Ein Grammatikfragen-Dauerbrenner: wegen wem oder wegen wessen?

Der liebe Genitiv wirft immer wieder Hürden auf. Selbst wer ihn sehr mag, sieht sich manchmal vor Probleme gestellt. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit Pronomen.

Frage

Das umgangssprachliche „wegen was“ wird in der Standardsprache durch „weswegen“ ersetzt. Zum Beispiel: „Weswegen bist du verärgert?“ Wie aber lautet die standardsprachliche Entsprechung zu „wegen wem“? Ich dachte an „wessentwegen“. Aber laut Duden hat „wessentwegen“ die Bedeutung „weswegen“.

Antwort

Guten Tag H.,

hier kann ich Ihnen leider wieder einmal keine einfache und eindeutige Antwort geben. Die Frage wegen wessen? scheint vor allem Deutschlernende und allgemein Menschen zu interessieren, die gern systematisch vorgehen. Im konkreten standarddeutschen Sprachgebrauch taucht dieses Problem nur selten auf. (Ich bin in meinem persönlichen „Schreibleben“ jedenfalls noch nie bewusst über diese Hürde gestolpert.) Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass die Grammatiken, Wörterbücher usw., so weit mir bekannt ist, keine Angaben dazu machen. Wir haben es hier meiner Meinung nach mit einer Art Lücke im aktuellen deutschen Sprachsystem zu tun: Wie fragt man mit wegen nach einer Person?

  • Die Formulierung wegen wem ist für viele rein umgangssprachlich.
  • Die Form wessentwegen ist veraltet und wird nicht/kaum mehr verwendet.
  • Die Form weswegen fragt nur nach Inhalten (umgangssprachlich wegen was).
  • Die Frage wegen welcher Person klingt meistens viel zu umständlich.

Es bleibt also nur noch wegen wessen übrig. Diese Form ist nicht falsch, denn sie entspricht dem, was bei der Anwendung der allgemeinen Regeln „herauskommt“. Sie klingt aber recht ungewöhnlich und kommt nur selten vor.

Ich kann Ihnen deshalb nur Folgendes empfehlen: Umgangssprachlich und sowieso im Süden des deutschen Sprachraums können Sie wegen wem verwenden. Wenn Ihnen diese Formulierung nicht zusagt oder gar ein Gräuel ist (der Dativ nach wegen löst bei manchen heftige allergische Reaktionen aus), dann kommt wegen wessen in Frage. Es klingt allerdings für viele, auch für mich, recht ungewöhnlich.

In einem formellen standardsprachlichen Text ist es deshalb vielleicht am besten, wenn möglich auf eine andere Formulierung auszuweichen – falls Sie dies nicht ohnehin schon unbewusst getan haben. Zum Beispiel:

Wegen wessen tun Sie das?
→ Für wen tun Sie das? oder
→ Wem zuliebe tun Sie das? oder
→ Auf wessen Veranlassung tun Sie das?

Wegen wessen bist du verärgert?
→ Wer hat dich verärgert?
→ Über wen ärgerst du dich?

Ich weiß, dass eine Antwort wie diese für diejenigen, die systematisches Vorgehen und Eindeutigkeit mögen, wenig befriedigend ist. Ich kann aber auch derentwegen keine Regel aufzeigen, die es nicht gibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

12 Kommentare

  1. JaKi schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 01:39

    Also „wessentwegen“ hätte ich akzpetieren können, das klingt „folgerichtig“. Und war es ja wohl auch mal… Aber „wegen wessen“? Nein. Geht gar nicht. „Wessen“ ist für mich besitzanzeigend. Wegen wessen hast du das und das gemacht?

  2. JaKi schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 01:41

    Huch, das fehlt etwas, da wurden Zeichen und Wörter gelöscht…

    Mal sehen, ob das so klappt: Wegen wessen (Gegenstand, Aktion o.ä. einsetzen), hast du das und das gemacht?

  3. Nikolas schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 06:34

    “Wegen wessen“ ist wohl vor allem schlechter Stil. Wann immer man geneigt ist sowas zu schreiben, sollte man daraus eine Aktiv-Konstruktion machen, z.B. “Wer hat dich geärgert? “, “Wer hat dich überredet, das zu tun?“

  4. E.G. schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 09:54

    Verstehe ich das richtig, dass man früher „wessentwegen“ im Sinne von „wegen wessen“ UND „weswegen“ verwendet hat? Im Duden steht nur „weswegen“.

