Die Inselfrage – und England

Eine berühmte Frage ist die „Inselfrage“, wie Frau D. sie so schön nennt. Ich habe mir vorgenommen, diese Frage im Folgenden ein für alle Mal zu beantworten. Ich befürchte allerdings, dass es mir nicht gelingen wird …

Frage

Mein Zweifel betrifft die „Inselfrage“. Man sagt „Ich wohne auf Sardinien“ aber „Ich wohne in England“. Heißt es je nach Inselgröße auf oder in oder woran liegt das?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

bei den Inselnamen ist die Wahl der Präposition tatsächlich nicht so einfach. Die Größe der Insel spielt dabei aber keine Rolle. In der Standardsprache gelten die folgenden „Regeln“:

Bei Inselnamen, die ohne Artikel stehen, verwendet man bei einer Zielangabe (Frage wohin?) die Präposition nach:

Ich fahre nach Sylt.
Wir fliegen nach Kreta.
die Fähre nach Sizilien

Bei Inselnamen, die mit Artikel stehen, verwendet man bei einer Zielangabe (Frage wohin?) die Präposition auf:

Ich fahre auf die Mainau.
Wir fliegen auf die Isla Margarita.
Sie wanderte auf die Kanarischen Inseln aus.

Bei einer Ortsangabe (wo?) steht bei Inselnamen allgemein die Präposition auf:

Sie wohnt auf Sylt.
Heraklion liegt auf Kreta.
Ich habe ihn auf Sizilien getroffen.

Wir gingen auf der Mainau spazieren.
Urlaub auf der Isla Margerita
Sie wohnt schon seit Jahren auf den Kanaren.

Damit es nicht zu einfach bleibt, folgt noch eine kleine Ergänzung: Bei Inselnamen, die auch Ländernamen sind, kann neben dem zur Insel gehörenden auf auch das zum Land gehörende in stehen:

auf Jamaika / in Jamaika
auf Madagaskar / in Madagaskar

Noch etwas komplizierter wird es im Fall von England. (Wie könnte es auch anders sein bei einer Nation, die die Punktezählung beim Tennis erfunden hat und erst gerade dabei ist, sich an das metrische System zu gewöhnen!) Man sagt nie auf England, weil England keine Insel ist. Es liegt zusammen mit Wales und Schottland auf der Insel Großbritannien. Doch auch Großbritannien wird nur selten mit auf verwendet. Im deutschen Sprachraum meint man üblicherweise nicht die Insel, sondern den Staat, d. h. das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland, wenn man Großbritannien sagt. Es heißt deshalb fast immer in Großbritannien. Auch wenn man eher umgangssprachlich England für den Staat verwendet, ist nicht die Insel, sondern das Land gemeint. Man antwortet deshalb auf die Frage wo? immer mit in England.

Und wenn Sie mich nun fragen, warum bei Ortsangaben eigentlich immer in Irland und nicht auf Irland gesagt wird (auch wenn die ganze Insel und nicht „nur“ die Republik Irland gemeint ist), muss ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben … Die Inseln machen es einem wirklich nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. Niklaus Späni schreibt:

    März 30, 2012 um 14:15

    Heisst die Insel nicht Britannien? Meines Wissens bezeichnet Grossbritannien das, was nebst der (britischen) Hauptinsel sonst noch dazu gehört.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    März 30, 2012 um 18:18

    Die Insel heißt wirklich Großbritannien. Das Groß- verdankt sie der Tatsache, dass es historisch gesehen zwei Britannien gab: das (kleine) Britannien im Westen Frankreichs, das wir heute Bretagne nennen, und auf der anderen Seite des Ärmelkanals das große Britannien, die Insel, auf der England, Schottland und Wales liegen. Im Französischen heißen die beiden Britannien dann auch Bretagne und Grande-Bretagne. Sehen Sie hierzu auch Was ich in der Bretagne über Großbritannien lernte.

  3. Christian schreibt:

    März 30, 2012 um 21:31

    Seufz…

    Da „La Grande Nation“ und die stolzen Briten sich nicht immer grün waren (siehe Hundertjähriger und viele weitere Kriege…), war die Bezeichnung „Grande Bretagne“ als Gegenstück zur „normalen“ Bretagne natürlich politisch nicht immer opportun.

    Daher wurd die Insel als solche dann wieder mit ihrem ursprünglichen Namen „Albion“ genannt. Wobei nicht klar ist, ob der Name von den weißen Kreidefelsen (isola alba = die weiße Insel) stammt, oder vom keltischen Wortstamm alb- (Berg, siehe auch „Alpen“) oder vom Stamm der Albiones. Der Name muss aber alt sein, denn er wurde bereits im klassischen Altertum von Plinius (dem Älteren) und von Ptomeläus verwendet.

    In Kriegszeiten, vor allem während der napoleonischen Kriege, wurde dann der Begriff „Das perfide Albion“ gerne verwendet, weil es etliche Male Kriegshandlungen gab, die nicht nach dem „formellen Kriegsrecht“ abliefen. Aber das war natürlich nur ein Vorwand, man wollte eigentlich nur den Hass auf den Gegner schüren, um neue Massenrekrutierungen ohne Widerstand durchführen zu können.

    Heute können wir Kontinentaleuropäer Gott sei dank mit dem sehr ungenauen Ausdruck „Engländer“ ganz gut leben, obwohl das für die Briten, Schotten, Waliser usw. natürlich eine arge Verkürzung darstellt. (Aber das geht den Niederländern, vulgo „Holländern“ ja auch nicht anders.)

