Es wird das Platzhalter-es nicht immer verwendet

Frage

In der Süddeutschen Zeitung las ich den Satz „Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes“. Beim Lesen stockte ich; mir kam der Satz falsch vor. Allerdings weiß ich nicht genau, warum das so ist, denn „es“ kann ja durchaus als Platzhalter im Vorfeld stehen, beispielsweise bei „Es steht ein Schrank im Gang“, was ich bei Canoo nachlesen konnte. Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür, warum mir der Satz trotzdem ungrammatisch vorkommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Satz, den Sie zitieren, ist nicht grundsätzlich falsch. Im Prinzip ist die Formulierung mit einem Platzhalter-es fast immer möglich. Sie ist aber nicht immer gleichermaßen üblich. Ich konnte leider „auf die Schnelle“ keine fundierten Untersuchungen dazu finden oder gar selbst durchführen. Folgendes scheint der Fall zu sein:

Die Formulierung mit einen Platzhalter-es ist im heutigen Deutschen dann üblich, wenn eine Aussage über etwas Unbestimmtes gemacht wird (unbestimmt im Sinne von nicht vorher erwähnt, nicht bereits bekannt; oft an der Verwendung des unbestimmten Artikels oder des Nullartikels erkennbar). Die folgenden Beispiele sind ganz normale Sätze:

Es steht ein großer Schrank im Gang.
Es spielen Kinder im Garten.
Es wartet jemand auf Sie.
Es wurde eifrig getanzt.
Es wurde eine besondere Sendung ausgestrahlt.

Wenn aber eine Aussage über etwas Bestimmtes (vorher Erwähntes oder als bekannt Vorausgesetztes) gemacht wird, wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es ziemlich veraltet oder sehr poetisch:

Es steht der große Schrank im Gang.
Es spielen die Kinder im Garten.
Es wartet Ihre Tochter auf Sie.
Es tanzten die Gäste eifrig.
Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes.

Der Satz in der Süddeutschen Zeitung verstößt gegen diese „Regel“. Es wird eine Aussage über etwas Bestimmtes, im Kontext vorher Erwähntes gemacht, nämlich diese Sendung. Deshalb wirkt die Aussage ungewöhnlich und gestelzt oder veraltet. (Es ist möglich, dass der Autor oder die Autorin die Formulierung bewusst so gewählt und z. B. humoristisch oder ironisch gemeint hat.)

Es hat also mit Unbestimmtheit und Bestimmtheit zu tun, dass der erste der beiden folgenden Sätze im heutigen Deutschen natürlicher klingt als der zweite:

Es werden Ostereier im Garten versteckt.
Es werden die Ostereier aber im Schnee nicht mehr gefunden.

Die Form des zweiten Satzes ist nicht mehr aktuell. Möge sein Inhalt nicht aktuell werden!

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

3 Kommentare

  1. Antonius Reyntjes schreibt:

    März 28, 2013 um 22:13

    E s bleibt zu vermuten …! (Auch das ist veraltet oder komisch! – E s wirkt so belämmert, äh: behämmert; äh: behumst; äh, so humbugig.)

  2. Jeremy schreibt:

    April 13, 2013 um 09:15

    „Es leuchten die Sterne“ ist doch voll in Ordnung, oder? 🙂

  3. Dr. Bopp schreibt:

    April 13, 2013 um 14:03

    „Es leuchten die Sterne“ ist nicht falsch. Es ist nur nicht mehr ganz zeitgemäß. Früher konnten die Worte „Es leuchtet der Mond so hell für uns zwei“ in einem romantischen Setting der oder dem Angebeteten einen schmelzenden Seufzer entlocken (so will es jedenfalls das Klischee – vielleicht waren sie damals auch nicht alle ganz so romantisch veranlagt). Wer heute genau diesen Wortlaut verwendet, muss darauf gefasst sein, dass die Reaktion eher ein erstauntes „Wie bitte?“ oder sogar ein kleiner Lachanfall ist.