für die jeweils zweite Variante gilt, wenn ich sie lange genug anstarre. Ich finde einfach keine Begründung, warum die eine oder andere Möglichkeit richtig sein sollte. […]

Antwort

Guten Tag Frau U.,

langes Anstarren hilft bei sprachlichen Zweifeln nie. Je länger man hinschaut, desto größer wird in der Regel die Unsicherheit. Das gilt insbesondere für so verzwickte Phänomene wie die deutsche Adjektivbeugung.

Die Wörter der/die Abgeordnete und der/die (Bürger–)Beauftragte sind substantivierte Adjektive. Als solche werden sie in der Standardsprache normalerweise gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Adjektive.

Wenn man (substantivierte) Adjektive mit dem bestimmten Artikel verwendet, werden sie schwach gebeugt:

Treffen mit dem Abgeordneten
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Peter Thaler

Gespräch mit der Bürgerbeauftragten
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Claudia Berger

vgl.

mit dem großen Erfolg
mit der zunehmenden Aufmerksamkeit

Wenn man (substantivierte) Adjektive ohne Artikel verwendet, werden sie stark gebeugt:

Treffen mit Abgeordnetem
Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit Abgeordnetem Peter Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit Bürgerbeauftragter Claudia Berger

vgl.

mit großem Erfolg
mit zunehmender Aufmerksamkeit

Siehe auch hier.

Man kann also bei adjektivisch gebeugten Substantiven nicht immer einfach den Artikel weglassen. Das hat oft Auswirkungen auf die Endung:

Informationsabend für die Studierenden
Informationsabend für Studierende

Die Verwandten von Frau Schmidt wurden benachrichtigt.
Frau Schmidts Verwandte wurden benachrichtigt.

Wer isst das viele Eingemachte?
Wer isst so viel Eingemachtes?

Es spricht der Abgeordnete Thaler.
Es spricht Abgeordneter Thaler.

Ganz ungefragt noch ein Vorschlag: Wenn Sie bei den artikellosen Varianten wieder einmal unsicher sind, könnten Sie auch einfach mit Artikel formulieren. Sehr viel länger wird die Übersicht dadurch nicht:

Treffen mit Abgeordnetem Thaler
Treffen mit dem Abgeordneten Thaler

Gespräch mit Bürgerbeauftragter Berger
Gespräch mit der Bürgerbeauftragten Berger

Ich hoffe, dass Abgeordnete und Bürgerbeauftragte bzw. die Abgeordneten und die Bürgerbeauftragten von nun an weniger Zweifel aufkommen lassen – wenigstens was ihre Beugung betrifft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Fronleichnam

Heute haben viele in katholischen Gebieten frei. Man feiert Fronleichnam zum Gedenken der wirklichen Gegenwart Christi bei der Eucharistie. Man möge mir mir bitte verzeihen, falls ich dies nicht ganz richtig formuliere. Da ich weder aus katholischem Haus komme noch aus einer katholischen Region stamme und auch jetzt nicht in einem katholischen Gebiet wohne, ist mir dieser Feiertag eigentlich mehr oder weniger unbekannt. Ich habe heute auch keinen freien Tag. Erst wenn es hier an einem Donnerstag nach Pfingsten zu ungewöhnlichen Staus kommt und die Läden besonders voll sind, dämmert es mir jeweils: Das muss ein katholischer Feiertag sein. Heute ist dies, wie gesagt, Fronleichnam.

Um meine Unwissenheit wenigstens ein bisschen zu reduzieren, wollte ich wissen, woher dieser ungewöhnliche Name stammt. Ich kenne Fron nur im Zusammenhang mit Fronarbeit und Frondienst, also der Arbeit, die Bauern oder Leibeigene ihren Grundherren oder Feudalherren schuldig waren. Leichnam ist ein schönes Wort mit der Bedeutung Leiche, toter Körper. Da dies kaum die Bedeutungen sein können, die zusammen den Namen für dieses Kirchenfest ergeben, musste ich weitersuchen.