    Doch ein paar merkwürdige Reste dieser tausendjährigen Geschichte sind geblieben und geben uns manche Nuss zum Knacken:

    1. Die englische Sprache kennt für viele Begriffe zwei verschieden Wörter, eines aus dem französischem (normannischen – romanische) Sprachgut, eines aus dem germanischen (angelsächsischen). Hier ein herrlicher Vergleich eines identischen Textes, einmal mit angelsächsischem und dann mit romanischen Wortschatz.

    Angelsächsisch-germanisch: Though, for some hundred of years, English folk – headed by the best songsters of the land – have been seeking to shake off the Norman yoke that lies so heavy on their speech, yet what many speakers and writers, even today, call English is no English at all but sheer French. Nevertheless there are many who feel not a little ashamed of the needless loanwords in which their speech is clothed, and of the borrowed feathers in which they strut.

    Normannisch-romanisch: Despite the fact that during several centuries English people – captained by the chief poets of the country – have attempted to escape the Norman yoke which exerts so ponderous a constraint on their language, the idiom many orators and literary people, even at present, style English, is by no means English, but purely French. Despite this, numerous individuals are considerably abashed by the unnecessary adopted terms in which their language is dressed and the alien plumes in which they parade.

    Aus Warburg, Jeremy 1964, „Some aspects of style.“ Quirk, Randolph & Smith, A.H. (eds.), The teaching of English. London: Oxford University Press (Language and Language Learning, 3); 36-59; S. 41.

    2. Die Kanalinseln in der Nähe der Normandie: Als Rest des historischen Herzogtums Normandie, dessen Festlandgebiet heute zu Frankreich gehört, sind die Kanalinseln weder ein Teil des Vereinigten Königreichs noch eine Kronkolonie, sondern sind direkt als Kronbesitz (englisch crown dependency) der britischen Krone (in ihrer Funktion als Herzöge der Normandie) unterstellt. Wobei in diesem Fall die Queen sozusagen der amtierende „Herzog der Normandie“ ist.

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kanalinseln

    3. Die Engländer fahren links statt rechts, trinken Tee statt Kaffee, essen undefinierbare Speisen, sind alle rothaarig und sommersprossig, haben die Punktezählung beim Tennis erfunden (siehe oben) und verwenden als Maßeinheit 1 yard, die Länge des Armes von König Heinrich I. bis zur Spitze seines Mittelfingers (aus dem Jahr 1101), obwohl selbst sie zu diesem Zweck nicht den Arm des Königs, sondern ein schlichtes Maßband mit sich führen.

    Was lernen wir daraus:

    a) Es ist nicht zu erwarten, dass ein Franzose „la Grande Bretagne“ in höchsten Tönen lobt.
    b) Es ist immer Vorsicht geboten, wenn ein Land ein anderes als „perfid“ einstuft. Das kann stimmen, kann aber auch vielleicht bloß verletztem Stolz entspringen.
    c) Genießen wir die englische Küche unvoreingenommen, selbst wenn es nicht leicht fällt. Denken wir nicht zuviel über Rezepte, Maße und Gewichte nach. Ein Pint of Ale ist gar nicht so viel anders wie eine Halbe Bier.
    d) Vergessen wir nicht, dass vor gerade mal 700.000 Jahren England und der Kontinent durch eine Landbrücke verbunden waren (…shocking!)
    e) Wenn Albion mit mehreren Mannschaften (England, Wales, Schottland, Nordirland) bei den Fußballweltmeisterschaften teilnimmt, ist das eine Bereicherung. Vorausgesetzt, sie spielen gut … 🙂 P.S.: Diese Bemerkung stimmt natürlich nur aus der Sicht der Schweizer, der Liechtensteiner, der Luxemburger, der Südtiroler usw. Liebe Deutsche Nachbarn, ihr habt eh nicht zugehört, nicht wahr.

    Nein, jetzt ganz im Ernst. Es ist unglaublich, wie viel Geschichte und Geschichten, Freude und Leid, Triumph und Ohnmacht, Trennendes und letztendlich Verbindendes in einem simplen Namen eines Stück Landes enthalten sein kann.

    Ach übrigens, ich bin ein Fan von Toto Cutugno: „Unite, unite, Europe.“

  4. Dr. Bopp schreibt:

    April 3, 2012 um 12:48

    Danke für all diese Gedanken über die französisch-englischen Nachbarschaft und die Eigentümlichkeiten der Briten! Erstaunlich, wo die mehr oder weniger freie Assoziation einen hinführen kann! In der Anfangsfrage ging es ja eigentlich nur darum, mit welchen Präpositionen man Inselnamen verwendet.

  5. Frank schreibt:

    Oktober 11, 2012 um 18:56

    Hallo sagt man wenn man auf einer Insel ist, in meinem Fall Fuerteventura:
    schöne Grüße aus F. oder schöne Grüße von Fuerteventura?

    sonnige grüße ….. Fuerteventura

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 12, 2012 um 08:57

    Sie können »Sonnige Grüße aus Fuerteventura« schreiben. Das ist auch dann richtig, wenn sie die Grüße von einer Insel schicken. Wenn die Grüße an eine Person gehen, die es in sprachlichen Dingen immer ganz genau nehmen will, können Sie vielleicht besser »Sonnige Grüße von Fuerteventura« schreiben. Das verhindert (meiner Meinung nach hier unnötige) Diskussionen, was als korrekt zu gelten habe.