Es kann einem auch ohne es kalt sein

Frage

Meine Bekannte, eine Germanistin von der […], behauptet, richtig sei nur „Es ist mir kalt“ oder „Mir ist es kalt“. „Mir ist kalt“ lehnt Sie eindeutig ab, aber viele sprechen doch so. Wie sehen Sie das?

Antwort

Seht geehrter Herr E.,

es gibt eine Art Grundregel, die sagt, dass ein deutscher Aussagesatz ein Subjekt hat. Wenn man diese Regel anwendet, ist die Formulierung

Mir ist kalt.

falsch, weil sie kein Subjekt hat, noch nicht einmal ein rein formales. Die Sätze

Mir ist es kalt.
Es ist mir kalt.

hingegen verstoßen nicht gegen diese Regel, denn sie haben ja das formale Subjekt es. Ich vermute, dass Ihre Bekannte den ersten Satz aus diesem Grund ablehnt.

So weit, so gut. Es gibt natürlich keine Regel ohne Ausnahme. Einige Verben und verbale Wendungen, die ein unangenehmes Empfinden bezeichnen, können ohne dieses unpersönliche es, das heißt ohne Subjekt verwendet werden. Zum Beispiel:

Mich friert schon den ganzen Tag.
Ihm graute vor der Prüfung.
Mir schaudert vor den Konsequenzen.
Bei diesem Anblick wurde ihr übel.
Mir ist/wird ganz schlecht.
Mir ist kalt/warm.
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt.

In all diesen Sätzen kann ein unpersönliches es als formales Subjekt eingesetzt werden, es muss aber nicht eingesetzt werden. Beispielsätze wie mir ist kalt, ihr ist kalt finden sich auch in vielen Wörterbüchern (zum Beispiel: Duden, DWDS, Wahrig, Pons).

Weiter kommen subjektlose Sätze bei Passivkonstruktionen mit intransitiven Verben mit einem Objekt vor. Das klingt ziemlich kompliziert. Zwei, drei Beispiele können hier deshalb sicher erhellend sein:

Dem Manne kann geholfen werden.
Auf deine Hilfe wird gerechnet.
Der Opfer wurde in der Kirche gedacht.

Ebenfalls ohne Subjekt:

Mit ihm ist nicht zu spaßen.
Dir ist nicht mehr zu helfen.

Subjektlose Sätze kommen im Deutschen also vor. Sie sind zwar eine Ausnahme, aber es gibt keinen Grund, die weit verbreitete Formulierung Mir ist kalt als falsch zu bezeichnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

8 Kommentare

  1. E.G. schreibt:

    September 4, 2013 um 10:10

    Unter dem Link „Aussagesatz“ steht folgender Satz:

    Wer hört schon auf mich?

    Da dies ein rhetorischer Satz ist, warum setzt man dann kein Ausrufezeichen? Oder ist beides möglich?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    September 4, 2013 um 16:16

    Auch eine rhetorische Frage wird mit einem Fragezeichen abgeschlossen:

    Habe ich es nicht von Anfang an gesagt?
    Was hätte ich sonst tun sollen?
    Bin ich etwa eure Putzfrau?

    Nur wenn sie als Ausruf gemeint ist und auch so ausgesprochen wird, kann man ein Ausrufezeichen setzen:

    Bist du völlig bescheuert!
    Muss das sein!

  3. E.G. schreibt:

    September 4, 2013 um 18:35

    Dann hat es also etwas mit der Aussprache zu tun?

    Wenn ich z. B. die folgende Frage in einem wütenden/aggressiven Ton stelle, dann setze ich ein Ausrufezeichen, richtig?

    „Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun, du Vollpfosten!“

    Und wenn ich dieselbe Frage in einem freundlichen/ruhigen Ton stelle, setze ich dann ein Fragezeichen?

    „Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun, mein Täubchen?“

  4. Dr. Bopp schreibt:

    September 4, 2013 um 20:30

    Wer sein Täubchen in dieser Weise »freundlich« ansprechen will, kann dies tatsächlich mit einem Fragezeichen tun. Ich vermute allerdings, dass die Reaktion des Täubchens eine Reaktion mit Ausrufezeichen sein wird. Im Allgemeinen sind rhetorische Fragen keine Ausrufe und sie stehen deshalb nicht mit einem Ausrufezeichen (vgl. zum Beispiel hier). Aber schweifen wir hier nicht etwas vom Thema der subjektlosen Sätze ab?

  5. E.G. schreibt:

    September 5, 2013 um 09:05

    Ich habe noch eine letzte Frage. In der Wikipidia stehen diese beiden Sätze:

    „Seid ihr denn bescheuert?“
    „Bist du noch bei Sinnen?“

    Sie haben folgenden Satz geschrieben:

    „Bist du völlig bescheuert!“

    Warum sind die ersten beiden Sätze rhetorische Fragen und der letzte Satz ein Ausrufesatz?

  6. Dr. Bopp schreibt:

    September 5, 2013 um 11:41

    Bei „Bist du völlig bescheuert?“ wird eine fragende Betonung wiedergegeben. Die Tonhöhe (Satzmelodie) steigt gegen das Satzende. Bei „Bist du völlig bescheuert!“ wird ein Ausruf wiedergegeben. Die Betonung ist nachdrücklich und die Tonhöhe fällt gegen das Satzende. Fragezeichen und Ausrufezeichen können hier also dazu dienen, in der Schrift anzugeben, was in der gesprochenen Sprache durch die Betonung ausgedrückt wird.

  7. E.G. schreibt:

    September 5, 2013 um 13:41

    Warum nicht gleich so? Jetzt habe ich es verstanden.

    Ist nur Spaß. Bitte nicht als Unfreundlichkeit auffassen. Ich bin neulich auf Folgendes gestoßen:

    „Warum nicht gleich so! – That´s more like it! / That´s better!“

    „Warum nicht gleich so? – Why didn´t you say that in the first place?“

    Ich finde Satzzeichen herrlich!

    Vielen Dank für Ihre Erklärungen. Sie haben mir wirklich sehr geholfen.

  8. Antonius Reyntjes schreibt:

    September 5, 2013 um 14:38

    Warum ist mir nicht Angst (und Bange?) bei den sprachlichen Erläuterungen des Dr. Bopp?
    Nun, weil sie mich überzeugen. Claro?
    Du, schau lieber nach bei duden.de, was „claro“ bedeutet, bevor du dich blamierst!
    Okay. Hast recht: „claro = hell (klingend) < lateinisch clarus. – Aber ich kann ja auch ein neues, deutsches Wort ausrufen!
    Dann üb' mal das Clarino!