Twenty-one, vingt-et-un, zwanzigundeins …

Frage

Eine Frage liegt mir schon eine Weile am Herzen: die Zahlenaussprache in der deutschen Sprache.

Englisch Deutsch Russisch
eleven elf [adínatzat‘]
twelve zwölf [dwinátzat‘]
thirteen dreizehn [trinátzat]
fourteen vierzehn [tschityrnatzat‘]
fifteen fünfzehn [pitnátzat‘]
sixteen sechzehn [schyßnátzat‘]
seventeen siebzehn [ßimnátzat‘]
eighteen achtzehn [waßimnátzat‘]
nineteen neunzehn [diwitnátzat‘]
twenty zwanzig [dwátzat‘]
twenty-one einundzwanzig [dwátzat‘ adín]

Warum wird im Deutschen und im Englischen eine eigenständige 11 und 12 gesprochen und nicht z.B. ein-zehn, zwei-zehn wie im Russischen (1-[natzat], 2-[natzat]). Ab 13 haben alle drei Sprachen wieder die Zusammensetzung Einerzahl+zehn.

Und dann noch folgender Unterschied: Während im Englischen und Russischen ab zwanzig zuerst die Zehnerzahl und dann die Einerzahl genannt wird (twenty-one, [dwátzat‘ adín]), ist es im Deutschen umgekehrt (einundzwanzig).

Antwort

Sehr geehrter Herr D.,

die einfachste Antwort auf Ihre Frage könnte lauten: Weil es so ist. Diese Antwort wäre aber wenig befriedigend. Ich meine damit, dass verschiedene Sprachen verschiedene Methoden entwickelt haben, um dasselbe auszudrücken.

Dass einige Sprachen wie das Deutsche und Englische ein einfaches Wort für elf und zwölf haben, liegt wohl daran, dass man früher nicht nur das Dezimalsystem verwendetet. Häufig rechnete man zum Beispiel mit Dutzend (12), halbem Dutzend (6) und Gros (= 12 Dutzend = 144). So werden zum Beispiel Eier auch heute noch häufig in Verpackungen zu 6 oder 12 Eiern verkauft. Man ging in diesem System bei den Zahlwörtern erst nach 12 auf das Dezimalsystem und die entsprechenden zusammengesetzten Bezeichnungen über*. Das ist bis heute so erhalten geblieben.

Eine Art Zwanzigersystem gab es im französischen Sprachraum: Man zählt in Frankreich auch heute noch zwischen 60 (= 3 x 20) und 80 (= 4 x 20) durch, das heißt es gibt kein Wort für siebzig:

soixante-neuf, soixante-dix, soixante-et-onze, soixante-douze
= sechzig-neun, sechzig-zehn, sechzig-und-elf, sechzig-zwölf

Zwischen 80 und 99 wird es noch komplizierter:

80 = quatre-vingt = vier [mal] zwanzig
81 = quatre-vingt-un = vier zwanzig eins
89 = quatre-vingt-neuf = vier zwanzig neun
90 = quatre-vingt-dix = vier zwanzig zehn
91 = quatre-vingt-onze = vier zwanzig elf
99 = quatre-ving-dix-neuf = vier zwanzig zehn neun

In verschiedenen Sprachen haben sich also verschiedene Zählsysteme entwickelt, die in unterschiedlicher Weise bis heute erhalten geblieben sind. So kompliziert wie bei quatre-vingt-dix-neuf wird es aber selten.

Ähnliches kann über die Reihenfolge der Elemente in zusammengesetzten Zahlen gesagt werden. Einige germanische Sprachen wie Deutsch, Niederländisch, Friesisch und altes o. gehobenes Englisch nennen zuerst die Einerzahl, dann die Zehnerzahl:

dt. dreizehn, neunzehn, einundzwanzig
nl. dertien, negentien, eenentwentig eenentwintig
en. thirteen, nineteen, one and twenty

Das moderne Englisch wechselt wie das Russische ab zwanzig von der Einer-Zehner-Folge auf die Zehner-Einer-Folge

eightnineteen, nineteen || twenty-one, twenty-two

Im Englischen ist diese Reihenfolge aber nicht ursprünglich, sondern (gem. Wörterbuch Merriam-Webster) aus dem Französischen übernommen worden. Das alte, aus dem Angelsächsischen stammende one and twenty ist fast gänzlich durch das heute übliche twenty-one ersetzt worden. Das moderne Englisch verwendet also germanische Zahlwörter in romanischer Reihenfolge.

