Le courriel: die französische Antwort auf die E-Mail

Es ist zwar schon einen Monat her, aber ich habe erst dieses Wochenende etwas darüber gelesen: Am 10. März dieses Jahres hat Christine Albanel, die französische Ministerin für Kultur und Kommunikation, den Netzauftritt (Näheres über dieses Wort folgt) FranceTerme eingeweiht. Dort sind die von der Commission générale de terminologie et de néologie vorgeschlagenen und im Journal officiel veröffentlichten neuen Wörter und Ausdrücke zu finden. Es geht hier um eine Kommission, die neue Ausdrücke für neue Sachen und Konzepte vorschlägt, für die es noch keine französischen Wörter gibt oder gab. Das aus deutschsprachiger Sicht besonders Interessante hieran ist, dass die Vorschläge dieser Kommission nicht einfach Vorschläge sind. Nach einem Dekret vom 3. Juli 1996 gilt nämlich in Frankreich das Folgende: Wenn die genannte Kommission einen neuen Ausdruck im Journal officiel veröffentlicht hat, sind alle staatlichen Instanzen verpflichtet, ihn zu verwenden. So etwas Ähnliches gilt im deutschen Sprachbereich nur für die amtliche Rechtschreibung.

Auch für das Deutsche gibt es Instanzen, die sich um die Eindeutschung neuer Begriffe bemühen. Es geht hierbei wie in Frankreich vor allem um die Übersetzung englischer Ausdrücke. Es gibt aber zwei große Unterschiede: Während das erklärte Ziel der französischen Kommission „die Bereicherung der französischen Sprache“ ist, will zum Beispiel der Verein Deutsche Sprache „der Durchmischung der deutschen Sprache mit Anglizismen entgegenwirken“. Auch wenn das in der heutigen globalisierten Sprachlandschaft ungefähr auf das Gleiche herauskommt, finde ich „bereichern“ doch positiver klingen als „entgegenwirken“. Den zweiten und wichtigsten Unterschied habe ich bereits angetönt: Es gibt für das Deutsche keine staatliche Terminologiekommission, deren Vorschläge für neue Wörter einen verpflichtenden Charakter hätten.

Was schlagen denn die Commission und der Verein Deutsche Sprache (VDS) so vor? Hier einige Beispiele aus dem Bereich, in dem Sie sich gerade bewegen:

Das Web muss im amtlichen Frankreich toile genannt werden. Das bedeutet (Spinnen-)Netz und kommt mit dem Vorschlag des VDS überein: Netz. Eine Website ist ein site (ausgesprochen siet), aber das war einfach, denn das englische site und das französische site bedeuteten schon vor dem Internet-Zeitalter zum Teil das Gleiche. (Das englische Wort ist ohnehin ein altes Lehnwort aus dem Französischen – es ist sozusagen wieder zum Ursprung zurückgekehrt.) Die deutschen Vorschläge für site sind übrigens das eingangs verwendete Wort Netzauftritt sowie Netzstandort oder Netzplatz. Die home page wird zur page d’acueil page d’accueil (Empfangsseite), die etwas einladender, aber nicht unbedingt besser klingt als Startseite oder Hauptseite. Beim Weblog oder Blog trifft je nach Art des Inhaltes das französische bloc-notes (Notizblock) oder das deutsche Netztagebuch den Nagel besser auf den Kopf. Für den Webbrowser kommt man in beiden Sprachen zur gleichen Lösung: navigateur respektive Navigator. Besonders schwierig ist wohl das Chatten zu umschreiben, denn dialogue en ligne (Onlinegespräch) klingt zu förmlich und Netzplaudern nach etwas, was eher die Großeltern der heutigen Chatter getan hätten. Besonders gefällt mir die französische Bezeichnung für Spamming: arrosage. Wörtlich bedeutet es Begießen, Berieselung, Beregnen. So wird Spam ja über das Internet verteilt: einfach mit der größtmöglichen Gießkanne über alles gießen. Allerdings passt der deutsche Vorschlag besser zu dem, was ich wirklich von Spam finde: E-Müll. Dann gibt es im Französischen sogar noch eine Wortneuschöpfung: le courriel. Es ist eine Zusammenziehung von courrier électronique, die e-mail ersetzen soll. Dieses Wort könnte es in die französische Allgemeinsprache schaffen, was den deutschen Pendants E-Brief oder Netzbrief wohl nicht gelingen wird. Dafür klingen sie irgendwie zu handgestrickt.