Der Name ist schon alt und stammt aus der Zeit, in der man das Fest zu feiern begann (seit dem 13. Jh.). Das Wort vron war eigentlich ein Adjektiv und bedeutete den geistlichen oder weltlichen Herrn betreffend, ihm gehörend. Das erklärt die Begriffe Fronarbeit und Frondienst: Arbeit bzw. Dienst für den Herrn. Das Wort Leichnam (bzw. sein Vorläufer) bezeichnete ursprünglich nicht nur den toten, sondern bis ins 17 Jahrhundert auch den lebenden Körper (wie heute noch niederländisch lichaam, isländisch líkami, norwegisch u. dänisch legeme). Kurz zusammengefasst: Fronleichnam bedeutet des Herren Körper. Und genau dies wird ja gefeiert: die wirkliche Gegenwart des Leibes (und Blutes) Christi bei der Eucharistie.

Wer frei hat, genieße den freien Tag! Und wer arbeitet, aber dies „trotzdem“ gelesen hat: Wieder etwas dazugelernt!

Zur Wortgeschichte siehe hier und hier.

Bei zweimal täglichem Zähneputzen?

Frage

Was halten Sie von dieser Formulierung?

Wie jeder Mensch ist auch jedes Gebiss einzigartig. Trotzdem gibt es einige allgemeine Regeln für die Mundhygiene. Welche allgemeinen Regeln der Mundhygiene es neben zwei- bis dreimal täglichem Zähneputzen gibt, erfahren Sie hier.

Ich stolpere irgendwie. Sie auch? Hier ginge es ja sicher: „neben zwei bis drei mal täglich die Zähne zu putzen“, aber so wie im Beispiel?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

auch ich stolpere über diese Formulierung und ich würde sie so nicht verwenden. Sie scheint aber allgemein üblich zu sein. So findet sich zum Beispiel bei zweimal täglichem Zähneputzen auf den Internetseiten von Zahnpasta- und Mundwassermarken, Apotheken, Zahnarztpraxen usw. Man kann darüber diskutieren, ob eine solche Formulierung wirklich grammatisch ist, aber was üblich ist, ist letztlich richtig.

Ich würde deshalb zwei- bis dreimal tägliches Zähneputzen nicht als falsch bezeichnen, auch wenn es bestimmt kein stilistischer Höhepunkt ist. Besser wäre eine andere Formulierung. Alternativen sind aber meist etwas länger und umständlicher:

neben ein- bis zweimal täglichem Zähneputzen
außer ein- bis zweimal täglich die Zähne zu putzen

bei dreimal wöchentlicher Anwendung des Produktes
wenn das Produkt dreimal wöchentlich angewendet wird

mehrmals jährliches Wechseln des Filters ist sinnvoll
den Filter mehrmals jährlich (zu) wechseln ist sinnvoll

Etwas Ähnliches gilt zum Beispiel auch für Formulierungen wie die über Achtzehnjährigen und die unter Zwölfjährigen. Das sind ebenfalls übliche Konstruktionen, denen man mit grammatisch-orthografischer „Logik“ nur bedingt beikommen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Sogar“ ist meist auch „selbst” – aber sogar/selbst hier gibt es Ausnahmen.

Frage

Können Sie mir bitte den Unterschied zwischen „sogar“ und „selbst“ sagen? Ich finde leider keine Informationen dazu im Internet.

Antwort

Guten Tag A.,

man kann „sogar“ und „selbst“ sehr häufig unterschiedslos verwenden:

Das hat sogar/selbst sie gefreut.
Heute Nacht hat es sogar/selbst gefroren.
Sogar/Selbst der Kapitän wurde seekrank.
Sie widerstand sogar/selbst den größten Versuchungen.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Eine erste Einschränkung betrifft selbst in einem verneinten Satz. Wenn selbst  in Verbindung mit nicht die Bedeutung nicht einmal hat, ist sogar unüblich:

Sie waren selbst für Geld nicht dazu bereit.
Niemand glaubt ihr, selbst ihre Eltern nicht.
Der E-Auto-Markt ist selbst in der Schweiz nicht allzu groß.

Man kann hier auch sogar verwenden, aber es klingt ungewöhnlich.

Eine zweite Einschränkung ergibt sich daraus, dass selbst nicht nur sogar, sondern auch selber bedeuten kann. Man sollte deshalb nicht selbst im Sinne von sogar verwenden, wenn es mit selbst im Sinne von selber verwechselt werden kann:

Die Vorstellung hat mich sogar sehr beeindruckt.
besser nicht: Die Vorstellung hat mich selbst sehr beeindruckt.

