Die Einbildung einer Krankheit

Frage

Macht der folgende Satz Sinn?

Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder der Einbildung derselben.

Also:

Ich leide an einer Krankheit oder an der Einbildung einer Krankheit.

Zwar bin ich davon überzeugt, dass der Satz sinnvoll und korrekt ist, dennoch erscheint er mir irgendwie „sonderbar“. Was halten Sie davon?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

auch mir kommt dieser Satz seltsam vor. Er ist nicht unbedingt falsch, aber ungewöhnlich formuliert. Was stört uns an dieser Formulierung? Ein Erklärungsversuch:

Wenn man leidet, weil man sich eine Krankheit einbildet, sagt man normalerweise nicht, dass man an der Einbildung leidet. Das Leiden wird ja subjektiv nicht durch die Einbildung, sondern durch die Symptome der vermeintlichen Krankheit verursacht. Üblichere Formulierungen sind deshalb wohl:

Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder ich bilde mir sie ein.
Ich leide an einer sonderbaren oder an einer eingebildeten Krankheit.

Ihr Beispiel (Ich leide an der Einbildung einer Krankheit) ist, wie gesagt, nicht grundsätzlich falsch. Man sagt aber eigentlich nicht, dass man an den Symptomen einer eingebildeten Krankheit leidet. Man betont eher, dass man am Bewusstsein leidet, sich eine Krankheit einzubilden.

Es gibt allerdings eine noch viel einfachere stilistische Erklärung, die ohne semantische Haarspalterei auskommt: Die Formulierung die Einbildung einer Krankheit ist umständlicher, unschöner Nominalstil*. Nur schon deshalb sagt man besser eine eingebildete Krankheit oder sich eine Krankheit einbilden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Nominalstil = Stil mit vielen Substantiven und entsprechend wenig Verben und Adjektiven. Die Substantive sind oft von Verben oder Adjektiven abgeleitet. Der Nominalstil wirkt oft schwerfällig, umständlich oder bürokratisch und sollte wenn möglich vermieden werden. Beispiele: das Nichterfüllen der Versicherungs- und Sicherstellungspflich, bei Nichterscheinen, Inanspruchnahme der Ausfuhrerstattung, die Höherstellung der Enthaltsamkeit, die Einbildung einer Krankheit.

5 Kommentare

  1. Erbsenzähler schreibt:

    Mai 23, 2012 um 19:58

    „Wenn man leidet, weil man sich eine Krankheit einbildet, sagt man normalerweise nicht, dass man an der Einbildung leidet. Das Leiden wird ja subjektiv nicht durch die Einbildung, sondern durch die Symptome der vermeintlichen Krankheit verursacht.

    […]

    Man sagt aber eigentlich nicht, dass man an den Symptomen einer eingebildeten Krankheit leidet. Man betont eher, dass man am Bewusstsein leidet, sich eine Krankheit einzubilden.“

    Widerspricht sich das nicht in gewisser Weise?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 23, 2012 um 21:34

    Das widerspricht sich und das ist genau der Punkt. Sie lassen in Ihrem Kommentar einen wichtigen Teil, das Zitat „Ich leide an der Einbildung einer Krankheit“, aus. Dadurch ist nicht mehr ersichtlich, dass der zweite Teil sich auf die eigentliche Aussage des Zitats bezieht. Gemeint ist Folgendes:

    Konkret leidet man an den Symptomen der eingebildeten Krankheit, nicht an der Einbildung. Mit „Ich leide an der Einbildung einer Krankheit“ wird aber das Gegenteil gesagt, nämlich dass man an der Einbildung leidet. Es gibt also einen Widerspruch zwischen dem, was ist (an den Symptomen einer vermeintlichen Krankheit leiden), und dem, was eigentlich gesagt wird (am Bewusstsein leiden, dass man sich eine Krankheit einbildet). Ich versuche darzustellen, dass dieser Widerspruch der Grund dafür sein könnte, dass die Formulierung Herrn B. und mir sonderbar vorkommt.

  3. luo schreibt:

    Mai 24, 2012 um 11:25

    Wenn Herr B. aber stilistisch das Verb „leiden“ betonen wollte, sowohl für die Krankheit als auch für die Einbildung, könnte man so etwas schreiben? Also:

    Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder einfach unter der Einbildung dieser Krankheit.

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 25, 2012 um 16:15

    Man könnte. Aber wenn Sie den genannten Nominalstil vermeiden möchten, schreiben Sie viellecicht besser:

    Ich leide an einer sonderbaren Krankheit oder einfach daran, dass ich sie mir einbilde.
    Ich leide, weil ich eine sonderbare Krankheit habe oder weil ich mir eine Krankheit einbilde.

    Einen realen Kontext für diese Aussage kann ich mir allerdings nicht so gut vorstellen.