Das frustrierende Eichhörnchen

Frustrierend sind Eichhörnchen nicht etwa als Tiere. Ich habe soeben wieder zwei dieser nervös-quirligen Kletterer im Garten beobachtet. Der Weg von der Ecke des Waldes, in dem sie wohnen, zum Nussbaum im Nachbargarten führt über den Zaun und die Hecke am Rande unseres Gartens. Bei uns heißt diese Strecke im Herbst „die Eichhörnchenroute“ und an besonders verkehrsintensiven Tagen „die Eichhörnchenschnellstraße“. Es ist immer wieder ein schöner, erheiternder Anblick. Nein, frustrierend sind diese Tierchen wirklich nicht (auch wenn ich zu meinem großen Erstaunen kürzlich herausgefunden habe, dass sie nicht nur Nüsse fressen, sondern – wie unpassend zum niedlichen Äußeren! – im Frühling auch Jungvögel nicht zu verschmähen scheinen).

Bild: Wikimedia

Frustrierend finde ich zurzeit gerade Eichhörnchen als Wort. Ich wollte nämlich herausfinden, woher es kommt. Wie wohl die meisten von uns bin ich davon ausgegangen, dass  Eich- vom Baum namens Eiche stammt. Mich interessierte also vor allem die Herkunft des zweiten Wortteils: Was haben die Nager mit Hörnchen zu tun? Vielleicht die spitzen Öhrchen, der gekrümmte Schwanz? Weit gefehlt! Die Antwort lautet: rein gar nichts.

Nach Kluge, „Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache“, 24. Auflage, 2002, kommt Eichhörnchen von germanisch „aikurna“. So weit, so gut. Dann wird es furchtbar kompliziert. So kompliziert, dass ich Ihnen den entsprechende Text für einmal nicht vorenthalten will:

Der vorausliegende nordeuropäische Name ist *woiwer-, wobei in der ersten Silbe auch ē oder ā erscheint. Morphologisch handelt es sich wohl um eine Intensiv-Reduplikation oder eine Vriddhi-Bildung zu einer einfachen nominalen Reduplikation(bei der i oder e denkbar wäre). Vgl. lit. vėverìs f., vaiveris m., voverìs f., aruss. věverica, kymr. gwiwer, nir. georog und mit leicht abweichender Bedeutung l. vīverra f. »Frettchen«. Das germanische Wort unterscheidet sich von diesen in einer auch sonst bezeugbaren Veränderung von inlautendem w zu g. k und im Fehlen des Anlauts w- (was möglicherweise mit nir. (reg.) iora eine Parallele hat. Vorauszusetzen ist also (ig.) *(w)oiwr-.

Am Anfang habe ich mir noch Mühe gegeben, aber spätestens bei „eine Vriddhi-Bildung“ ist bei mir dann Schluss mit Verstehen. Ganz am Ende wird es zum Glück aber wieder einfacher:

Weitere Herkunft unklar. Die sekundäre Umgestaltung im Deutschen zu -horn, -hörnchen (schon seit spätalthochdeutscher Zeit) hat in neuerer Zeit zu der Ablösung Hörnchen für die ganze Famile dieser Tiere geführt (Flughörnchen usw.).

Das Eichhörnchen hat also ursprünglich nichts mit Eiche und nichts mit Horn oder Hörnchen zu tun. Womit es sonst zu tun hat, weiß ich immer noch nicht: „Weitere Herkunft unklar.“ Frustrierend.

Lustig finde ich allerdings, dass sich der Volksmund so viel Unklarheit nicht gefallen ließ und einfach wie folgt uminterpretierte: Eichhorn = Eiche + Horn. Das führt zum halbwegs deutbaren und entsprechend einfacher zu hantierenden Namen Eichhörnchen und letztlich sogar zur Bezeichnung Hörnchen für eine ganze Tierfamilie. Als Beispiel für ein Phänomen, das man Volksetymologie nennt, ist Eichhörnchen also gar nicht so frustrierend.

