Zweckentfremdete Ökosysteme

Frage

Im Zusammenhang mit Mobiltelefonen lese ich in der letzten Zeit öfter von sogenannten „Ökosystemen“. Damit sind (laut Medien) die Betriebssysteme gemeint, welche von den verschiedenen Herstellern auf den Geräten zum Einsatz kommen können.

Nun wundere ich mich hierbei doch etwas über das verwendete Wort „Ökosystem“, das für mich bislang eher im Zusammenhang mit Umwelt(schutz) stand. Als Servicemitarbeiter sind mir zweckentfremdete Wörter im IT-Bereich nicht unbekannt, aber kann man unterschiedliche Software-Plattformen wirklich als Ökosysteme bezeichnen?

Antwort

Guten Tag F.,

der Begriff Ökosystem wird bei Ericsson, Nokia, Sony, Samsung, Blackberry, Macintosh usw. im übertragenen Sinne verwendet. Dabei geht es tatsächlich nicht mehr um einen natürlichen Lebensraum wie einen Teich mit Fischen, Fröschen, Libellen, Mücken, Schilf, Seerosen, Wasserpflanzen, Algen, Bakterien, Bodenqualität, Klima und was sonst noch alles für dessen Funktionieren wichtig ist. Es geht im „Idealfall“ um das Zusammenspiel von Apparaten, Software, Schnittstellen, Inhalten, Services, Shops, Websites und Zubehör, die so aufeinander abgestimmt sein sollen, dass möglichst alle digitalen Bedürfnisse eines Menschen oder einer Menschengruppe abgedeckt sind. Eines der bekanntesten Beispiele sind wohl iPhone, iPod und iPad mit allem Drum und Dran (u. a. Apps) von Apple. Eine Firma verkauft nicht mehr nur einen Apparat oder ein einzelnes Betriebssystem, sondern den ganzen dazugehörenden „Lebens- und Bewegungsraum“.

Man kann diese Verwendung von Ökosystem als „Zweckentfremdung“ eines Wortes sehen. Die bildliche Verwendung von Begriffen ist aber einer der wichtigen Mechanismen bei der Benennung von Neuem. Bekannte Beispiele für den übertragenen Gebrauch von bestehenden Wörtern sind in diesem Bereich Netz und Web (Gewebe, Spinnennetz). Ob sich neue Verwendungen von bestehenden Wörtern durchsetzen oder ob sie eher Eintagsfliegen bleiben, kann nur die Zeit zeigen. (Vgl. auch diesen Beitrag.)

Ihre Frage bringt mich auf die Idee, dass man Canoonet mit alle seinen Informationen zu Wörtern und Grammatik und den Verweisungen auf ergänzende Informationen in externen Wörterbüchern auch eine Art Ökosystem nennen könnte: ein lexikales Ökosystem, ein Wörter-Ökosystem oder gar ein Vocabulary Information Ecosystem (VIES). Da allerdings die Abkürzung VIES bestimmt schon irgendwie besetzt ist und vies außerdem niederländisch für schmutzig, dreckig ist (das deutsche Wort fies kommt daher), bin ich doch dafür, dass wir einfach bei der Bezeichnung „Deutsche Wörterbücher und Grammatik“ bleiben. Man muss ja nicht jede Mode mitmachen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3 Kommentare

  1. Lektor - Lektorat - Georgia schreibt:

    März 27, 2011 um 04:16

    Ich glaube, dass dieser Begriff tatsächlich von Microsoft CEO Steve Ballmer zum ersten Mal bei einer Präsentation verwendet wurde. Ich finde ihn aber auch sehr passend. Zumindest bei der Wortfindung ist Microsoft vorne dabei 😉

  2. Peter Giesecke schreibt:

    März 29, 2011 um 14:40

    Als Nutzer fragt man sich, was man mit dem Smartphone machen kann, für einen App-Entwickler stellt sich aber die Frage, ob er davon leben kann. Das Handy-Ökosystem ist ein Raum mit Entwicklungsumgebung, App Store, Abrechnungssystem, Geräten und Nutzern, der dem Entwickler Einnahmen und somit das Leben ermöglicht.

    Gibt es denn Vorschläge für ein Wort, das man stattdessen verwenden kann?

  3. Dr. Bopp schreibt:

    März 29, 2011 um 23:10

    Ich kenne keine Vorschläge für einen anderen Begriff. Mir kommen spontan Wirkungsumgebung, Totalraum oder mobiles Gesamtsystem in den Sinn. Ob dies passende oder sinnvolle Vorschläge sind, ist unwichtig, denn es geht hier ja gar nicht darum, den Begriff Ökosystem zu kritisieren. Wenn der Begriff passt, wird er sich halten. Wenn er, wie die häufige Verwendung vermuten lässt, ein bisschen ein Modebegriff ist, wird er vielleicht wieder von der Bildfläche verschwinden. Es ist keinesfalls ein „schlechter“ oder gar „falscher“ Begriff. Das Wort „zweckentfremdet“ im Titel stammt aus der Frage. Im Artikel selbst versuche ich aufzuzeigen, dass gerade diese Art der „Zweckentfremdung“ bestehender Begriffe eine häufig vorkommende, gut vertretbare Methode für die Benennung von Neuem ist.