  5. Antonius Reyntjes schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 10:04

    Versuch einer literaturkundlichen Antwort, ohne sprachgeschivhtliche Standardwerke zu visitieren:
    Wessentwegen?
    „(…) aber da diese zween Halunken mitten in meinem Elend eben dasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich verjagt und mein Auserwählter tot geschossen worden (…)“

    Inmitten entrissen der „Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche“ von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen.

    Nachzuprüfen:
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/5243/16Dorten, im SPIEGEL-Projekt finden sich barocke und nachbarocke „wessentwegen“.

    Hierortens 36 weiterhinnige (nein; das ist Blödsinn!) weitere Belege nachzulesen:
    http://gutenberg.spiegel.de/suche?q=%93wessentwegen

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 10:05

    @ JaKl und Nikolas: Sie nennen es »schlechter Stil« (Nikolas) oder »geht gar nicht« (JaKl). Ich bezeichne es etwas milder als ungewöhnlich und ungebräuchlich. Ansonsten steht im Artikel ungefähr dasselbe wie in Ihren Kommentaren, nämlich dass man am besten auf eine andere Formulierung ausweicht.

    Dann noch kurz Folgendes: wessen ist auch mit Bezug auf Personen nicht immer besitzanzeigend. Sehen Sie zum Beispiel:

    Wessen gedenken wir an diesem Tag. – Der Opfer des Krieges.
    Wessen nahmen sie sich an? – Der verwaisten Kinder.

    Sehr häufig kommen solche Formulierungen allerdings nicht vor. So viel sei zugestanden.

  7. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 10:25

    @ E.G. Im Grimm-Wörterbuch steht unter dem Stichwort weswegen (1959, das ist also auch schon wieder über 50 Jahre her):

    soweit[!] wessentwegen in der gegenwartssprache noch lebendig ist, wird es im gegensatz zu dem fast völlig auf kausalen gebrauch (‚warum‘) festgelegten weswegen als beziehungsandeutendes adverb verwendet (‚in hinblick auf wen‘, kaum auf sachen bezogen)
    http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=weswegen

    Der Bezug auf Personen kam also offenbar auch vor.

  8. Nightstallion schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 11:17

    In meinem Sprachgebrauch ist „wessentwegen“ hier gut geeignet, um Personen oder Objekte zu referenzieren …

  9. E.G. schreibt:

    Oktober 18, 2013 um 13:00

    Ein sehr interessantes Thema, wie ich finde.

    Vielen Dank für die Antwort!

  10. Katie Harrell schreibt:

    Oktober 29, 2013 um 19:35

    Ich habe heute Morgen die Duden-Sprachberatung kontaktiert – mit folgendem Ergebnis:Nach „wegen“ und „einschließlich“ folgt der Genitiv. Richtig ist: wegen wessen?/einschließlich wessen?

  11. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 29, 2013 um 22:01

    Tja, wenn die Duden-Sprachberatung es sagt, dann ist das natürlich so. Ich gebe der Duden-Sprachberatung sogar insofern recht, als – wie ja auch im Artikel oben steht – wegen wessen nicht grundsätzlich falsch ist. Nach wegen steht der Genitiv und wessen ist ein Genitiv. Es ist nur so, dass die Formulierung wegen wessen mir und vielen anderen gelinde gesagt ungewöhnlich vorkommt, andere wiederum es als schlechten Stil bezeichnen und nur wenige es auch wirklich gebrauchen. Wenn man diese Lücke im Sprachsystem unbedingt füllen will, ist wegen wessen ein möglicher Kandidat – stilistisch ist es aber kaum empfehlenswert. Falls man Ihnen wirklich nicht mehr gesagt hat als »wegen wessen ist richtig«, war die Beratung meiner Meinung nach nicht ganz zureichend. Aber ich bin natürlich nicht »der Duden«.

  12. Fragen Sie Dr. Bopp! » Wegen dem, wegen dessen, dessentwegen schreibt:

    Oktober 1, 2015 um 14:53

    […] wegen dessen klingt für mich aber ziemlich ungewöhnlich oder forciert genitivisch (vgl. auch wegen wessen). Sie wird auch nicht von allen als standarsprachlich akzeptabel […]