In der Tinte sitzen

Frage

Ich wollte Sie freundlich anfragen, ob Sie mir aus der Patsche helfen. Woher kommt wohl der Ausdruck „in der Tinte sitzen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

aus dieser Patsche kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich haben keine zuverlässige Erklärung für die Entstehung der Wendung in der Tinte sitzen (= in Bedrängnis, Schwierigkeiten sein) finden können.

Eine Erklärung sagt, dass man dann so richtig in der Tinte sitzt, wenn man durch etwas in Bedrängnis kommt, das schriftlich, das heißt mit Tinte festgelegt ist. Besser gefällt mir der Versuch, den Ursprung der Wendung in der „Geschichte von den schwarzen Buben“ im „Struwwelpeter“ zu suchen. In der nach heutigen Maßstäben politisch nicht sehr korrekten Erzählung wird ein vor dem Tor spazierender Mohr zum Gespött dreier böser Buben. Zur Strafe werden die uneinsichtigen Bösewichte ins große Tintenfass des großen Nikolas getunkt:

Da kam der große NIKOLAS
Mit seinem großen Tintenfaß.
Der sprach: »Ihr Kinder, hört mir zu,
Und laßt den Mohren hübsch in Ruh’!
Was kann denn dieser Mohr dafür,
Daß er so weiß nicht ist wie ihr?«
Die Buben aber folgten nicht,
Und lachten ihm ins Angesicht
Und lachten ärger als zuvor
Über den armen schwarzen Mohr

Der Niklas wurde bös und wild,
Du siehst es hier auf diesem Bild!
Er packte gleich die Buben fest,
Beim Arm, beim Kopf, bei Rock und West’,
Den Wilhelm und den Ludewig,
Den Kaspar auch, der wehrte sich.
Er tunkt sie in die Tinte tief,
Wie auch der Kaspar: »Feuer!« rief.
Bis übern Kopf ins Tintenfaß
Tunkt sie der große Nikolas

[Heinrich Hoffmann, Die Geschichte von den schwarzen Buben, in: Lustige Geschichten und drollige Bilder, 1845, Frankfurt am Main (ab 1847 mit dem Titel Der Struwwelpeter)]

So sympathisch die Erklärung auch klingen mag, die Redewendung in der Tinte sitzen kann ihren Ursprung nicht im „Struwwelpeter“ haben. Gemäß den Angaben in Grimm verwendete zum Beispiel Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510), Autor und bekannter Münsterprediger in Straßburg, diese Ausdrucksweise bereits Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts:

ir stecken mit mir in der dinten
[Doctor Keiserssbergs Postill, 1522]

soltestu den man strofen, din gesind strofen, so bistu selber in der dinten
[Peregrinus / Der bilger mit seinen eygenschaften, 1494]

Am wahrscheinlichsten ist, dass Tinte, die bei unsachgemäßer Handhabung ja ausgezeichnet und hartnäckig beschmutzen kann, eine nettere Alternative für Dreck war und ist. Auch ihre dunkle, undurchsichtige Färbung mag zu diesem negativen Bild beitragen. Mit Sicherheit kann ich dies aber leider nicht sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Kommentar

  1. sandra schreibt:

    März 1, 2012 um 06:22

    danke für die erklärung