Komma, Ergänzungsstrich und Gazanien

Kommafragen gehören zu Ihren Lieblingsfragen. Das Wort „Lieblingsfragen“ ist wahrscheinlich falsch gewählt. Dass viele Ihrer Fragen den Beistrich betreffen, liegt wohl nicht daran, dass Sie das Komma so mögen, sondern vielmehr daran, dass die Kommasetzung im Deutschen so komplex ist. Während andere Sprachen mit dreieinhalb Regeln auskommen (Über- und Untertreibungen dieser Art sind in Blogs gestattet), benötigt die amtliche deutsche Rechtschreibregelung acht Paragraphen (§§ 71-79), um dieses Satzzeichen zu bändigen. Acht Paragraphen sind eigentlich nicht viel. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass diese acht Paragraphen insgesamt in ungefähr vierzig(!) Abschnitte und Ausnahmebestimmungen unterteilt sind. Dann wird klarer, warum Sie – und auch ich – des Öfteren nicht mehr wissen, ob ein Komma gesetzt werden muss oder nicht. Ob die Rechtschreibreform die Kommasetzung vereinfacht hat, weiß ich nicht. Wenn ja, war es eine relative „Vereinfachung“ in dem Sinne, dass schrecklich kompliziert einfacher ist als ungeheuerlich kompliziert.

Klagen hilft nichts. Wer korrekt schreiben will, muss sich mit der Beistrichregelung herumschlagen. Irgendwie sind wir ja auch selbst schuld, denn die Deutschsprechenden und -schreibenden wollen immer ganz genau wissen, was richtig und was falsch ist. Gründlichkeit hat ihren Preis. Wären wir bereit, einen lockereren Umgang mit dem Komma zu akzeptieren, kämen vielleicht auch wir mit dreieinhalb Kommaregeln aus.

Wie dem auch sei: Falls Sie einmal nicht weiterkommen, fragen Sie Dr. Bopp! Ich werde versuchen, eine befriedigende Antwort zu finden. Das hat auch Herr W. getan. Diesmal war die Antwort sogar relativ einfach und entsprechend kurz:

Frage

Ich hätte eine Frage zur Kommasetzung an Sie. Schreibt man:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug- sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

oder:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug-, (!) sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

vor der Konjunktion sondern steht immer ein Komma. Das gilt auch dann, wenn vor sondern ein Wort mit einem Ergänzungsstrich steht:

Paris ist bald nicht mehr 18 Flug-, sondern nur noch vier Autostunden entfernt.

In Aufzählungen u. Ä. kann ganz allgemein ein Komma auf einen Ergänzungsstrich folgen. Zum Beispiel:

auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene
ein-, aus- und umräumen
Es gibt ein-, aber auch mehrfarbige Blüten.

Der letzte Beispielsatz stammt aus der Beschreibung einer Gazanie genannten Pflanzengattung. Ob Gazanien wirklich ein-, aber auch mehrfarbige Blüten haben, weiß ich eigentlich nicht. Ich weiß nur, dass nach ein- ein Komma stehen muss, wenn man diese Blumen so beschreibt. Rechtschreibung ist oft eine farblose Angelegenheit.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. Christian schreibt:

    März 21, 2012 um 19:48

    Es hat eben alles Vor- und Nachteile.

    Weil die deutsche Sprache in Satzbau und Wortbildung so herrlich flexibel ist, sind bei der schriftlichen Darstellung eben strengere Regeln bei Satzzeichen und Großschreibung notwendig.

    Man vergleiche den Sinn-Unterschied:

    – Du siehst die Spinnen!!
    (Arachnophobie?)

    – Du siehst, die spinnen!!
    (Asterix und Obelix zum Thema: Die Römer).

    🙂

    Christian

  2. WFHG schreibt:

    März 22, 2012 um 08:45

    Manchmal kann ein Komma (oder ein fehlendes) auch den Sinn eines Satzes verdrehen oder genau umkehren. Zwei Klassiker:
    „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.“ versus „Der brave Mann denkt an sich, selbst zuletzt.“
    „Geht nicht gibt’s nicht“ versus „Geht nicht, gibt’s nicht“.
    Gerade Letzteres sieht man oft, vielleicht aber auch nur, weil dieser Spruch im Gegensatz zum ersten noch in Gebrauch ist.

  3. Dr. Bopp schreibt:

    März 22, 2012 um 16:34

    Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin nicht gegen die Kommaregeln. ich frage mich nur hin und wieder seufzend, ob sie unbedingt so kompliziert sein müssen. Weniger wäre vielleicht mehr.

    Es ist nicht so, dass Wortstellung und Wortbildung des Deutschen im Vergleich zu anderen Sprachen so viel flexibler oder komplexer wäre, dass wir als einzige die Groß- und Kleinschreibung und eine sehr detaillierte, strikte Kommaregelung benötigten. In zum Beispiel dem Italienischen ist die Wortstellung oft sehr viel freier. Um beim Beispiel Asterix zu bleiben:

    Die spinnen, die Römer.
    Die Römer, die spinnen.

    Sono pazzi questi romani.
    Questi romani sono pazzi.
    Questi romani pazzi sono.
    Pazzi sono questi romani.
    Pazzi questi romani sono.

    Es steht hier zwei zu fünf für das Italienische. (Gebräuchlich ist im italienischen Asterix übrigens nur die erste Variante. Die Abkürzung SPQR ist zu schön, als dass man sie zugunsten einer anderen Wortstellung aufgeben würde.)