Zur Bevorzugung der einen oder der anderen Variante kann man ganz grob Folgendes sagen: In germanischen Zusammensetzungen wird der Kern einer Zusammensetzung zuletzt genannt, während er in romanischen Sprachen zuerst genannt wird. Das könnte bei der Bildung von Zusammensetzungen für Zahlen einen Einfluss gehabt haben:

Fußballmannschaft – équipe de football
Zahlensysten – système de numération
marineblau – bleu marine
einundzwanzig – vingt-et-un

Diese Darstellung beschränkt sich auf einige wenige Sprachen und ist auch sonst alles andere als vollständig. Sie soll nur zeigen, dass verschiedene Sprachen und Sprachgruppen bei der Bennenung der Zahlen ganz unterschiedliche Strategien verwendet haben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Die Zahlwörter elf und zwölf beziehen sich allerdings indirekt auch auf zehn. Ihre ursprüngliche Bedeutung war ungefähr eins übrig und zwei übrig, d. h., was übrig bleibt, wenn man schon zehn gezählt hat.

15 Kommentare

  1. Susa schreibt:

    Juni 26, 2011 um 17:10

    Hallo Dr. Bopp! Was Sie nicht alles wissen! Klasse! Eine kleine Korrektur hätte ich jedoch: Im Niederländischen ist es eenentwintig (und nicht: eenentwentig). Groetjes, Susa

  2. gerdb schreibt:

    Juni 26, 2011 um 17:14

    „In germanischen Zusammensetzungen wird der Kern einer Zusammensetzung zuletzt genannt, während er in romanischen Sprachen zuerst genannt wird.“

    es wäre von vorteil, wenn auch bei deutschen zahlen >20 (wie bei englischen, z. b.) zuerst der kern genannt würde. dann müsste man beim mitschreiben nicht immer warten, bis die gesamte zahl ausgesprochen worden ist. übertragungsfehler würden reduziert.

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 26, 2011 um 23:56

    @gerdb: Es wäre vielleicht praktischer beim Mitschreiben von Zahlen und beim Notieren von Telefonnummern. Auch die meisten Deutschlernenden wären uns bestimmt dankbar dafür. Ich wüsste aber nicht, wie man die deutsche Sprachgemeinschaft so weit bringen könnte, das bereits als Kind gelernte, durch und durch vertraute und von allen überall verwendete einundzwanzig durch zwanzig-eins zu ersetzen. Solche eingeschliffenen Gewohnheiten lassen sich kaum verändern. Ich denke außerdem, dass die Einer-Zehner-Folge, wenn Sie tatsächlich zu größeren Problemen führen würde, bereits durch die Zehner-Einer-Folge ersetzt worden wäre. Es gibt aber nicht die leisesten Anzeichen dafür, dass eine solche Entwicklung im Gange wäre.

    @Susa: Het moet natuurlijk eenentwintig zijn. Hartelijk dank voor het signaleren van deze typefout! Dank ook voor het compliment en groetjes terug!

  4. gerdb schreibt:

    Juni 27, 2011 um 02:56

    unterschätzen sie die wirkung solcher blogs wie dieser nicht!
    danke für die unterstützung, gemeinsam schaffen wir es!! 😉

  5. rolf schreibt:

    Juni 27, 2011 um 11:01

    Und als nächstes, gerdb, sprechen Sie bitte mit den Franzosen über die unselige Gewohnheit, Telefonnummern in Zweierblöcken zu nennen:

    80 – 77 – 30 gibt
    quatre vingt – soixante dix sept – trente.

