Wegen Äpfelkuchen zum Zähnearzt

Frage

Wieso geht man nicht zum Zähnearzt, nachdem man durch zu viel Äpfelkuchen Zahnschmerzen hat, die ja auch Zähneschmerzen sein könnten?!? Unmengen von Wörtern werden in der Singularform benutzt, obwohl sie sehr oft mehrere Dinge gemeint sind.

Antwort

Guten Tag A.,

Sie haben recht: Man bäckt einen Apfelkuchen und nicht einen Äpfelkuchen. Man geht zum Zahnarzt und nicht zum Zähnearzt. Das hat damit zu tun, dass die Form einer Zusammensetzung im Deutschen meist nur wenig darüber aussagt, wie sich die beiden beteiligten Wörter genau zueinander verhalten. Bei einer Zusammensetzung der Form XY kann man in der Regel nur sagen, dass ein XY eine Art Y ist, die in irgendeiner Weise etwas mit X zu tun hat:

Ein Apfelkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Apfel zu tun hat.
Ein Hochzeitskuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Hochzeit zu tun hat
Ein Streuselkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Streusel zu tun hat.
Ein Pfannkuchen ist ein Kuchen, der etwas mit Pfanne zu tun hat.

Die Art des Verhältnisses zwischen dem ersten und dem zweiten Teil einer Zusammensetzung kann also ganz unterschiedlich sein. Bei den soeben genannten Kuchen bezeichnet der erste Teil:

– eine wichtige Zutat,
– die Gelegenheit, für die er gebacken wird,
– seine Form,
– das Mittel der Zubereitung.

Auch die Einzahl- oder Mehrzahlform des ersten Wortteils X sagt lange nicht immer etwas darüber aus, ob es um ein oder mehrere X geht:

Eine Baumreihe besteht immer aus mehreren Bäumen.
Für Erdnussbutter braucht man viele Erdnüsse.

Umgekehrt:

Ein Hundebiss kann nur von einem Hund verursacht sein.
Eine Kinderhand gehört nur einem Kind.

Wichtig für die Form ist meist nicht die Bedeutung, sondern die Analogie mit anderen Wörtern, die mit dem gleichen ersten Element gebildet werden. Vgl.

Apfelbaum, Apfelsorte, Apfelsorbet, Apfelwangen
Zahnbelag, Zahnfleisch, Zahnlücke, Zahnstocher
Baumgruppe, Baumstamm, Baumkrone, Baumstruktur
Kindergruppe, Kinderwagen, Kinderfahrrad, Kinderseele
Hundehalterin, Hundefloh, Hundeleben, Hundepfote

Ein Apfelkuchen ist also nicht deshalb ein Apfelkuchen und kein Äpfelkuchen, weil man nur einen Apfel verwenden dürfte, sondern weil man auch Apfelbaum, Apfelsorte und Apfelbäckchen sagt. Man darf einfach nicht zu viel in die Form einer Zusammensetzung hineinlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

7 Kommentare

  1. Pat schreibt:

    April 15, 2010 um 17:33

    Demnach müsste Fleischkäse ein Käse sein, der mit Fleisch zu tun hat … aber wie schon gesagt wurde, Sprache und Logik ist so eine Sache 😉

  2. Dr. Bopp schreibt:

    April 15, 2010 um 17:40

    Auch hier gilt: keine Regel ohne Ausnahmen. Nicht alle XY sind eine Art Y. Weitere Beispiele sind:

    der Presskopf oder Schwartenmagen
    der Löwenzahn
    das Rotkehlchen
    das Milchgesicht
    der Grünschnabel
    der Hasenfuß
    die Zwischeneiszeit

    Beim letzten Beispiel muss ich immer erst kurz nachdenken, bis ich verstehe, dass eine Zwischeneiszeit tatsächlich keine Eiszeit ist. Für diese verhältnismäßig selten vorkommende Art von Zusammensetzungen gibt es sogar ein schickes Fachwort: exozentrische Komposita.

  3. Ivan Panchenko schreibt:

    April 16, 2010 um 14:22

    Nach dem Apfelkuchen-Essen das Zähneputzen nicht vergessen!

    Bei dem Begriff ZÄHNEputzen hat man sich aber an der Bedeutung orientiert. 😉

  4. Dr. Bopp schreibt:

    April 16, 2010 um 17:25

    Gut gekontert!

    Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Mehrzahl bei der Bildung von Zusammensetzungen eine (gewisse) Rolle spielt. Ich möchte ja nur aufzeigen, dass man sich sehr, sehr oft nicht darauf „verlassen“ kann. Weitere Beispiele, bei denen der Einfluss des Plurals noch gut wahrnehmbar ist:

    Haustür – Häuserzeile; seltener auch Hauszeile
    Arzthelfer – Ärztebesucherin; auch Artzbesucherin

    Bei Zähneputzen spielt noch etwas anderes eine Rolle: Wenn ein substantivierter Infinitiv an zweiter Stelle steht, richtet sich die Form des komplexe Wortes in der Regel nach der zugrunde liegenden Wortgruppe:

    das Zähneputzen wie die Zähne putzen
    das Haarewaschen wie die Haare waschen

    Wenn an zweiter Stelle kein Infinitiv steht, greift meist wieder die Analogieregel:

    die Zahnreinigung wie Zahnbelag, Zahnlücke, Zahnstocher usw.
    die Haarwäsche wie Haarband, Haarausfall, Haarfarbe usw.

  5. Peter schreibt:

    März 3, 2011 um 17:59

    In einem Kuhstall stehe gewöhnlich mehrere Kühe.
    Wieso heißt das Ding nicht „Kühestall“?
    Ähnlich ist es bei Vogelbauer 😉

  6. Dr. Bopp schreibt:

    März 3, 2011 um 18:10

    Warum es nicht Kühestall und Vögelbauer heißt, steht oben im Blogartikel. Vielleicht sollten Sie ihn einfach einmal lesen.

  7. Iris schreibt:

    März 23, 2015 um 05:34

    Uiuiui, an solche Fragen hatte ich ja noch nicht mal gedacht. Für Nicht-Muttersprachler bleibt da wohl nur auswendiglernen. Wobei man natürlich auch verstanden wird, wenn man einen „Zähnearzt“ sucht oder „Äpfelkuchen“ backen möchte…