Die Kirchenmaus

Seit langem habe ich heute Morgen wieder einmal die Redewendung arm wie eine Kirchenmaus gelesen. Für die Jüngeren und Deutschlernenden unter uns: Wenn jemand arm wie eine Kirchenmaus ist, dann ist er oder sie sehr arm. Weshalb ist oder war nun eine Kirchenmaus so besonders arm, dass sie es zu einer eigenen Redewendung geschafft hat? In Wohnhäusern, Scheunen und Ställen konnten Mäuse überall etwas Essbares finden. Man musste sich als Maus zwar sehr gut vorsehen, nicht der Katze oder der Mausefalle zum Opfer zu fallen, aber zu essen gab es. Nicht so in der Wohnstätte einer Kirchenmaus. In Kirchen findet sich nichts, womit ein Mäuschen seinen Magen füllen könnte.

Wenn man den Ausdruck etwas aufpeppen und modernisieren möchte, könnte man im heutigen Sprachgebrauch auch sagen: so arm wie eine Designerküchenmaus. Falls man den Bildern in vorabendlichen Fernsehserien und schicken Küchenprospekten glauben darf, wird in vielen dieser Küchen nämlich nie gekocht. Es gibt dort zwar Essbares, aber an Suppendosen aus dem Delikatessenshop, griechischen Kalamataoliven im Glas und Champagner- oder Wodkaflaschen beißt auch eine noch so gut gerüstete Maus sich nur die Zähne aus.

4 Kommentare

  1. Rudolf schreibt:

    Juli 28, 2009 um 18:42

    Bei uns in Ungarn findet man die gleiche Redewendung, die wortwörtlich dasselbe bedeutet. Mich würde noch interessieren, ob es wir von den deutschen Sprachgebieten, oder die Deutschen von uns übernommen haben. Oder stammt diese aus einem anderen Land?
    MfG
    Rudolf

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Juli 28, 2009 um 20:55

    Ob der Ausdruck aus einer bestimmten Sprache stammt oder von welcher Sprache er eventuell in welche andere Sprachen übernommen wurde, weiß ich leider nicht. Interessant ist aber, dass das Bild der armen Kirchenmaus (oder z.T. der armen Kirchenratte) wörtlich in vielen germanischen und slawischen Sprachen vorkommt, so zum Beispiel im Niederländischen, Dänischen, Englischen resp. Polnischen, Tschechischen und Russischen. Es ist deshalb vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass der Ausdruck auch im Ungarischen verwendet wird, denn diese Sprachregion wird vom Deutschen und von slawischen Sprachen umgeben.

    In den romanischen Sprachen hingegen gibt es dieses Bild nicht. Im Spanischen ist man ärmer als die Ratten oder man hat keinen Ort, an dem man sterben kann. Im französichen ist man arm wie Hiob oder gemäht wie das Korn. Im Italienischen ist man rutenarm oder stockarm und im Portugiesischen hat man keinen Groschen.

    Woran dieser Unterschied liegen mag? Ich habe keine Ahnung. Ich nehme jedenfalls nicht an, dass in den Kirchen romanischsprechender Länder mehr Mäusefutter zu finden ist.

  3. Päivi schreibt:

    August 18, 2009 um 16:03

    Hei!

    In Finnland spielen die Kinder noch ein Laufspiel die Kirchenratte heisst. Vor zwanzig Jahren war es noch üblich diese Redewendung zu sagen.
    Ich wollte heute diese Redewendung auf Deutsch noch benutzen.

    Päivi

  4. Bo Bergman schreibt:

    Juli 13, 2010 um 20:44

    Im Französischen findet sich auch derselbe Ausdruck: gueux comme un rat d\’église (bettelarm wie ein Kirchenratte).

    Bo Bergman
    Schweden