Das Nadelöhr

Gestern musste ich einen Hosenknopf annähen. Wissendes, verständnisvolles oder schadenfrohes Lächeln ist hier nicht angebracht: Er wurde nicht aufgrund wachsender Leibesfülle vom Hosenbund gesprengt. Es war so ein Knopf mit zu scharfen Knopflochrändchen, die den Faden langsam durchtrennen. Den Knopf (einen anderen natürlich) habe ich an der genau gleichen Stelle angenäht und die Hose passt noch immer. So!

Problematischer war das Nadelöhr. Das Einfädeln (was für eine schöne Wortbildung!) gelang mir erst, als ich mich zum Licht drehte und die Arme etwas streckte. Wie ich vernehmen musste, sind das untrüglichen Vorboten der Lesebrille. Das oben noch unpassende Lächeln sei hier zugestanden.

Dass das Verb einfädeln so schön ist, merkte ich erst, als ich es aufschrieb. Beim Hosenknopfannähen fiel mir etwas anderes auf: das Wort Öhr. Es hat so etwas eigentümlich Altertümliches. Meine Vermutung, dass es mit Ohr zu tun haben könnte, wurde nach kurzer Suche im Wörterbuch bestätigt. Es ist eine alte Ableitung von Ohr mit der ursprünglichen Bedeutung ohrartige Öffnung.

Das Bild des „Nadelohrs“ findet man zum Beispiel auch im polnischen ucho igielne und im tschechischen ucho jehly (in beiden Sprachen ucho = Ohr). Ebenfalls recht gebräuchlich ist das Bild des „Nadelauges“: englisch eye, spanisch ojo, schwedisch öga. Ganz sachlich sind wieder andere Sprachen wie zum Beispiel das Portugiesische und das Türkische: Sowohl buraco da agulha als iğne deliği bedeuten einfach Nadelloch.

Mit unserem Öhr sind wir übrigens nicht die einzigen, die ein eigenes Wort speziell für die Öffnung in der Nadel haben. Im Italienischen gibt es das Wort cruna, das – auch ein schönes Bild – wahrscheinlich auf corona = Krone zurückgeht. Beim französischen Wort le chas ist die Herkunft schlichtweg unbekannt.

So kann man über das kurze Wort für das kleine Loch in der Nadel einen ganzen Artikel schreiben, auch dann, wenn man die biblische Kamel-Nadelöhr-Metapher (fast) unerwähnt lässt.

3 Kommentare

  1. olga schreibt:

    Mai 27, 2009 um 19:53

    Danke für die schöne Geschichte!! Auf Russisch heisst die besagte Öffnung игольное ушко („igol’noe ushko“) was so viel bedeutet wie „Nadelöhrchen“. Die Slawen sind sich mit der Bezeichnung auf jeden Fall einig, nicht wahr? :0)

  2. Stefan Braun schreibt:

    Juni 22, 2009 um 14:08

    Das französische „chas“ könnte sich m.E. durchaus vom Lateinischen ableiten:
    „cassus“ bedeutet „hohl“ oder „leer“.
    „cassis“ bedeutet „Helm“

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 22, 2009 um 16:17

    Das klingt ganz einleuchtend, scheint aber nicht der Fall zu sein. Die Angabe, dass die Herkunft des französischen Wortes „chas“ ungeklärt sei, entnehme ich dieser (französischen) Quelle:
    http://www.cnrtl.fr/etymologie/chas
    (Etymologie: Online-Version des Trésor de la Langue Française)