Der Eichelhäher und die Hauswurzen

Der Eichelhäher hat den Hauswurzen den Garaus gemacht. Das klingt wie eine Mordtat aus einem Märchen, einer Gotthelf-Erzählung, einer Heimatgeschichte oder einem Fantasyroman. Dem ist aber nicht so. Es ist die Beschreibung dessen, was sich letzthin auf unserem Balkon abgespielt hat. Ein Eichelhäher – das ist ein Vogel, ein sehr schöner sogar – hat wohl auf der Suche nach einem wurm- oder larvenförmigen Leckerbissen mit seinem Schnabel die beiden mit Hauswurzen bepflanzten Blumentöpfe umgegraben. Die Hauswurzen, eigentlich sehr zähe Pflanzen, haben es trotz ihres lateinischen Namens Sempervivum (semper = immer, vivum = lebend) nicht überlebt. Die eine Hälfte liegt wurzellos auf dem Balkonboden, die andere Hälfte ist auf der Außenseite des Geländers sozusagen zu Tode gestürzt.

Eichelhäher Hauswurz

Eichelhäher und Hauswurz: Die beiden Wörter rufen bei mir ein Bild von Urtümlichkeit oder zumindest tiefster Ländlichkeit auf. Gewisse Wörter haben das an sich und eignen sich entsprechen gut dazu, einem Text eine bestimmte Atmosphäre zu verleihen. In diesem Fall ist die Wirklichkeit aber viel profaner. Trotz des altertümlich-ländlichen Namens kommt der Eichelhäher heute auch in städtischen Umgebungen vor, und Hauswurzen gibt es in jedem Gartencenter.

2 Kommentare

  1. sven schreibt:

    November 14, 2012 um 18:30

    Eichelhäher kenn ich nicht. Mir ist nur der Flunschbäuchige Zickenhäher vertraut.

  2. Antonius Reyntjes schreibt:

    November 14, 2012 um 23:37

    Nachgechlagen; Eichelhäher, im Dienste der Daseins-Literatur:

    „Am Waldrand im heißen Sand gelagert, hörten wir die Schnaken singen und die Spechte hämmern. Das keifende Geschwätz der Eichelhäher lärmte uns zu Häupten, und die schillernden Blauspiegel ihrer Flügel leuchteten blank zwischen den sonnenroten Stämmen auf, wie sie in ungeschicktem Schlingerflug von Lichtung zu Lichtung herauf- und hinunterstoben. Die papageienbunten Mandelkrähen schwangen sich über das dunkle Grün der Fichten und ließen die Sonne in ihrem farbigen Gefieder aufblenden.“

    Hier kann man den ganzen Wust und Kitsch der impressionistischen Schwer-Wetter-Literatur nachspüren: alles Auffallende muss doppelt und gleichzeitig und überall sein. Man, natierlich der MANN, hat doch alles unter Beobachtung und im Griff.

    Aus: Flex, Walter: Der Wanderer zwischen beiden Welten. München: C.H. Beck [zuerst 1916] 1917, S. 52.