Hat dieses französische Vorgehen Erfolg? Zum Teil scheint das der Fall zu sein, auch wenn noch andere Einflüsse eine wichtige Rolle spielen. Wörter wie ordinateur für Computer, ordinateur portable für Laptop (VDS: Klapprechner!) und logiciel für Software sind völlig eingebürgert. Es finden sich auf französischen Websites auch häufiger pages d’accueil als Homepages, aber ob der dialogue en ligne (Chatten) und der bloc-notes (Blog) dies auch schaffen werden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sich auch im Französischen letztlich nur das durchsetzt, was die Sprachbenutzer praktisch und treffend finden.

8 Kommentare

  1. The Exit schreibt:

    April 7, 2008 um 15:36

    Vielen Dank für die amüsante Zusammenstellung. Für den Chat nutze ich gerne „clavardage“, abgeleitet von der Tastatur, le clavier.

    Ich würde allerdings die page d’acceuil mit zwei c schreiben.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    April 7, 2008 um 16:50

    Danke für den Hinweis auf „clavardage“. Danke auch für den Hinweis auf den Schreibfehler. Ich war halt so froh, dass ich mithilfe der alten Eselsbrücke „C Und Es Ist Leicht“ hinten richtig -cueil geschrieben hatte, dass mir vorne glatt das zweite c in der Tastatur hängen geblieben ist. Das ist mir beim zweiten r von „courriel“ aber nicht passiert (schmunzel).

  3. Christian schreibt:

    April 7, 2008 um 18:15

    Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie sehr der VDS auf Ablehnung stößt. Ein sehr amüsanter Artikel, der das ganze Treiben kräftig parodiert, findet sich übrigens hier: http://www.welt.de/satire/article1765091/Eklat_-_Bastian_Sick_tritt_unter_Buhrufen_ab.html
    Zitat:
    „Die zweite Hälfte der Schau verläuft noch unglücklicher. Der Herr in der ersten Reihe fragt ungefragt, was das eigentlich sei – ein Sprachkritiker. ‚Ich kritisiere ja nicht Sprache an sich‘, stammelt Sick, ‚sondern falsche Sprache. Nein, halt, falsches Sprechen. Nein, auch nicht. Bin ja kein Logopäde. Also dann: das Verwenden falscher Ausdrücke. Also eine Kritik des falschen Deutsch.‘“

  4. andreas schreibt:

    April 8, 2008 um 00:10

    danke dafür.

    aber damals, also zwischen 2000-2002, als ich teil der nouvelle économie francaise sein durfte, sprach kein mensch in frankreich von courriel. man sagt(e): un mail („mel“).

    von courriel sprachen damals jedenfalls nur franko-kanadier. aber die sind, was ihre rheinhaltungsbestrebungen betrifft, ja noch ein stück krasser unterwegs als die franzosen.

  5. sandra schreibt:

    April 8, 2008 um 15:16

    interessant

  6. Sebastian schreibt:

    April 22, 2008 um 15:56

    Interessant dazu vielleicht auch:

    cédérom für CD-ROM in Frankreich:
    http://fr.wikipedia.org/wiki/CD-ROM#Francisation

  7. tatort schreibt:

    Januar 20, 2009 um 01:13

    Hallo, ich bin Computer-Fachmann in Quebec. Wir sprechen von der Souris (Maus), Ecrein (Monitor), Reseau (Server/Netzwerk), ordinateur, le portable (Laptop, Handy), Graveur CD/DVD (Brenner), lecteur mp3 (mp3 player ) und und und… es gibt viele lustige Beispiele.
    Noch ein Tip fuer alle, die im Ausland leben und deutsches Fernsehen schauen wollen:
    Hier kann man Sonntagabends denTatort aufnehmen und runterladen ,man findet immer nen Sportschau download oder die neuesten CSI-Miami Folgen zum Download:
    [Link gelöscht durch Canoonet. Bitte keine Links auf (halb)kommerzielle Sites ohne Rücksprache mit uns]

  8. Deutsch & Französisch | Sprachvergleich | Eine Welt Eine Zukunft schreibt:

    Februar 16, 2015 um 11:18

    […] Sprache wacht. So heißt ein Computer auf Französisch “ordinateur” oder “courriel” ist das Wort für […]