Aus Freude oder vor Freude? – Wenn die Freude einen hüpfen lässt

Frage

Welcher Unterschied besteht zwischen den kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“? Wann sage ich : „aus Freude“ oder „vor lauter Angst“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die Wörterbücher helfen einem bei dieser Frage leider nicht viel weiter. Sie vermelden bei beiden Präpositionen, dass sie bei dieser Verwendung einen Grund, einen Beweggrund oder eine Ursache angeben. Außerdem steht im Duden, dass vor nur in festen Wendungen vorkomme. Ich denke, dass die Wahl zwischen aus und vor tatsächlich oft etwas mit festen Wendungen und Ausdrücken zu tun hat. Ich glaube aber doch, einen gewissen Unterschied erkennen zu können:

  • Mit aus wird der Grund angeben, der zu einer kontrollierten, willkürlichen (vom eigenen Willen gesteuerten) Handlung führt:

aus Freude hüpfen
aus Leidenschaft morden
aus Zorn etwas demolieren
aus Angst nicht zum Zahnarzt gehen
aus Überzeugung handeln

  • Mit vor wird die Ursache eines unkontrollierten, unwillkürlichen (nicht vom eigenen Willen gesteuerten) Geschehens angegeben:

vor Freude zittern
vor Leidenschaft vergehen
vor Zorn erröten
vor Angst nicht klar denken können
vor Anstrengung schwitzen

Dabei können eigentlich willkürliche Handlungen im übertragenen Sinne unwillkürlich werden: So kann man zum Beispiel sagen, dass man vor Freude hüpft, obwohl das Hüpfen in der Regel eine durch den eigenen Willen gesteuerte Handlung ist. Man ruft dann das Bild auf, dass die Freude einen hüpfen lässt, ob man nun hüpfen will oder nicht. Wenn man aus Freude hüpft, hüpft man sozusagen auf eigene Veranlassung, weil man sich freut. Das Ergebnis ist dasselbe: Jemand hüpft erfreut herum. Bei vor lauter Angst wegrennen und aus lauter Angst wegrennen besteht der gleiche Unterschied zwischen bildlichem und wörtlichem „Träger“ der Handlung.

In Fällen wie diesen sind sowohl aus als auch vor möglich. Ich würde den genannten Unterschied bei der Verwendung von aus und vor deshalb nicht eine strenge Regel, sondern eine mehr oder weniger starke Tendenz nennen, die nicht in allen Fällen und nicht von allen in gleicher Weise befolgt wird.

Ich finde, dass diese Erklärung recht einleuchtend klingt. (Das ist nicht erstaunlich, denn ich habe sie ja soeben selbst verfasst.) Sie ist aber mit einiger Vorsicht zu genießen. Um wirklich fundierte Aussagen machen zu können, müsste man genauere Untersuchungen anhand einer großen Anzahl von Textbeispielen anstellen. Bis es vielleicht einmal so weit ist – und eigentlich auch danach –, folgen Sie am besten Ihrem Sprachgefühl.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. heruler schreibt:

    Januar 15, 2011 um 19:00

    Sagen Sie, Doktor Bopp, ist die Grammatik eine empirische Wissenschaft oder eher eine statistische; ich meine Sprachgefühl ist ja eher was Empirisches, aber wenn das richtig ist, was die meisten machen, dann ist das ja wohl eher eine statistische Angelegenheit. Im Grunde wäre es doch vernünftig, wenn das Statistische Bundesamt die Grammatik erstellen würde, oder besser die Grammatiken. Oder wie sehen Sie das?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 16, 2011 um 23:49

    Das Bundesamt für Statistik könnte zweifellos sehr wertvolle Basismaterialien liefern. Wie in allen Wissenschaften gilt aber auch bei der Grammatik, dass Zahlen gedeutet werden müssen. Um beim Beispiel der Verwendung der kausalen Präpositionen „aus“ und „vor“ zu bleiben: Eine statistische Auswertung kann ausweisen, dass beide Varianten vorkommen und wie die prozentuale Verteilung der Varianten ist. Weitere Aussagen (z.B. Bedeutungsunterschiede und –nuancen) erfordern dann aber mehr als rein statistische Daten. Grammatik ist mehr als nur das Feststellen, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Außerdem muss bei der Grammatik nicht nur berücksichtigt werden, was vorkommt, sondern auch was als korrekt empfunden wird. Nicht alles, was selten gesagt und geschrieben wird, wird automatisch als falsch empfunden. Nicht alles, was häufig vorkommt, ist damit unkommentiert als korrekt zu bezeichnen. Auch die deskriptive, d.h. beschreibende Grammatik kann deshalb nicht auf statistische Zahlenangaben reduziert werden.

