Etwas „erkriegen“

Als sich Frau D. nach der Herkunft des Wortes kriegen erkundigte, war meine erste Reaktion: „Welches kriegen?“. Es gibt ja ein Verb kriegen mit der Bedeutung erhalten, bekommen und ein kriegen mit der Bedeutung Krieg führen, streiten. Diese beiden Verben können ummöglich etwas miteinander zu tun haben, denn die Bedeutungen sind zu unterschiedlich. Außerdem gilt kriegen = bekommen als umgangssprachlich und kriegen = Krieg führen als veraltet, aber das ist ein viel weniger schlagkräftiges Argument.

In der vollsten Überzeugung – ja die Überzeugung war so stark, dass Sie voller als voll war; so voll, dass es voller gar nicht mehr geht und deshalb den „unlogischen“ Superlativ vollste verlangt – in der vollsten Überzeugung also, dass ich die Etymologie von zwei verschiedenen Verben heraussuchen muss, machte ich mich auf die Suche. Ich sah aber schon sehr bald meinen Irrtum ein: Die beiden kriegen stammen von ein und demselben Wort kriegen ab, das die Bedeutung sich anstrengen, etwas erstreben, kämpfen hatte. Von dort ist es nicht weit bis zur Bedeutung Krieg führen.

Die Entwicklungsgeschichte des Wortes kriegen mit der Bedeutung bekommen hingegen ist nicht lückenlos geklärt. Man geht von einer mittelhochdeutschen Ableitung etwas erkriegen aus, die etwas erringen, etwas durch Anstrengung erlangen gehabt haben muss. Die weiteren Details möchte ich uns hier ersparen. Jedenfalls müssen „unterwegs“ bei der Form das er– und bei der Bedeutung die Aspekte durch Anstrengung, durch eigenes Zutun weggefallen sein. Was dann übrig bleibt, ist die Form kriegen mit der Bedeutung erhalten.

Manchmal kann man die ursprüngliche Bedeutung dieses Verbs kriegen noch erahnen. Denken Sie an einen Supermarkt, ein kleines Kind, viel Gebrüll und Eltern, in deren Schuhen man dann keinesfalls stecken möchte. Wenn das Kind dann kriegt, was es will, kann man sich gut vorstellen, dass es einmal ein Verb etwas erkriegen gegeben hat. Man müsste es für solche Fälle eigentlich wieder einführen.

K.