Alles und jeder und die Einzahl

Heute geht es wieder einmal um eine „feste“ Grammatikregel, die gar nicht so fest ist:

Frage

Heute habe ich eine Frage zur Kongruenz. Es heißt ja: „Hans und Otto solltEN heutzutage flexibel sein.“ Wenn ich aber statt „Hans und Otto“ „alles und jeder“ einsetze, ist es – zumindest nach meinem Sprachgefühl – anders: „Alles und jeder solltE heutzutage flexibel sein.“ Können Sie Licht ins grammatikalische Dunkel bringen?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

das Verb steht hier tatsächlich im Singular*:

Alles und jeder sollte heutzutage flexibel sein.

Die Grundregel lautet: Bei einem mehrteiligen Subjekt, dessen Teile mit und verbunden sind, steht das Verb im Plural:

Hans und Otto sollten heutzutage flexibel sein.
Mutter und Kind sind wohlauf.
Nach der Werbung folgen der TV-Krimi und ein Diskussionsprogramm.
Ein unbezwingbarer Drang zum Schreiben und eine überaus reiche Vorstellungskraft ließen diesen Roman entstehen.

Es gibt aber verschiedene Ausnahmen. In diesem Fall kann man sogar zwei Arten von Ausnahmen anführen:

1) Wenn die Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann des Verb im Singular stehen (vgl. hier):

Münchens Grund und Boden wird immer teurer.
Groß und Klein freute sich auf das Fest.

2) Bei Subjektteilen im Singular, die von kein, nicht ein, mancher oder jeder begleitet werden, steht das Verb im Singular (vgl. hier):

Kein Versprechen und keine Drohung wird mich davon abhalten.
Schon manche Mitarbeiterin, mancher Mitarbeiter und manche Führungskraft hat sich diese Frage gestellt.
Jede Pflanze und jedes Tier ist schützenswert.
ebenso:
Jeder und jede sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Man kann alles und jeder beiden Ausnahmegruppen zuordnen. Entsprechend steht das Verb in der Einzahl. Mehr zur Grundregel, die die meisten von uns einmal gelernt haben, und weitere Ausnahmen, die viel weniger bekannt sind, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Hier muss wirklich die Einzahl stehen, auch wenn die integrierte Grammatik- und Rechtschreibkontrolle meines Textverarbeitungsprogramms fälschlich erst dann zufrieden ist, wenn ich sollte durch sollten ersetze. Fazit: Man traue der automatischen Kontrolle nur bedingt!

K.