    Auch im Englischen kommt man ohne Großschreibung des Nomens und mit weniger strikten Kommaregeln aus, obwohl man dort freier als im Deutschen zwischen den Wortklassen herumspringen kann. Ein bekanntes Beispiel für die Flexibiltät englischer Wortformen ist die das Wort round, das Substantiv, Verb, Adjektiv, Adverb und Präposition sein kann.

    So außergewöhnlich frei und flexibel sind Wortstellung und Wortbildgung im Deutschen also auch wieder nicht.

    Natürlich gibt es Fälle, in denen ein Komma bedeutungsunterscheidend ist. Und in solchen Fällen wird in der Regel auch in anderen Sprachen ein Komma gesetzt. Doch inwieweit verdeutlicht umgekehrt zum Beispiel das Komma vor „dass“ und „ob“ irgendetwas? Diese Wörter strukturieren den Satz doch bereits sehr deutlich.

    Nochmals: Ich bin nicht gegen Kommaregeln. Die Kommaregeln sind, wie sie sind. Wenn man sie nicht allzu ernst nimmt, kann man gut damit leben. Ich persönlich finde sie einfach komplexer, als nötig wäre. Ich wollte im Beitrag oben und will in diesem Kommentar nur antönen, dass die Notwendigkeit einer komplexen Kommaregelung dem deutschen Hang zur Gründlichkeit (man verzeihe mir bitte dieses Klischee) und weniger der besonderen Strukur der deutschen Sprache zuzuschreiben ist.

  4. Hug schreibt:

    März 23, 2012 um 07:58

    Im Grunde genommen muss man sich nur drei, vier Kommaregeln merken, alles andere leitet sich davon ab. Und sie sind wichtig, die Interpunktionen:
    Gott vegibt, Django nie. – Gott vergibt Django nie.
    Klein, aber oho!

  5. Dr. Bopp schreibt:

    März 23, 2012 um 22:14

    »Im Grunde genommen muss man sich nur drei, vier Kommaregeln merken, alles andere leitet sich davon ab.«

    Ich bin einverstanden, dass man die Kommaregeln nicht allzu schwer nehmen sollte, aber so einfach ist es nun wirklich nicht:

    1) Infintivgruppen werden durch Kommas abgetrennt, wenn sie durch als, anstatt, außer, ohne, statt oder um eingeleitete werden.
    2) Infinitivgruppen werden durch Kommas abgetrennt, wenn sie von einem Nomen abhängig sind.
    3) Infintivgruppen werden durch Kommas abgetrennt, wenn sie durch ein Wort oder eine Wortgruppe angekündigt oder wieder aufgenommen werden.
    4) In allen anderen Fällen können Infinitvgruppen durch ein Komma abgetrennt werden.

    Wir haben hier bereits vier Regeln, die sich nicht direkt voneinander ableiten lassen. Gelernt haben wir aber erst, wie gemäß den für das Deutsche geltenden Regeln die Kommasetzung bei Infintivgruppen zu erfolgen hat.

    »Und sie sind wichtig, die Interpunktionen:
    Gott vegibt, Django nie. – Gott vergibt Django nie.
    Klein, aber oho!«

    Es wurde ja nie gesagt, Kommaregeln seien überflüssig. Auch in Sprachen, die mit weniger komplexen Kommaregeln auskommen, gibt es solche Fälle:

    Dio non condanna, Django sempre.
    Gott verurteilt nicht, Django immer.

    Dio non condanna Django sempre.
    Gott verurteilt Django nicht immer.

    God forgives Django never ever.
    Gott vergibt Django niemals.

    God forgives, Django never ever.
    Gott vergibt, Django niemals.

    Nochmals: Die Interpunktion ist sehr hilfreich. Die Frage war nur, ob die Regeln so komplex sein müssen, wie sie es im Deutschen sind. Zum Beispiel:

    Sie werden sowohl fachlich als auch menschlich sehr geschätzt.
    Sie werden nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr geschätzt.

    Im ersten Satz darf nach fachlich kein Komma stehen, im zweiten muss nach fachlich ein Komma stehen. Was verdeutlicht das (abwesende) Komma hier?

    Sie werden sowohl geschätzt, weil sie fachlich gut sind, als auch, weil sie menschlich ansprechen.

    Die drei Kommas lassen sich nach den geltenden Regeln erklären. Sie machen aber meiner Meinung nach eher den Schreibenden das Schreiben schwer, als sie den Lesenden das Lesen vereinfachen.

  6. Christian schreibt:

    April 8, 2012 um 14:52

    “ Sie werden sowohl fachlich als auch menschlich sehr geschätzt.
    Sie werden nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr geschätzt.

    Im ersten Satz darf nach fachlich kein Komma stehen, im zweiten muss nach fachlich ein Komma stehen. Was verdeutlicht das (abwesende) Komma hier?“

    Der erste Satz enthält eine Aneinanderreihung mehrerer (gleichwertiger oder gleichartiger) Aussagen.

    Der zweite Satz enthält eine Aneinanderreihung mehrerer (erstaunlicher, unerwarteter, offenbar nicht selbstverständlicher) Aussagen. Auch in der gesprochenen Sprache wird so etwas gerne durch Heben der Stimme und eine kleine Pause unterstrichen. Das Komma verdeutlicht das.

    Auch der erste Satz könnte durch entsprechende Mimik und Gestik „überraschend und bemerkenswert“ ausgesprochen werden. Aber in der geschriebenen Version ist das dann nicht nachvollziehbar.

    Ist aber vielleicht nur mein subjektiver Eindruck.

    Wünsche ein frohes und gesegnetes Osterfest

    Christian