Wenn der Bus im anhaltenden Regen anhält

Vielleicht weil es gerade aufgehört hat zu regnen, kommt mir etwas Kurioses in den Sinn, das mir letzthin aufgefallen ist: Es ist nicht das Gleiche, ob ein Bus anhält oder der Regen anhält. Das eine Anhalten ist sogar ziemlich genau das Gegenteil des anderen! Wenn ein Bus anhält, dann stoppt er. Wenn der Regen anhält, dann stoppt er eben gerade nicht. Wer soll das noch verstehen? Das muss ja zu grauenvollsten Missverständnissen führen!

Das Schöne an der Sprache ist, dass es in der Regel nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Zum Ersten bietet der Satzzusammenhang in solchen Fällen meistens genügend Informationen, um ein mehrdeutiges Wort eindeutig zu verstehen. Natürlich gibt es Fälle wie Du solltest die Absperrung umfahren (darum herum oder voll drüber?), aber sie kommen nur selten vor und lassen sich einfach vermeiden.

Im Fall von anhalten kommt als Zweites hinzu, dass dieses Verb nur in Verbindung mit einer bestimmten Art von Wörtern stoppen bedeutet und nur mit einer bestimmten anderen Art von Wörtern fortdauern. Nur wenn Menschen und von Menschen gesteuerte oder bediente konkreten Sachen wie Fahrzeuge, Maschinen und Ähnliches anhalten, bedeutet das Verb stoppen. Bei Abstrakterem oder nicht unter unserer Kontrolle Stehendem wie zum Beispiel guter Laune, Applaus, Kritik, Kopfschmerzen, Nervosität, Trockenheit, Herzenskälte oder eben Regen bedeutet es fortdauern.

Diese beiden Gruppen verdienten natürliche eine genauere Umschreibung. Die Beispiele sollen nur zeigen, weshalb es hier praktisch nie zu Missverständnissen kommt. Ich habe in meiner Laufbahn als Sprachler“ und meiner noch längeren Laufbahn als Deutschsprechender dann auch erst vor kurzem bemerkt, dass dieses Verb zwei so unterschiedliche Bedeutungen hat. Eigentlich fällt es einem erst bei ungewöhnlichen (und im letzten Fall nicht korrekten) Konstruktionen wie den folgenden auf:

Der Bus hält im anhaltenden Regen an.
Der Automobilist hielt an, weil seine Kopfschmerzen anhielten.
Die Kritik an seinem Fahrstil hielt an, er aber nicht.

Und dann haben wir noch nicht davon geredet, dass man jemanden zur Arbeit anhalten und um jemandes Hand anhalten kann …

2 Kommentare

  1. Christian schreibt:

    April 29, 2008 um 13:40

    Wobei bei dem Beispiel „Du solltest die Absperrung umfahren“ der Unterschied beim Sprechen sofort durch die Betonung bzw. den Akzent deutlich wird. Könnte man nicht sogar getrennt schreiben, wenn die Absperrung quasi überfahren werden soll? „Du solltest die Absperrung um fahren.“

  2. Dr. Bopp schreibt:

    April 29, 2008 um 13:50

    Richtig, die Betonung macht bei „umfahren“ den Unterschied:
    umfáhren = darum herumfahren; ich umfahre …
    úmfahren = fahrend umstoßen, überfahren; ich fahre … um

    Im Schriftbild geht das aber nicht. Beide Varianten werden in dieser Stellung zusammengeschrieben, d.h. „Du solltest die Absperrung um fahren“ ist auch dann nicht korrekt, wenn das trennbare Verb gemeint ist.