Vom Glanz und der Pracht, vom Anbieter und vom Abonnenten

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Verschmelzung von Präpositionen und Artikeln […]

Laut Duden können

von einer Verschmelzung […] korrekterweise nur dann mehrere Nominalausdrücke abhängen, wenn diese die gleiche flektierte Artikelform haben:

Man sprach vom (= von dem) Leben und [vom (= von dem)] Erfolg der Ministerin.

Mehrere Nominalausdrücke, deren flektierte Artikelformen unterschiedlich sind, können nicht von einer Verschmelzung abhängen. In diesen Fällen wird die Präposition wiederholt.

Nicht korrekt: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und den weiteren Plänen. Richtig: Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen. Nicht korrekt: Sie war vom Glanz und der Pracht des Festes wie betäubt. Richtig: Sie war vom Glanz und von der Pracht des Festes wie betäubt.

[Duden, Richtiges und gutes Deutsch, 7. Aufl. Mannheim 2011 (CD-ROM)]

Was aber ist mit Formulierungen wie der folgenden?

Diese wurden vom Anbieter und dem Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ist das erlaubt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

hier muss ich etwas weiter ausholen: Die Dudenregel, die sich auf die verschmolzenen Formen bezieht, ist nämlich viel zu strikt formuliert. Es gibt aus meiner Sicht nichts gegen die folgende Formulierung einzuwenden:

vom Glanz und der Pracht (des Festes wie betäubt)

Sie kommt viel häufiger vor als:

vom Glanz und von der Pracht

Ich halte auch die folgenden Formulierungen für richtig:

vom Minister und der Regierung festgelegte Ziele
vom Bund und den Ländern finanziert
vom Bundesrat und der Geschäftspüfungskommission in Auftrag gegeben
die Geschichte vom Hasen und den Ostereiern

Diese Art der Zusammenziehung ist aber nicht immer zu empfehlen. Sie scheint hauptsächlich bei vom üblich zu sein, und zwar dann, wenn die beiden Begriffe relativ eng miteinander verbunden sind. Letzteres ist beim anderen Beispiel im Duden nicht der Fall. Der Erfolg der Ministerin und die weiteren Pläne sind zwei separate Gesprächsthemen. Deshalb besser:

Man sprach vom Erfolg der Ministerin und von den weiteren Plänen.

Bei anderen Präpositionen kommt diese Art der Zusammenziehung weniger vor:

am Rand und an der Seite
besser nicht: am Rand und der Seite

beim Essen und bei der Kleidung
eher nicht(?): beim Essen und der Kleidung

im Kindergarten und in der Schule
besser nicht: im Kindergarten und der Schule

ins Haus oder in den Garten
eher nicht(?): ins Haus oder den Garten

aus Liebe zur Kirche und zu den Menschen
besser nicht: zur Kirche und den Menschen

Die Duden-Regel, die Zusammenziehungen dieser Art grundsätzlich zu verbieten scheint, ist meiner Meinung nach zu stark und zu verallgemeinernd formuliert. Die Situation ist hier viel komplexer. (Ich müsste weiter untersuchen, um wirklich fundierte Aussagen machen zu können.) Die Regel hat allerdings den großen Vorteil, dass man immer richtig formuliert, wenn man sie anwendet.

Es ist auch nicht üblich, die Präposition wegzulassen und nur den Artikel zu nennen, wenn es eine verschmolzene Form gibt:

der Weg führt zum Museum und zur Kirche
besser nicht: zum Museum und der Kirche

der Weg führt zur Kirche und zum Museum
besser nicht: zur Kirche und dem Museum

die Liebe zur Musik und zur Technik
besser nicht: die Liebe zur Musik und der Technik

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich würde in Ihrem Beispielsatz zweimal vom empfehlen, und zwar deshalb, weil auch im zweiten Teil eine verschmolzene Form vorhanden ist:

Diese wurden vom Anbieter und vom Abonnenten ausdrücklich für richtig erklärt.

Ich ginge aber nicht so weit, vom Anbieter und dem Abonnenten als grundsätzlich falsch anzustreichen. Es geht in diesem Bereich oft nicht um „richtig“ und „nicht korrekt“, sondern um „besser“ und „eher nicht“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Siggi4711 schreibt:

    Juni 26, 2013 um 06:57

    Hallo Dr. Bopp,
    Sie schreiben:
    „Es gibt aus meiner Sicht nichts gegen die folgende Formulierung einzuwenden:

    vom Glanz und der Pracht (des Festest wie betäubt)“

    Ich stimme Ihnen mit der Einschränkung zu, dass „Festest“ eine sehr ungewöhnliche Genitivbildung ist …
    😉

    Ansonsten – wie eigentlich immer – sehr aufschlussreich und sehr ansprechend geschrieben.

    Viele Grüße
    Siggi

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 26, 2013 um 11:44

    Sie kennen den archaischen est-Genitiv nicht? Da ich ich ihn auch erst erfinden müsste, habe ich oben das überflüssige t gestrichen. Vielen Dank für den Hinweis – und fürs Lob.