Das überflüssige „ver“: verbringen statt bringen

Frage

In letzter Zeit hört man immer öfter, dass Personen irgendwohin „verbracht“ statt „gebracht“ werden. Das klingt für mich relativ schräg. Trügt mich mein Gefühl oder ist das die richtige Wortwahl?

Antwort

Guten Tag R.,

die Verwendung von verbringen im Sinne von jemanden/etwas irgendwo hinschaffen ist Amts- oder Papierdeutsch:

Man verbrachte die Verletzten ins Krankenhaus.
Die Verhafteten werden ins Polizeibüro verbracht.
Wer Vermögen ins Ausland verbringt und daraus nicht versteuerte Einkünfte bezieht, …

Es ist also grammatisch gesehen eine richtige Wortwahl, stilistisch lässt sie jedoch zu wünschen übrig. Ich würde dieses verbringen allgemein, aber auch in amtlichen Schreiben durch bringen ersetzen oder, wenn es „unbedingt“ gehobener klingen soll, zum Beispiel überführen wählen.

Wie immer bei stilistischen Fragen sind  bestimmt nicht alle mit dieser Einschätzung einverstanden. Unbestritten ist aber wohl die folgende Verwendung von verbringen: Ich hoffe, dass Sie ein schönes Himmelfahrtswochenende verbracht haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

10 Kommentare

  1. Tina schreibt:

    Juni 6, 2011 um 16:49

    Das Dokument, mit dem ein Spediteur belegt, dass Handelsware deutschen Boden verlassen hat (und das der deutsche Versender zum Beleg für die USt-Befreiung des Handelsgeschäftes braucht) heisst „Verbringungsnachweis“

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 6, 2011 um 17:11

    Danke Tina! Das ist ein schöner „Beweis“ dafür, dass verbringen Amtsdeutsch oder Papierdeutsch ist. Offizielle Dokumente und Rechtstexte strotzen oft vor solchen Ausdrücken. Zum Beispiel:

    Verbringungsnachweis für den innergemeinschaftlichen Warenverkehr als Abholbestätigung bei Eigentransport der Ware durch den Leistungsempfänger.

    Die Verwendung von verbringen ist, wie gesagt, nicht falsch. Ich meine aber, dass man dieses Verb aus stilistischen Gründen und der Verständlichkeit halber selbst in amtlichen Texten vemeiden sollte. Wenn man an gewisse Formulierungen gebunden ist oder mit zum Beispiel Verbringungsnachweisen arbeiten muss, kommt man allerdings nicht um verbringen herum.

  3. Michael schreibt:

    Juni 6, 2011 um 21:55

    Zu diesem Thema kommt mir sofort die folgende schöne Szene mit Hape Kerkeling in den Sinn. Die muss ich jetzt einfach hier in den Blog verbringen 🙂

    http://www.youtube.com/watch?v=8_rEajcyrlE

    Viel Spass!

  4. egal schreibt:

    Juni 6, 2011 um 23:24

    Hmm, wenn schon „verbringen“ stilistisch nicht empfehlenswert sei, was ist dann mit „verschuben“? 😉

  5. garrincha@zoho.com schreibt:

    Juni 7, 2011 um 00:41

    Das überflüssige „ver“:
    1.
    verbessern statt bessern
    verlauten statt lauten
    verrechnen statt rechnen
    versäumen statt säumen
    verhauen statt hauen

    2.
    versagen statt sagen
    vergessen statt essen
    vergeben statt geben
    versehen statt sehen

    3.
    ad lib.

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 7, 2011 um 08:58

    Beim Wort verschuben spielt etwas anderes eine Rolle: Es gehört zu einem bestimmten Fachjargon, das heißt, es ist ein Wort, das nur innerhalb einer bestimmten Berufsgruppe verwendet wird (hier: das Gefängniswesen: verschuben = einen Gefangenen an einen andern Ort verlegen). Gegen die Verwendung von Jargon innerhalb einer Berufsgruppe ist eigentlich nichts einzuwenden. Jargon kann u.a. dazu dienen, den internen Zusammenhang in einer Gruppe zu stärken. Außerhalb der Gruppe sollte man aber vorsichtig mit solchen Wörtern umgehen, denn man riskiert sonst, nicht verstanden zu werden. Ich kannte zum Beispiel verschuben vorher nicht.

  7. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 7, 2011 um 09:16

    Liebe oder lieber Garrincha, ich bewundere Ihre Emsigkeit. Was wollen Sie aber mit dieser Liste sagen? Im Blogeintrag steht ja nicht, dass die Vorsilbe ver im Allgemeinen überflüssig sei. Überflüssig ist sie meiner Meinung nach bei verbringen im Sinne von an einen anderen Ort schaffen. Bereits beim im letzten Satz positiv erwähnten ein schönes Wochenende verbringen leisten ver im Allgemeinen und verbringen im Besonderen ausgezeichnete Dienste. Was also möchten Sie mit dieser schönen Liste genau sagen?

  8. Cornelius schreibt:

    Juni 8, 2011 um 20:14

    Ich möchte in diesem Zusammenhang nocheinmal den Jargon aufgreifen: gerade Fachworte wie „Verbringung“ — oder noch besser, aus dem alten Postwesen, die „Versackbeutelung“ — sind häufig schwer zu vermeiden. Gerade aus juristischer Sicht kann Mißachtung der Fachtermini empfindliche Konsequenzen nach sich ziehen. Wehe dem, der „AGB“ nicht „AGB“ nennt …

    Ich mag mir nicht ausmalen, was der Fiskus macht, wenn man keinen Verbringungsnachweis, sondern einen Überbringungs-, Verschaffungs-, oder gar Versackbeutelungsnachweis aufbringen will.

  9. Michael schreibt:

    Juni 8, 2011 um 22:20

    Genau aus diesem Grund werden in Berlin die streunenden Hunde ja auch eingefangen und dann ordnungsgemäss zur Sammelstelle verbracht!

  10. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 9, 2011 um 00:03

    Ob die Hunde wirklich unbedingt ordnungsgemäß zur Sammelstelle verbracht werden müssen, wie Herr Kerkeling das in der oben angeführten Szene ausdrückt, weiß ich nicht. Es könnte aber sein, dass die dortigen Hundefänger sich aus juristischen Gründen tatsächlich so ausdrücken müssen. Selbst dann müssten sie dies aber nur in offiziellen Dokumenten tun, nicht auch in Fernsehinterviews oder Zeitungsartikeln. Wie ich oben in meinem ersten Kommentar schon einmal schrieb: „Die Verwendung von verbringen ist, wie gesagt, nicht falsch. Ich meine aber, dass man dieses Verb aus stilistischen Gründen und der Verständlichkeit halber selbst in amtlichen Texten vemeiden sollte. Wenn man an gewisse Formulierungen gebunden ist oder mit zum Beispiel Verbringungsnachweisen arbeiten muss, kommt man allerdings nicht um verbringen herum.?