9 Kommentare

  1. Kuli schreibt:

    November 29, 2013 um 11:08

    Dann kann sich das Eichhörnchen ja mit dem Maulwurf zusammentun, der ja auch weder mit Mäulern noch mit Würfen etwas zu tun hat. Allerdings ist bei dem die Herkunft des Namens klarer.

    Ich fürchte allerdings, dass sich Eichhörnchen und Maulwürfe recht selten begegnen werden und sich dann, sollte es dazu kommen, auch recht wenig zu sagen haben.

  2. Det schreibt:

    Dezember 1, 2013 um 15:16

    Meines Wissens hat das „Eich“ mit mhd. „aig“ (i.S.v. flink) zu tun.

  3. Winfried schreibt:

    Dezember 2, 2013 um 10:58

    Wem Eichhörnchen zu schwierig ist, kann ja auch Eichkätzchen sagen. Warum allerdings das Hörnchen in Bayern und Österreich ein Kätzchen ist, weiß ich nicht. Und da das Kätzchen immer auch einen Schwanz hat, hier noch ein Link:
    http://de.wiktionary.org/wiki/Oachkatzlschwoaf

  4. E.G. schreibt:

    Dezember 2, 2013 um 12:14

    Ich habe einen Blick in den Duden geworfen und bin überrascht, wie viele Synonyme es gibt: Eichhase, Eichkater, Eichkätzchen, Eichkatze, Eichhorn (das finde ich sogar nicht niedlich).

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bislang nur „Eichhörnchen“ kannte.

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 2, 2013 um 15:31

    Meines Wissens hat das “Eich” mit mhd. “aig” (i.S.v. flink) zu tun.

    Stimmt. Das Etymologische Wörterbuch (nach Pfeifer) sagt dazu:

    Auch der Anschluß des ersten Wortteils an ie. *aig- ‘Eiche’ (s. Eiche) ist vielleicht sekundär; zur Erklärung wird häufiger die Wurzel ie. *aig- ‘sich heftig bewegen, schwingen’ herangezogen, die für aind. ḗjati ‘regt sich, bewegt sich’, aengl. ācol ‘erschrocken’, anord. eikinn ‘gewaltsam, wütend, rasend’, aslaw. igrь, russ. igrá (игра) ‘Spiel’ vorauszusetzen ist; Benennungsmotiv wäre dann die Flinkheit des Tieres.

  6. Rolf schreibt:

    Dezember 3, 2013 um 09:33

    Zum Maulwurf möchte ich noch kurz anmerken, dass er in meiner Heimat früher „Multruff“ genannt wurde. Kein sehr schönes Wort, gut dass es nicht mehr benutzt wird.

    Besser gefällt mir der westpfälzische „Mauerwolf“, zumal das Tier garantiert niemals auf Mauern gesehen wird und einem Wolf nicht ähnlicher ist als einem Eisbären oder einem Hammerhai.

  7. Olaf schreibt:

    Dezember 10, 2013 um 23:30

    Und ich dachte, ein Eichhörnchen ist das genormte Musterstück, nach dem der Bäcker jeden Morgen alle neuen Hörnchen formt 😉

  8. Dr. Bopp schreibt:

    Dezember 11, 2013 um 18:05

    Wenn es in der Backstube ein geeichtes Musterhörnchen gibt, mit dem alle Hörnchen nachgemessen werden, kann man es zum Beispiel Normhörnchen, Urhörnchen oder tatsächlich Eichhörnchen nennen. Das Spielen mit Wortbedeutungen liegt vielen Witzen zu Grunde – und auch einigen volksetymologischen Erklärungen.

  9. Regionalulf schreibt:

    Februar 11, 2014 um 21:04

    Im Niederdeutschen heißt das Eichhörnchen „Katteker“ (mit Betonung auf dem ersten E), übersetzt gewissermaßen Katz-Eicher (und also genau andersrum als in Bayern). Die „Eker“ ist aber auch die Eichel (vgl. „Buchecker“). Vermutlich hat hier aber auch einiges an Sprachentwicklung rumgefuhrwerkt. Nur der Maulwurf ist im Niederdeutschen noch ein echter „Erdwerfer“ (Mullwarp).