Sie müssen mir noch einmal kommen

Frage

Kürzlich überraschte mich eine Äußerung einer Optikerin. Sie passte mir neue Linsen an und da alles problemlos ablief, dachte ich, damit hätte es sich. Sie aber meinte: „Sie müssen mir nochmals kommen!“ Ich fragte sie sogleich, warum ich ihr nochmals kommen müsse, worauf sie für mich nur einen schrägen Blick übrig hatte… Gibt es irgendeine grammatische Erklärung, warum man kommen mit einem Dativ verwenden kann?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

Das ist mir eine schöne Frage! Ihre Optikerin hat einen sogenannten freien Dativ verwendet. Näheres dazu finden Sie hier. Sie hat dabei wohl einen Dativus ethicus verwendet, d.h. einen Dativ, der ausdrückt, dass die Sprecherin nur gefühlsmäßig an der im Satz ausgedrückten Handlung beteiligt ist. Sie müssen ja kommen, nicht die Optikerin, doch diese ist freundlich aber bestimmt auffordernd und besorgt an Ihrem Kommen beteiligt. Ungefähr so könnte das mir gemeint gewesen sein.

Der Satz lässt sich nicht umdrehen, weil Sie der Optikerin eigentlich nicht eine gefühlsmäßige Beteiligung „unterstellen“ können. „Warum muss ich Ihnen noch einmal kommen?“ klingt deshalb verwunderlich und ist eventuell sogar eines schrägen Blickes würdig.

Vielleicht war es auch eher ein höflich gemeinter Dativus commodi, d.h. dass Sie sich der Optikerin zuliebe noch einmal bei ihr melden sollten.

Andere Beispiele für freie Dative sind:

Das ist mir eine schöne Bescherung!
Nehmen Sie mir diese Tabletten bitte regelmäßig ein.
Du musst uns schnell wieder gesund werden.

Die Formulierung Ihrer Optikerin klingt vielleicht etwas gar nach altmodischer Tante Doktor, aber grammatisch ist sie einwandfrei.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

K.