Ein norwegischer Sänger in der russischen Hauptstadt

Wie es sich für einen seriösen Sprachwissenschaftler nicht gehört, habe ich auch dieses Jahr wieder mit viel Vergnügen, einem Gläschen Wein und etwas zum Knabbern den Liederwettbewerb der Eurovision am Fernsehen verfolgt. Die deutschsprachigen Länder waren dabei ziemlich untervertreten, da gar kein österreichisches Lied angemeldet worden war, es noch nie einen liechtensteinischen Beitrag gegeben hat und die schweizerischen musikalischen Abgesandten im Halbfinale völlig zu Unrecht nicht genügend Stimmen für die Teilnahme am Finale für sich gewinnen konnten. Für die anderen Länder, in denen Deutsch eine Amtssprache ist, gilt, dass die letzten italienischen und luxemburgischen Teilnahmen schon Jahre zurückliegen und der belgische Elvis-Imitator es etwas weniger unerwartet als der Schweizer Beitrag nicht ins Finale geschafft hatte.

Als großer Geldgeber der Eurovision konnte nur Deutschland, ohne eine Vorrunde durchstehen zu müssen, direkt am Finale in der russischen Hauptstadt teilnehmen. Es gab dann also doch einen Beitrag aus deutschsprachigen Landen. Allerdings stand (oder besser: wand sich) dort ein amerikanischer Sänger mit einem englisch gesungenen Lied, aber im Rahmen des europäischen Gedankens und der gesamteuropäischen Unterhaltung sei dies zugestanden. Den Erfolg des deutschen Beitrags kann man, gelinde gesagt, mit mäßig umschreiben, was – nichts für ungut – die Qualität des Songs recht gut widerspiegelt.

Überwältigend gewonnen hat dann in der osteuropäischen Metropole ein junger norwegischer Sänger mit weißrussischen Wurzeln und einem so entwaffnenden Lächeln, dass es ihm europaweit gelingen würde, selbst die strengsten und misstrauischsten zukünftigen Schwiegervater- und Schwiegermutterherzen im Nu zu erobern.

Fans und Verächter des Eurovision Song Contests ebenso wie die große Gruppe derer, denen diese Veranstaltung und der Zirkus darum herum ziemlich gleichgültig sind, fragen sich vielleicht, was dies alles in einem Sprachblog zu suchen hat. Die Antwort lautet: im Prinzip gar nichts. Ich wollte nur wieder einmal darauf hinweisen, dass von geographischen (und anderen) Namen abgeleitete Adjektive im Deutschen anders als zum Beispiel im Englischen kleingeschrieben werden:

ein österreichisches Lied, ein liechtensteinischer Beitrag, die schweizerischen Abgesandten, die luxemburgische Teilnahme, ein belgischer Elvis-Imitator, die russische Hauptstadt, die osteuropäische Metropole, der norwegische Sänger usw.

Was eignet sich besser als ein internationales Ereignis wie dieses, um das mit vielen Beispielen zu illustrieren.

Ausnahmen sind die unveränderlichen Adjektive auf -er wie Schweizer in Schweizer Beitrag und Moskauer in das Moskauer Stadtzentrum. Auch die Adjektive, die Teil eines Eigennamens sind, schreibt man groß: die Deutsche Bahn, der Österreichische Rundfunk (ORF), die Schweizerische Eidgenossenschaft, die Europäische Union.

Wer mich besser kennt, wird nun vermuten, dass ich nicht das Festival dazu verwende, um etwas über die Rechtschreibung zu schreiben, sondern umgekehrt die Rechtschreibung als Ausrede missbrauche, um auch einmal etwas über das Eurovisionsfestival schreiben zu können. Wer mir solches unterstellt, hat nicht ganz unrecht.

K.