Der Dativus Judicantis

Heute einmal keine Grammatikhürde und keine orthografische Finesse, sondern ein lateinischer Fachbegriff, den Sie auch gleich wieder vergessen können, ohne dass Ihre Deutschkenntnisse darunter leiden: der Dativus Judicantis (oder Dativus Iudicantis).

Frage

Steht der Dativus iudicantis wirklich nur in Verbindung mit Gradpartikeln? Beispiel: „Grammatik lernen ist mir angenehm.“ Oder ist MIR in diesem Fall gar kein D. iudicantis?

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

der Dativus Judicantis ist auf Deutsch der Dativ der beurteilenden Person. Er bezeichnet die Person, die ein Urteil abgibt:

Du fährst mir viel zu schnell. = Nach meinem Urteil fährst du viel zu schnell.

Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird:

Du fährst mir zu schnell.
nicht: *Du fährst mir schnell.

Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm genug.
nicht: *Das Wasser war den meisten Urlaubern noch nicht warm.

Die Musik war ihm zu laut.
nicht: *Die Musik war ihm laut.

Er war ihr nicht unternehmungslustig genug.
nicht: *Er war ihr nicht unternehmungslustig.

Nur solche „beurteilende Dative“ sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet. Im Beispiel Grammatik lernen ist mir angenehm ist mir kein freier Dativ, sondern ein vom Adjektiv angenehm resp. vom verbalen Ausdruck angenehm sein abhängiges fakultatives Dativobjekt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So weit die Antwort an Herrn H. Wenn der Begriff Dativus Judicantis Ihnen (Dativobjekt) nichts sagt, weil er Ihnen (freier Dativ: Dativus Judicantis) zu fachchinesisch klingt, ist mir (Dativobjekt) das alles andere als unbegreiflich. Dieser Satz allein schon zeigt es! Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich es nicht doch interessant fände.

9 Kommentare

  1. E.G. schreibt:

    August 26, 2013 um 21:04

    Schreibt man „Grammatik lernen“ in diesem Fall nicht zusammen?

    (Das) Grammatiklernen ist mir angenehm.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    August 26, 2013 um 21:45

    Man kann es zusammenschreiben:

    (Das) Grammatiklernen ist mir angenehm.

    Man kann es aber auch getrennt schreiben:

    Grammatik (zu) lernen ist mir angenehem.

  3. Antonius Reyntjes schreibt:

    September 9, 2013 um 13:46

    Frage zur Rechtschreibung: des „Dativus Judicantis“. Dieser Begrife ist als lateinischer Terminus doch nicht in die deutsche Rechtschreibung integriert. Ich plädiere also für die Form „dativus iudicantis“.

    Die lateinische Grammatik, der die deutsche folgt, bildet alle Begriffe korrekt so:
    genitivus partitivus, dativus ethicus, ablativus comparationis…

    Aus welcher Grammatiklehre stammt der „Dativus Judicantis“ (mit dem verwirrenden „J“ stattt von ‚iudicare“ in großes „I“)?

    In der englischen Wikipedia gibt es keinen „dativus iudicativus“
    https://en.wikipedia.org/wiki/Dativus

    S. auch die „Lücke“ in der lateinischen Grammatik bei „Latina“, hier:
    http://la.wikipedia.org/wiki/Dativus_%28grammatica_Latina%29

  4. Lukas schreibt:

    September 9, 2013 um 21:01

    Antonius, diesen Dativ gibt es so weder im Englischen noch im Lateinischen, daher verwundert es nicht, dass er in den entsprechenden Artikeln nicht vorkommt.

  5. Dr. Bopp schreibt:

    September 10, 2013 um 20:51

    Sie sind wieder einmal sehr streng, Herr Reyntjes. Zum Begriff selbst: Er kommt in verschiedenen Grammatiken vor. Zum Beispiel in der Dudengrammatik, 7. Auflage, 2005, Randnr. 1250 als Dativus Judicantis; in Eisenberg, »Grundriss der deutschen Grammatik«, 3. Auflage, 2006, Bd. 2, S. 293 als Dativus iudicantis und Judicantis; in der Canoonet-Grammatik als Dativus Iudicantis (o. Dativus Judicantis).

    Ich habe ihn also wirklich nicht selbst erfunden. Welches ein möglicher Grund ist, dass dieser Ausdruck in anderssprachigen Wikipedias nicht vorkommt, hat Lukas schon erwähnt. Und weiter gilt: Nicht alles, was nicht in Wikipedia steht, ist inexistent.

    Zur Schreibung: Wenn ein lateinischer Ausdruck im Deutschen als Fachausdruck verwendet wird, kann man ihn lateinisch belassen und am besten durch Kursivdruck o. Ä. als fremdsprachiges Zitatwort kennzeichnen:

    der dativus iudicantis

    Man kann ihn auch zu einem im Deutschen verwendeten Fremdwort machen. In diesem Fall sagt die Regel, dass Substantive großgeschrieben werden (vgl. das Alter Ego, die Agina Pectoris, der Deus ex Machina, das Eau de Toilette, die/das Dolce Vita usw.). Da das Lateinische iudicantis = des Beurteilenden substantivisch ist, sollte es im Deutschen also großgeschrieben werden:

    der Dativus Iudicantis

    Hier sieht man vielleicht, was mich dazu bewogen hat, auf die weniger „korrekte“ (im Lateinischen gibt es den Buchstaben j für den Halbvokal nicht), aber bei dieser Schriftart viel praktischere eindeutschende Variante Judicantis auszuweichen:

    der Dativus Judicantis

    Das große J kann im Gegensatz zum großen I nicht mit dem kleinen l verwechselt werden. Es ist auch bei Weitem nicht das einzige Fremdwort aus dem Lateinischen, das mit J geschrieben wird (z. B. Jambus, Janus, Jokus, Jubilate, Juno, Jupiter, Jura).

