In die oder in der Akte notieren

Schon wieder die Wechselpräpositionen! Wer sie im Griff hat, wundert sich vielleicht, aber sie geben häufig zu Fragen Anlass. Deshalb hier gleich noch eine Frage zu diesem Thema. Verben wie notieren in Frau W.s Frage lassen nämlich auch mich immer wieder zweifeln.

Frage

Ich bin mir gerade sehr unsicher, welche der folgenden Varianten richtig ist: „in die Akte notieren“ (wie „in die Akte schreiben“) oder „in der Akte notieren“ (wie „in der Akte vermerken/festhalten“)? Oder geht beides?

Antwort

Sehr geehrte Frau W.,

die Antwort geben Sie bereits selbst: Beide Varianten sind möglich und richtig:

in der Akte notieren  – wo aufschreiben?
in die Akte notieren – wohin  schreiben?

Im Dativ (in der Akte) ist die Akte der Ort des Schreibens. Im Akkusativ (in die Akte) ist die Akte der Zielort des Geschriebenen. Oder so. Es ist immer schwierig, diese Unterschiede in eindeutige und leicht verständliche Worte zu fassen. Es gibt einen Bedeutungsunterschied, aber sehr oft sind beide Sehensweisen und somit sowohl der Dativ als auch der Akkusativ möglich. Zum Beispiel:

Ich notiere die Adresse schnell in meiner Agenda.
Ich notiere die Adresse schnell in meine Agenda.

Das Verb notieren ist übrigens bei Weitem nicht das einzige Verb, bei dem sowohl eine statische Ortsangabe im Dativ als auch eine dynamische Zielangabe im Akkusativ stehen können. Hier noch ein paar Beispiele, weil es so schön ist:

ein Schild an die Fassade anbringen
ein Schild an der Fassade anbringen

Rouge auf die Wangen auftragen
Rouge auf den Wangen auftragen

sich in ein neues Gebiet einarbeiten
sich in einem neuen Gebiet einarbeiten

die Stiefmütterchen in das Beet einpflanzen
die Stiefmütterchen im Beet einpflanzen

die Schnapsflasche in den Schrank einschließen
die Schnapsflasche im Schrank einschließen

das Bücherregal an die Wand montieren
das Bücherregal an der Wand montieren

sich auf den Sitzsack niederlassen
sich auf dem Sitzsack niederlassen

die Beute in große Kisten verpacken
die Beute in großen Kisten verpacken

ins Nichts verschwinden
im Nichts verschwinden

sich unter das Bett verstecken
sich unter dem Bett verstecken

u. a. m.

Nicht immer sind beide Fälle gleich üblich. Beim letzten Beispiel, verstecken, ist der Akkusativ zwar möglich, aber üblich ist vor allem der Dativ.

Nicht immer sind bei allen Bedeutungen eines Verbs beide Fälle möglich. So kann man sich auf einem oder auf einen Sitzsack niederlassen, aber in übertragenem Sinne kann man sich nur in einem Land niederlassen.

Nicht immer ist der Bedeutungsunterschied so gering wie anfangs gesagt. Ein schönes Beispiel ist verteilen:

Die Schüler verteilen sich in ihre Klassen (sie gehen in ihre jeweilige Klasse)
Die Schüler verteilen sich in ihren Klassen (sie setzen sich in ihrer jeweiligen Klasse auseinander)

Ganz so einfach, wie die Grundregel vermuten lässt, sind die Wechselpräpositionen also nicht. Vieles ist nicht über einfache Regeln ableitbar. Was das eigene Sprachgefühl nicht spontan eingibt, muss man sich ins Gedächtnis einprägen – oder etwa im Gedächtnis einprägen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5 Kommentare

  1. E.G. schreibt:

    November 19, 2013 um 15:16

    Auch in folgendem Beispiel ist sowohl der Akkusativ als auch der Dativ richtig:

    einen Schrank in die Wand einbauen
    einen Schrank in der Wand einbauen

    Sind auch in Verbindung mit „sein“ beide Fälle möglich?

    Der Schrank ist in die Wand eingebaut.
    Der Schrank ist in der Wand eingebaut.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    November 19, 2013 um 16:43

    Nach den Angaben in den Wörterbüchern (Wahrig, DWDS, Duden) steht bei einbauen in vor allem der Akkusativ. Seltener kommt aber auch der Dativ vor. Auch im Zustandspassiv (sein-Passiv) können beide Varianten stehen:

    Der Schrank ist in die Wand eingebaut.
    Der Schrank ist in der Wand eingebaut.

    Ich vermute, dass der »statische« Dativ hier häufiger vorkommt als im Aktiv, da ja das Zustandspassiv wenig dynamisch ist. Zuerst baut man den Schrank in die Wand ein und dann ist er in der Wand eingebaut. Oberflächliche »Google-Schnellsuchen« scheinen dies zu bestätigen und auch Duden, Gutes und richtiges Deutsch, macht unter dem Stichwort einbauen ähnliche Angaben.

  3. E.G. schreibt:

    November 19, 2013 um 17:23

    Hätte mich gestern jemand gefragt, ob „sich unter das Bett verstecken“ richtig sei, hätte ich nein gesagt. Jetzt weiß ich es besser! 🙂

    Bei meinem Satz war ich mir nicht sicher, ob auch der Akkusativ möglich ist.

    Vielen Dank für die Antwort!

  4. Holger schreibt:

    Januar 4, 2014 um 22:50

    Muss man es sich eigentlich „im Gedächtnis“ einprägen? Wo könnte man es sich denn noch einprägen? Hieße es nicht auch „richtig“ nur „sich etwas einprägen“?

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 5, 2014 um 10:09

    Die Formulierung „im Gedächtnis einprägen“ ist hier tatsächlich etwas viel des Guten und entsprechend kein stilistisches Meisterstück, aber gönnen Sie mir doch bitte dieses kleine abschließende Wortspiel zum Thema.