Wie antichambrieren zum i kam

Heute geht es um ein etwas altmodisches Wort: antichambrieren. Es bedeutete früher, dass man im Vorzimmer, dem Antichambre, einer wichtigen Persönlichkeit wartete, um vorgelassen zu werden. Außer in historischen Büchern und Filmen bedeutet es heute – wenn es überhaupt noch verwendet wird – bei einer Person oder Instanz um Gunst betteln, katzbuckeln (vgl. hier).

Frage

Ein Kollege beharrt, dass man „antechambrieren“ schreiben müsse (weil das die logische Schreibung aufgrund der lateinischen/franzözischen Herkunft sei). Die (korrekte) Schreibung „antichambrieren“ sei völlig widersinnig. Können Sie erklären, warum die Schreibung mit i trotzdem die einzig korrekte zu sein scheint?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

Ihr Kollege hat insofern recht, als das griechische anti im Allgemeinen für gegen steht: antibakteriell, antimilitarisch, Antifaschismus, Antimaterie. Das im Deutschen nur sehr selten vorkommende lateinische Präfix ante hingegen bedeutet vor: antedatieren, antediluvianisch (vorsintflutlich), antezedieren (vorhergehen). Man würde deshalb bei der Bedeutung Vorzimmer tatsächlich eher die Vorsilbe ante als anti erwarten.

Trotzdem heißt es antichambrieren und nicht antechambrieren. Der „Fehler“ ist in Italien zu suchen. Wir haben das Wort antichambrieren aus dem Französischen übernommen. Die Franzosen wiederum haben das Wort antichambre (mit i) im 16. Jahrhundert nach dem italienischen Muster anticamera gebildet. Das i stammt also aus dem Italienischen. Im volkstümlichen Italienisch war die lateinische Vorsilbe ante zu anti geworden und fiel lautlich mit dem aus dem griechischen stammenden anti zusammen. Man findet dieses anti im Sinne von vor in zum Beispiel:

antidiluviano (vorsintflutlich)
anitmeridiano (vormittäglich)
antipasto (Vorgericht)
antibagno (Badezimmervorraum)
anticamera (Vorzimmer)

Die Vorsilbe ante hat übrigens im Italienischen vor allem in eher „gelehrten“ Wörtern ebenfalls überlebt: antefatto (Vorgeschichte), anteporre (voranstellen, vorziehen), anteguerra (Vorkriegszeit).

Das i in antichambrieren stammt also nicht aus dem Lateinischen oder dem Französischen, sondern aus dem Italienischen, wo ante teilweise zu anti geworden ist. Wie man sieht, kann uns die klassische Bildung manchmal auch auf die falsche Fährte bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

K.