  3. Dieter Hartmann schreibt:

    Januar 17, 2011 um 21:59

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    meine Ansicht zu „aus Freude“ / „vor Freude“:

    Es handelt sich imho um Aktiv/Passiv.
    Ich hüpfe (aktiv) aus Freude – ich hüpfe, weil (causal) ich mich freue
    Ich hüpfe (passiv) vor Freude – die Freude lässt mich (unwillkürlich) hüpfen – „es hüpft mich“
    Ich mache ein Geschenk *aus* Freude.
    Ich werde rot *vor* Verlegenheit.
    Ich war starr *vor* Schreck.

    Wäre interessant, zu ermitteln, welche Verben als Kollokation zu „aus ~“ bzw. „vor ~“ auftreten und deren Häufigkeit.

    Das widerspricht Ihnen ja überhaupt nicht, ich persönlich finde jedoch, daß die Erklärung „aktiv/passiv“ sehr einleuchtend ist, auch für Laien eingängig klingt und möglicherweise auch für die automatische Semantikerkennung geeignet sein könnte, besonders, wenn man an die automatische Übersetzung in andere Sprachen denkt.

    freundliche Grüße
    D.H.

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 18, 2011 um 12:20

    Man könnte den Unterschied auch mit den Begriffen »Aktiv« und »Passiv« umschreiben. Das könnte aber auch verwirrend sein: Bei vor Freude hüpfen kann man sich die bildhafte Umschreibung von der Freude gehüpft werden noch vorstellen. Bei vor Angst zittern wird es schon schwieriger (von der Angstgezittert werden) und bei vor Anstrengung schwitzen ist es meiner Ansich nach unmöglich (von der Anstrengung geschwitzt werden). Weiter gilt, dass die Begriffe »Aktiv« und »Passiv« in der Grammatik bereits besetzt und ziemlich genau umschrieben sind. Ich würde sie deshalb eher nicht verwenden, um möglicher Verwirrung vorzubeugen.

  5. Dieter Hartmann schreibt:

    Januar 19, 2011 um 23:24

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    erstmal vielen Dank für Ihre Antwort.

    Was sie schreiben, leuchtet mir durchaus ein. Ich möchte aber gerne versuchen, etwas hartnäckig zu sein, ohne jedoch eine Konfrontation hervorrufen zu wollen. Bitte verzeihen sie mir das und nehmen sie es mir nicht übel.
    Dass die Begriffe aktiv/passiv bereits besetzt sind, ist natürlich ein Problem für meinen Gedankengang. Ich würde deshalb die Notwendigkeit sehen, andere Begriffe dafür zu finden, um das, was sie oben definiert haben: „vom eigenen Willen gesteuert – ja/nein“ mit zwei prägnanten Wörtern zu benennen, z.B. so etwas wie „willentlich/unwillentlich, unwillkürlich“, wobei letzteres auch schon wieder anderweitig vorbesetzt ist. Im Moment fällt mir da nichts konkretes ein, aber das könnte sich ja in Zukunft, bei näherer Beschäftigung mit dem Thema, ändern.

    Die Beispiele, die Sie anführen, um mein „passiv“ zu widerlegen, möchte ich genauer beleuchten:
    Ihrer Ansicht nach ist der Satz: „von der Anstrengung geschwitzt werden“ unmöglich. Da stimme ich Ihnen in dieser Form durchaus zu!
    Was halten Sie jedoch davon: „Die Anstrengung lässt mich schwitzen“, also schwitze ich VOR Anstrengung.
    Da wäre ich doch wieder bei meinem „passiv“ (Entschuldigung) bzw. bei einem unwillentlichen Geschehen.

    Wie denken sie über diese Interpretation? Bin gespannt auf Ihre Erläuterungen.

    freundliche Grüße

    D.H.

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 21, 2011 um 16:43

    Mit jemanden etwas tun lassen wird nur ausgesagt, dass man die Veranlassung für die Handlung eines anderen ist. Diese Handlung kann unwillkürlich-unkontrolliert sein (jemanden zittern lassen), aber auch willkürlich-kontrolliert. So kann ich z.B. sagen, dass meine Überzeugung mich handeln lässt, aber trotzdem nicht, dass ich vor Überzeugung handle.

    Wir sind uns ja über die Unterschiede in der Bedeutung von aus und vor in diesem Zusammenhang mehr oder weniger einig. Ob man es nun „unwillkürlich“, „unkontrolliert“ oder „passiv(isch)“ nennt, ist in diesem Rahmen letztlich nicht so wichtig.