Ich warte schon darauf/auf ihn

Frage

Für mich war es eigentlich immer klar:

  • Lebewesen: Präposition + Pronomen (mein Vater – ich denke an ihn)
  • Dinge: Pronominaladverb (der Unfall – ich muss oft daran denken).

Mein Problem sind nur Formulierungen wie die folgenden:

Angst – Wie gehe ich mit ihr um?
Schüchternheit – Manche schämen sich für sie, andere ärgern sich über sie und wieder andere fürchten sie.

Natürlich steht im letzten Satz „Schüchternheit = sie“, aber schämt man sich nicht dafür und ärgert sich darüber? Oft klingt die Formulierung Präposition+ Pronomen ganz normal, manchmal bekomme ich aber Bauchschmerzen. Damit kann ich nicht arbeiten! Ich könnte abschließend sagen: „Der nächste Wutanfall beim Korrigieren kommt bestimmt. Ich warte schon darauf / auf ihn“. Ja, was denn nun?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

es steht zu befürchten, dass ich Ihre eventuellen Wutanfälle nicht durch die Angabe einer eindeutigen Regel verhindern kann. Ich würde Ihnen aber dringend empfehlen, sich in diesem Bereich vor allem auf Ihr Sprachgefühl zu verlassen und die Regeln nicht allzu streng anzuwenden. Das erspart einem Bauchschmerzen und Wutanfälle und ist somit gesund und bekömmlich für Leib und Seele.

Es gilt allgemein standardsprachlich als besser, in Ihren Beispielsätzen Pronominaladverbien zu verwendet:

Angst – Wie gehe ich damit um?
Schüchternheit – Manche schämen sich dafür, andere ärgern sich darüber und wieder andere fürchten sie.

Die Verwendung und Nichtverwendung der Pronominaladverbien wie daran, darauf, damit, darüber usw. ist allerdings ein komplexer, nicht vollständig geklärter Bereich. Man kann deshalb oft keine festen Regeln, sondern nur Tendenzen angeben.

Bei Personen verwendet man (fast) nie Pronominaladverbien:

Die neue Mitarbeiterin – Wir sind sehr zufrieden mit ihr (NICHT damit).
Mein Vater – Ich denke oft an ihn (NICHT daran).

Bei Sachverhalten, Nebensätzen, Infinitiven u. Ä. muss man sie verwenden:

Er ging weg und lachte dabei (NICHT bei ihm).
Rauchen, du solltest damit aufhören (NICHT mit ihm).

Dazwischen, das heißt bei Dingen und Abstrakta, ist die Lage etwas komplizierter. Es ist oft besser, dafür statt für ihn oder für sie zu sagen (vgl. Ihre Beispielsätze oben). Es ist aber nicht immer die einzig richtige Möglichkeit. Die Verbindung Präposition + Pronomen wird nämlich manchmal verwendet, um etwas hervorzuheben oder zu verdeutlichen:

Hervorhebung:
Ich finde diesen Satz den wichtigsten von allen, weil gerade in ihm zum Ausdruck kommt, was …

Verdeutlichung:
Ich habe diese Zeichnung selbst gemacht und möchte wissen was du von ihr hältst.
(d.h. von der Zeichnung, nicht von der Tatsache, dass ich sie selbst gemacht habe)

Sie können entsprechend beides sagen:

Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon darauf.
Der nächste Wutanfall kommt bestimmt. Ich warte schon auf ihn.

Im zweiten Satz verdeutlichen Sie, dass Sie auf den Wutanfall warten und nicht auf das Kommen des Wutanfalls. Das klingt im Zusammenhang mit Wutanfällen allerdings etwas ungewöhnlich. Besser sieht man das bei Bussen:

Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier darauf.
(auf den Bus, auf das Kommen des Busses)
Der nächste Bus kommt bestimmt. Ich warte hier auf ihn.
(auf den Bus)

Es gibt also eine Grundregel, von der man in gewissen Fällen abweichen kann. Wann man abweicht, hängt von Situation, Kontext und Bedeutung/Absicht der Aussage ab. Wahrlich kein einfaches Feld für einfache Regeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine zusammenfassende Darstellung der Verwendung der Pronominaladverbien finden Sie hier.

K.