Ein Sieg wäre sogar verdient gewesen.
besser nicht: Ein Sieg wäre selbst verdient gewesen.

Die Formulierungen mit selbst sind nicht falsch, aber es ist (zumindest ohne Kontext) nicht klar, dass sogar gemeint ist. Der Übergang ist fließend. Beim zweiten Beispiel kann mit Hilfe der Betonung und/oder des Satzzusammenhangs klar gemacht werden, dass sogar und nicht selber gemeint ist.

Rein stilistisch ist die letzte Einschränkung, die ich hier erwähnen möchte: Man vermeidet besser zweimal selbst.

Sie haben es sogar selbst versucht
besser nicht: Sie haben es selbst selbst versucht.

Bei diesem Film hat der Autor sogar selbst Regie geführt.
besser nicht: Bei diesem Film hat der Autor selbst selbst Regie geführt.

Man kann sogar und selbst also gleich verwenden, aber sogar/selbst hier gibt es ein paar Einschränkungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schließt die Hexe Rapunzel im Turm oder in den Turm ein?

Frage

Schreibt man: „Der Turm , in dem die Hexe Rapunzel einsperrt, liegt im Wald“, oder: „Der Turm, in den die Hexe Rapunzel einsperrt, liegt im Wald“? Ist die Standortangabe statisch oder dynamisch zu betrachten – oder ist vielleicht beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

bei einsperren kann nach in sowohl der Dativ als auch der Akkusativ stehen.

im Turm einsperren
in den Turm einsperren

Im Prinzip verbindet man die sogenannten Wechselpräpositionen mit dem Dativ, wenn etwas Statisches gemeint ist, und mit dem Akkusativ, wenn etwas Dynamisches gemeint ist:

Ich liege in der Sonne.
Ich lege mich in die Sonne.

Ganz so einfach, wie diese Grundregel es beschreibt, ist es allerdings nicht immer. Bei vielen Verben ist nämlich sowohl eine „statische“ als auch eine „dynamische“ Sichtweise üblich. Zu diesen Verben gehört das Verb einsperren. Man kann angeben, wo das Einsperren stattfindet, und den Dativ nehmen. Man kann auch angeben, wohin der, die oder das Einzusperrende gebracht wird, und den Akkusativ wählen. Beide Sichtweisen sind hier üblich:

Die Hexe sperrt Rapunzel in einem Turm ein.
Die Hexe sperrt Rapunzel in einen Turm ein.

der Turm, in dem die Hexe Rapunzel einsperrt
der Turm, in den die Hexe Rapunzel einsperrt

Hier noch ein paar Verben, bei denen beide Sichtweisen gebräuchlich sind:

Schließen Sie Ihre Wertsachen im Safe ein!
Schließen Sie Ihre Wertsachen in den Safe ein!

alle Namen in der Liste eintragen
alle Namen in die Liste eintragen

den Fernseher an der Wand montieren
den Fernseher an die Wand montieren

Ziemlich abstrakt gesagt geht es hier um Verben, bei denen der Ort, an dem die Handlung stattfindet, und der Ort, der das Ziel der Handlung ist, derselbe Ort ist.

Wo ist Rapunzel, wenn sie eingesperrt wird? – Im Turm.
Wohin wird Rapunzel gebracht, um sie einzusperren? – In den Turm.

Es gibt (leider?) keine feste Regel, bei welchen Verben beide Sichtweisen üblich sind, das heißt, bei welchen Verben der Anschluss mit sowohl dem Dativ als auch dem Akkusativ möglich ist.

Mehr zu diesem Thema und weitere Beispiele finden Sie in einem anderen, schon ziemlich in die Jahre gekommenen → Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Formenvielfalt: der Fleck, der Flecken, die Flecke, die Flecken

Frage

Warum steht im Satz „Auf dem Tisch sieht man viele rote Flecken“ die Mehrzahl „Flecken“ und nicht „Flecke“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

für Deutschlernende kann dieses Wort eine der vielen kleinen Hürden sein, die es zu nehmen gilt. In diesem Fall kann man es aber genau genommen kaum falsch machen.