    Kurz zusammengefasst: den Begriff gibt es und man kann ihn so schreiben.

  6. Vladimir schreibt:

    Dezember 7, 2014 um 18:03

    Zur Frage, ob die Gradpartikel (zu, genug u.ä.) beim Dativus iudicantis obligatorisch ist:
    Was ist mit dem folgenden Beispiel: „Das ist mir ein Rätsel.“ Das Pronomen im Dativ kann hier m.E. nichts anderes sein als Dativus iudicantis, trotzdem gibt es keine Gradpartikel.

    V. K.

  7. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 9, 2014 um 12:41

    Auch wenn Dativus Judicantis mit Dativ des Beurteilenden übersetzt werden kann, ist nicht jeder Beurteilende im Dativ gemeint. Im Artikel oben steht deshalb:

    Als Dativus Judicantis wird im Allgemeinen nur ein Dativ bezeichnet, der im Zusammenhang mit Gradpartikeln wie zu und genug steht. Weshalb diese Sonderbehandlung? ­– Sätze mit einem Dativus Judicantis haben die besondere Eigenschaft, dass sie nicht mehr grammatisch sind, wenn die Gradpartikel weggelassen wird […] Nur solche „beurteilende Dative” sind in der Regel gemeint. Es geht also nicht um jeden Dativ, der (im weitesten Sinne) eine berurteilende Person bezeichnet.

  8. Vladimir schreibt:

    Dezember 14, 2014 um 18:09

    Vergleichen wir also drei der in der Diskussion genannten Satzmuster mit einem Dativ:
    1) Grammatik lernen ist mir angenehm.
    2) Grammatik lernen ist mir zu schwer.
    3) Das ist mir ein Rätsel.

    Der Dativ in 1) ist Objekt (oder Komplement) zum Adjektiv. So auch z. B. „Das ist mir egal“, „Das war ihm peinlich“ usw.
    Der Dativ in 2) ist ein Iudicantis wegen des obligatorischen „zu“, denn ohne dieses wäre der Satz unkorrekt: * „Grammatik lernen ist mir schwer“, korrekt wäre „Grammatik lernen ist schwer für mich / ist für mich schwer“ oder „Grammatik lernen fällt mir schwer“.
    Der Dativ in 3) ist ein Wertungsdativ, aber kein Iudicantis, schreibt Dr. Bopp, weil die Gradpartikel fehle. Kein Iudicantis wären auch „Das ist mir zu rätselhaft“ oder „Das ist mir ein Rätsel genug“, denn die Sätze sind auch ohne Gradpartikel korrekt: „Das ist mir rätselhaft“, „Das ist mir ein Rätsel“. – Nur durch das Kriterium der obligatorischen Gradpartikel soll also die Kategorie des Dativus Iudicantis wie „Das ist mir zu schwer“ von anderen Wertungsdativen wie „Das ist mir (zu) rätselhaft“ oder „Das ist mir ein Rätsel (genug)“, wo die Gradpartikel fakultativ ist, abgegrenzt werden?

    V.K.

  9. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 15, 2014 um 17:13

    Es geht hier darum, einen Namen für eine ganz bestimmte Art des Dativs zu haben. Das ist ein Dativ, der in einem Satz mit einer Gradpartikel wie zu oder genug steht, der ohne diese Gradpartikel nicht korrekt ist. Als Bezeichnung für diesen und nur diesen Dativ verwendet man in der Regel Dativus Judicantis. Wenn Sie nun die Definition wieder erweitern (ausgehend von der Bedeutung des Namens Dativ des Beurteilenden) haben Sie keine Bezeichnung mehr für den speziellen Dativ, um den es hier geht.

    Wie bei allen Definitionen gibt es Randfälle. Ein solcher ist ein Satz mit einem Adjektiv, das ohnehin mit einen Dativ stehen kann: Das ist mir zu rätselhaft. Ein solcher Satz ist einerseits auch ohne zu korrekt, aber andererseit gleicht er sehr einem Satz wie Das ist mir zu schwierig. (Ihr zweites Beispiel, der Satz „Das ist mir ein Rätsel genug“, scheint mir persönlich kein heutiger deutscher Satz zu sein.)

    Wie bei allen Definitionen in der Linguistik gibt es bestimmt mindestens eine weitere Definition für Dativus Judicantis. Der Name ist vielleicht nicht so geschickt gewählt, weil er umfassender klingt, als er gemeint ist. Es steht Ihnen auch frei, den Dativus Judicantis anders zu definieren. Sie verlieren dann aber einen Namen für den ganz speziellen Dativ, um den es hier geht.