    Und der Unfug, den ich mir notiere, sieht dann etwa so aus:

    4 20 60 10 7 30; im zweiten Versuch dann 80 – 60 – 17 – 30, aber auch im dritten Versuch erreiche ich niemanden.

  6. Nightstallion schreibt:

    Juni 27, 2011 um 13:00

    Weiters sei angemerkt, dass es mitnichten bei dreizehn in allen indoeuropäischen Sprachen eine reguläre Form gibt: Im Spanischen ist es

    diez
    once
    doce
    trece
    catorce
    quince

    und erst dann

    dieciséis
    diecisiete

  7. Ivan Panchenko schreibt:

    Juni 27, 2011 um 14:57

    Hallo Dr. Bopp!

    Das französische Zahlensystem mag etwas kompliziert sein, jedoch heißt es in der Schweiz und in Belgien „septante“ (70), „huitante“ (80; nur Schweiz), „octante“ (80; nur Belgien) und „nonante“ (90).

    Desweiteren gibt es einen Verein, der die deutsche Zahlenaussprache von links nach rechts anstrebt, also „zwanzigeins“ (21), „zwanzigzwei“ (22) und so weiter, sehen Sie dazu hier: http://www.verein-zwanzigeins.de/

    Richtig kompliziert sind historische Zahlensysteme, so zum Beispiel „poettarrarorincoaroac“ (3) bei den Yankos oder „yemimabacapilianúda“ (7) in der brasilianischen Tariana-Sprache, während die 20 nicht ganz so umständlich „yemawanalianúda“ heißt.

    Und dass das Englische 9 Wörter für 0 kennt, finde ich unglaublich: naught, nought, aught, ought, cipher, null, nil, love, zilch. Dann gibt es da noch „o“, was aber ganz allgemein für etwas in der Form eines O steht.

  8. Ivan Panchenko schreibt:

    Juni 28, 2011 um 16:33

    Ich habe „zero“ vergessen – 10 Wörter.

  9. » Blogspektrogramm #3 » */ˈdɪ?kæf/ – coffee & linguistics schreibt:

    Juli 15, 2011 um 11:58

    […] Bopp von Fragen Sie Dr. Bopp beantwortet in Twenty-one, vingt-et-un, zwanzigundeins … eine Leserfrage, die sich jeder von uns schon mal gestellt haben dürfte: Wie unterschiedlich sind […]

  10. FrauMau schreibt:

    Juli 15, 2011 um 23:15

    @gerdb
    Machen Sie es doch einfach so wie ich es in der Grundschule gelernt habe: Zahlen von rechts nach links schreiben, bei Zahlen über hundert die Zehnerstelle frei lassen und dann eintragen, ist ganz einfach, ich mache es heute manchmal noch so!

  11. DT schreibt:

    Juli 17, 2011 um 13:26

    Da sich der Haupteintrag ausdrücklich auf einige wenige Sprachen beschränkt, möchte ich hier eine Sprache ergänzen, die mir zu diesem Thema besonders interessant erscheint, nämlich Dänisch. Im Dänischen wird wie im Deutschen und Holländischen, aber anders als z. B. im Schwedischen, die Einerzahl vor der Zehnerzahl genannt. In Form der Liste aus der Frage sieht das wie folgt aus:

    Englisch Deutsch Dänisch
    eleven elf elleve
    twelve zwölf tolv
    thirteen dreizehn tretten
    fourteen vierzehn fjorten
    fifteen fünfzehn femten
    sixteen sechzehn seksten
    seventeen siebzehn sytten
    eighteen achtzehn atten
    nineteen neunzehn nitten
    twenty zwanzig tyve
    twenty-one einundzwanzig enogtyve
    thirty-two zweiunddreißig toogtredive

    Gleichzeitig gibt es für die Zahlen bereits ab 50 ein Zwanzigersystem, das aber etwas anders funktioniert als im Französischen. Bei den durch 20 teilbaren Zahlen ist es prinzipiell ähnlich wie im Französischen:

    60 = tresindstyve = tre sinds tyve = drei mal zwanzig
    80 = firsindstyve = fire sinds tyve = vier mal zwanzig

    Allerdings wird diese Langversion normalerweise nicht verwendet, sondern eine abgekürzte Form, bei der vom „mal zwanzig“ nur das „s“ von „sinds“ übrigbleibt:

    60 = tres
    80 = firs

    Die Zehner dazwischen, die nicht durch zwanzig teilbar sind, werden aber anders gebildet als im Französischen:

    50 = halvtredsindstyve = halvtredje sinds tyve = halb drei mal zwanzig
    70 = halvfjerdsindstyve = halvfjerde sinds tyve = halb vier mal zwanzig
    90 = halvfemsindstyve = halvfemte sinds tyve = halb fünf mal zwanzig

    Das System funktioniert wie bei den Uhrzeiten, d. h. „halvtredje“ („halb drei“ oder eigentlich besser „die Hälfte vom Dritten“) bedeutet „auf halbem Weg zwischen zwei und drei“ = zweieinhalb. Es handelt sich um die Kombination aus „halb“ und Ordnungszahl, die im Deutschen nur noch in dem Wort „anderthalb“ (dänisch „halvandet“) erhalten ist. Dabei hat „andert“ hier die Bedeutung „zweiter“, die im Deutschen ansonsten verlorengegangen ist. Im Dänischen heißt „zweiter“ auch heute noch je nach Genus „anden“ bzw. „andet“.

    Auch bei diesen Zahlen wird normalerweise die Kurzform verwendet:

    50 = halvtreds
    70 = halvfjerds
    90 = halvfems

    Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß es zwar „halvfems“ gibt, nicht aber „fems“. An dieser Stelle endet nämlich das Zwanzigersystem, und es geht mit „hundrede“ weiter. Kommen Einerzahlen dazu, werden diese durchgehend zuerst genannt, also z. B.:

    55 = femoghalvtreds = fünf und halb drei (mal zwanzig)
    77 = syvoghalvfjerds = sieben und halb vier (mal zwanzig)
    99 = nioghalvfems = neun und halb fünf (mal zwanzig)

  12. Dr. Bopp schreibt:

    Juli 19, 2011 um 13:28

    Bis jetzt war „vier zwanzig zehn neun“ (quatre-vingt-dix-neuf) die komplizierteste Zahl, die ich kenne. Die dänische Variante „neun und halb fünf mal zwanzig“ ist aber eindeutig der neue Spitzenreiter. Vielen Dank für diese Informationen!

  13. Elina schreibt:

    Juli 22, 2011 um 02:01

    Im Norwegischen hat das mit dem „Umdrehen“ übrigens funktioniert. Hieß es früher noch „enogtyve“ (oder en og tyve) (= einundzwanzig) wie im Dänischen, sagt man heute „tjueen“ (oder tjueén) (= zwanzigeins) wie im Englischen. Noch existiert beides, aber gelehrt wird das tjueen-System, und es setzt sich deutlich durch. Allerdings hat Norwegisch natürlich deutlich weniger Muttersprachler als Deutsch, und schon an tyve/tjue kann man erahnen, dass die Sprache ’ne ganze Menge Varietäten zulässt – dass es mehrere Schriftsprachen gibt, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

  14. Wentus schreibt:

    Juli 28, 2011 um 20:45

    Eine weitere Erklärung für die Erstnennung der kleinen Zahl wie in einundzwanzig kann das Arabische sein: Dort wird die gleiche Reihenfolge benutzt wie im Deutschen:
    وحد و إثنين
    Araber galten ja etwa ein Jahrtausend als die Meister der Zahlen, u.a. durch die Benutzung der Ziffer 0.

  15. Däne-Mark | Tischgespräche schreibt:

    August 29, 2011 um 23:16

    […] heißt, wo die deutsche Reihenfolge doch beim Mitnotieren von Zahlen sehr hinderlich sei. Eine lesenswerte Erörterung. Bei der aber ein Leserkommentar den Vogel abschießt, wenn er von den Dänen berichtet, die sich […]