Man könnte sagen, dass es hier zwei Wörter mit der gleichen Bedeutung gibt, die zum Teil auch die gleichen Wortformen haben: der Fleck und der Flecken:

der Fleck, des Fleck(e)s; die Flecke o. die Flecken
der Flecken, des Fleckens; die Flecken

Nach den Angaben der Variantengrammatik wird im Singular meisten Fleck und im Plural meistens Flecken verwendet. Das gilt für den gesamten deutschen Sprachraum, wenn auch in unterschiedlich starkem Maße. Hier ein paar Beispiele:

Auf dem Tisch sieht man einen roten Fleck / selten: Flecken.
Auf dem Tisch sieht man viele rote Flecken / selten: Flecke.

Sie hatte einen Weinfleck / selten: Weinflecken auf der Bluse.
Sie hatte ein paar Weinflecken /selten: Weinflecke auf der Bluse.

Der riesige Sonnenfleck / selten: Sonnenflecken ist viermal so groß wie die Erde.
Manchmal sind mehrere Sonnenflecken / selten: Sonnenflecke mit bloßem Auge sichtbar.

Falls Sie unsicher sind, lernen Sie am besten der Fleck / die Flecken, dann machen Sie es so, wie die meisten Deutschsprachigen es tun. Und wenn Sie dann noch wissen, dass manchmal auch der Flecken und die Flecke vorkommt, sollte alles gutgehen.

Dies alles gilt übrigens, wie man bei den Beispielen oben sieht, auch für Fettflecken, Grasflecken, Kaffeeflecken, Weinflecken usw. Doch weit interessanter als die richtige Beugung ist bei vielen Fleckenarten diese Frage: Wie kriegt man sie wieder raus?!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Bösling

Frage

[…] [Meine ursprünglich russischsprachige Freundin] nennt mich immer noch mal „Liebling“. Als sie anfangs mal Ärger mit mir hatte, weil ich was „verbockt“ hatte, nannte sie mich (halb liebevoll) „Bösling“, und war bass erstaunt, als ich ihr erklären musste, dass es dieses Wort im Deutschen nicht gibt. Ich würde es sehr gerne „einführen“. Wo kann ich das bei Experten via Internet „einleiten“.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das Wort Bösling kommt mir gar nicht so unbekannt vor, und dies nicht nur als Familienname. Tatsächlich taucht es hin und wieder im Internet und in großen Textsammlungen auf. Meist hat es dann die Bedeutung Bösewicht oder Fiesling. (Das sind sozusagen seine „offiziellen“ Konkurrenten.) Man kann also nicht sagen, dass es das Wort Bösling im Deutschen „gar nicht gibt“. Es kommt nur nicht so oft vor, dass es den Eingang in die Wörterbücher geschafft hätte.

Wenn ein Wort nicht in den Wörterbüchern steht, bedeutet dies nicht, dass es dieses Wort grundsätzlich nicht gibt oder dass man es nicht verwenden dürfte. Es bedeutet häufig nur, dass es (noch?) nicht in die Wortsammlungen aufgenommen worden ist. Die meisten Wörterbücher arbeiten mit großen, möglichst aktuellen Textsammlungen unterschiedlichster Art. Wenn ein Wort darin über längere Zeit relativ häufig vorkommt, wird es zum Aufnahmekandidaten und, nach Prüfung durch die Redaktion, vielleicht zum Wörterbucheintrag. Bei Duden werden daneben offenbar auch Anfragen zu „fehlenden“ Wörtern berücksichtigt.

Ihre Freundin kann Sie also problemlos „Bösling“ nennen (ob Sie es verdient haben, sei dahingestellt). Sie macht dabei keinen Fehler und sie verwendet auch kein unmögliches Wort. Die meisten Deutschsprachigen werden auch auf Anhieb verstehen, was mit dieser (scherzhaften) Bezeichnung gemeint ist.

Wenn Sie das Wort beim Einzug ins Wörterbuch unterstützen möchten, müssen Sie es möglichst oft benutzen und andere dazu bewegen, dies auch zu tun. Eine offizielle Instanz, bei der man neue Wörter beantragen könnte, gibt es nicht. Dieser Blogartikel hilft vielleicht auch ein kleines Bisschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp