Weder sie noch er ist – ähm – sind …

Frage

Ich hätte eine Frage zu „weder … noch“. Zum Beispiel: „Weder sie noch er ist besonders darüber erfreut, dass …“

Inwiefern ist hier der Singular richtig? Ich habe ein wenig im Internet nach Beispielen gesucht und dabei entdecken müssen, dass sehr oft Plural gewählt wird, also: „Weder sie noch er sind besonders darüber erfreut, dass …“

Nach meiner Einschätzung müsste aber auf alle Fälle der Singular richtig sein, da dies ja im Prinzip nur eine vereinfachte Kurzform des folgenden Satzes ist: „Weder sie ist besonders darüber erfreut noch er ist besonders darüber erfreut, dass …“

Wie verhält es sich denn?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

es verhält sich eigentlich ganz einfach: Wenn eine mit weder … noch verbundene Wortgruppe das Subjekt des Satzes ist, kann das Verb sowohl im Singular als auch im Plural stehen. Beides ist üblich und richtig:

Weder sie noch er ist besonders darüber erfreut, dass …
Weder sie noch er sind besonders darüber erfreut, dass …

Ihre Argumentation für die Verwendung des Singulars ist zwar richtig, aber nicht die einzig richtige. Man kann tatsächlich sagen, dass es sich um die Zusammenziehung von zwei Sätzen handelt:

Weder sie [ist besonders erfreut] noch er ist besonders erfreut.
Weder sie noch er ist besonders erfreut.

Man kann aber auch sagen, dass weder … noch wie und zwei Subjektteile verbindet. Dadurch entsteht ein mehrteiliges Subjekt, das den Plural verlangt:

Er und sie sind besonders erfreut.
Weder er noch sie sind besonders erfreut.

Das Deutsche lässt bei weder … noch beide Sichtweisen zu.

Wenn einer der beiden mit weder … noch verbundenen Teile im Plural steht, wird das Verb im Allgemeinen im Plural verwendet.

Weder sein Geld noch seine guten Beziehungen helfen ihm weiter.
Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld helfen ihm weiter.
(Selten: Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld hilft ihm weiter.)
(Nicht: *Weder sein Geld noch seine guten Beziehungen hilft ihm weiter.)

Mehr dazu finden Sie hier.

Man kann also sagen, dass weder sie noch er darüber erfreut ist oder sind, dass weder Geld noch gute Beziehungen ihnen weiterhelfen. Dabei geht es wohl nicht um Fragen zu Grammatik und Rechtschreibung, denn dabei hilft einem Canoonet auch ohne Geld und gute Beziehungen weiter!

2 Kommentare

  1. Paul Kaczor schreibt:

    Februar 11, 2011 um 03:41

    Ich habe zu dieser Problematik in einer Grammatik die Regel gefunden, dass das Prädikat, wenn die Teile eines mehrteiligen Subjekts durch Konjunktionen wie „entweder … oder“, „sowohl … als auch“ und „weder … noch“ miteinander verbunden sind, mit dem näher stehenden Subjektteil kongruiert. Und das gilt dann sowohl für den Nummerus als auch für die Person. (Es spielt also eine Rolle, in welcher Reihenfolge die Subjetteile genannt werden und ob das Prädikat vor oder hinter dem Subjekt steht.) Als Erklärung steht in jener Grammatik, dass man sich „zumindest eines der Subjektteile als handelnd“ denke. Das Büchlein stammt zwar aus dem Jahre 1923, aber das muss ja nichts heißen.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 11, 2011 um 13:00

    Sehr geehrter Herr Kaczor,

    die Regel, die Sie zitieren, hat einen großen Vorteil: Sie legt in allen Fällen eindeutig fest, welche Verbform man zu wählen hat. Sie geht aber an der Sprachrealität vorbei. Sie schreibt zum Beispiel in den folgenden Fällen den Singular vor:

    Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld hilft ihm weiter.
    Weder seine Brüder noch seine Schwester hatte ihm etwas gesagt.

    Der Singular ist hier aber die seltener vorkommende, nicht von allen als korrekt akzeptierte Verbform. Üblicher ist der Plural:

    Weder seine guten Beziehungen noch sein Geld helfen ihm weiter.
    Weder seine Brüder noch seine Schwester hatten ihm etwas gesagt.

    Dies ist auch den entsprechenden Angaben zu weder … noch in zum Beispiel Wahrig und Duden zu entnehmen. Dort steht auch wie oben und in Canoonet, dass bei durch weder … noch verbundenen Subjektteilen, die beide im Singular stehen, das Verb sowohl im Singular als auch im Plural stehen kann.

    Die von Ihnen zitierte Regel lässt außer Acht, dass im Deutschen – auch im Standarddeutschen – bei weder … noch nicht nur die Nähe zum Verb, sondern auch die Mehrteiligkeit für die Bestimmung der Form des finiten Verbs bestimmend sein kann. Sehen Sie auch hier.

    Sie schreiben auch, dass in der konsultierten Grammatik stehe, dass bei mit weder … noch verbundenen Subjektteilen das Verb auch in der Person mit dem ihm näher stehenden Subjektteile kongruiere. Auch das stimmt nicht generell. Zum Beispiel:

    Selten: Weder meine Schwester noch ich bin weggefahren.
    Üblich: Weder meine Schwerster noch ich sind weggefahren.
    Selten: Weder ihr noch eure Freunde sind zufrieden.
    Üblich: Weder ihr noch eure Freunde seid zufrieden.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass die zitierte Regel eine allgemeine Regel ist, die einem dabei hilft, in den meisten Fällen eine korrekte Verbform zu wählen. Sie deckt aber nicht alle als korrekt zu bezeichnenden Fälle ab und schreibt zum Teil nur selten vorkommende Formen vor.