Ein Wort auf Umwegen: Mannequin

Für diejenigen unter uns, die nicht mehr wissen, was ein Mannequin ist: „weibliche Person, die Modekollektionen, Modellkleider vorführt“. So definiert das gelbe Wörterbuch den Begriff. Ein Mannequin ist also eine Frau, die wie viele Ihrer Kolleginnen diese Woche an der Berliner Fashion Week viel zu tun hatte: ein Model. Vorgängerinnen von zum Beispiel Frau Schiffer und Frau Klum nannten sich so und wurden so genannt. Auch ich kann mich erinnern, dass Fashion Weeks noch Modewochen hießen und Mannequins und Dressmen statt Models über die Laufstege, pardon, die Catwalks schritten.

Wie alles, was früher etwas mit Mode zu tun hatte, kommt auch das Wort Mannequin aus Frankreich. Weshalb aber ist es ein „Wort auf Umwegen“? Weil es nicht aus Paris, sondern aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist: aus den Niederlanden. Das mittelniederländische Wort manneken mit der Bedeutung Männchen [sic!] wurde unter anderem im Sinne von Puppe, Gliederpuppe ins Französische übernommen. Mit Mannequin ist ein niederländisches Wort über Frankreich zu uns gelangt.

MannequinAuch die heutige Bedeutung von Mannequin hatte ursprünglich mit Reisen zu tun. Der französische Hof war das Zentrum der Mode. Wer im Rest der (europäischen) Welt etwas auf sich gab und – auch damals nicht ganz unwichtig – wer es sich leisten konnte, wollte nach der französischen Mode gekleidet sein. Der ein- bis anderthalbtägige Einkaufsausflug in die Modemetropole kam erst mit Flugzeugen und Hochgeschwindigkeitszügen in Frage. Videos, Fotos oder Schnittmuster übers Internet zu verbreiten war ebenfalls noch nicht möglich. Man wusste sich aber auch damals schon zu helfen: Es wurden nach der neuesten Mode gekleidete kleine Puppen, Mannequins, durch die Welt geschickt, die den modebewussten Damen und Herren die aktuellen Pariser Modelle und Trends vorführten. Später nannte man auch diejenigen, die bei den Couturiers die neue Kreationen vorführten, Mannequins (im Französischen anfangs nur die Männer). Heute, da sich die französische Hauptstadt die modische Vorherrschaft schon lange mit Mailand, London und New York teilen muss, werden die Vertreterinnen und Vertreter dieser Berufsgattung, wie schon gesagt, meist Models genannt.

Auch das Wort Model ist übrigens „weitgereist“. Es hat allerdings eine Route genommen, die viele andere Wörter auch zurückgelegt haben. Es startete seine Karriere als Diminutiv modulus des lateinischen Wortes modus (Maß; Art, Weise). Sein italienischer Nachfahre modello gelangte dann als modelle (später modèle) nach Frankreich, von wo es als Modell direkt ins deutsche Sprachgebiet und als model nach England und später zu uns weiterwanderte.

Weder Mannequin noch Model oder Modell sind also deutschen Ursprungs. Wer lieber keine Fremwörter verwendet, muss hier also auf Vorführfrau und Vorführmann ausweichen. Wenn es nur darum geht, die Bedeutung wiederzugeben, eignen sich diese Wörter ausgezeichnet. Wenn es aber darum geht, auch das zur Mode gehörende Flair zu vermitteln, sind sie völlig ungeeignet.

3 Kommentare

  1. armance schreibt:

    Januar 22, 2014 um 15:56

    „… aus einer Gegend stammt, die auch heute nicht unbedingt für modische Eleganz und Raffinesse bekannt ist …“

    „Manneken“ ist doch eher ein südniederländisches bzw. flämisches Diminutiv von „man“, oder?

    Seit den späten Achtzigern haben belgische, insbesondere Antwerpener Designer das moderne Modedesign maßgeblich geprägt und stehen für eine ganz einene Eleganz und Raffinesse.

    So gesehen passt alles wunderbar zusammen!

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 22, 2014 um 23:52

    Ich wusste es! Als ich es aufschrieb, wusste ich, dass wahrscheinlich jemand gegen diesen Satz „protestieren“ würde. Es geht ums Klischee, nicht darum, wie es wirklich ist. Natürlich wird nicht nur in Paris, Mailand, London und New York Mode gemacht. Natürlich sieht man auch in Paris mehr nicht allzu elegant gekleidete Männer und Frauen als modebewusste und stilsichere Damen und Herren. Dennoch denkt der Durchschnittsmensch bei Mode und Eleganz nicht zuerst an Brüssel, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam. Unfair, aber wahr.

    Es stimmt, dass die Diminutivendung -ken heute vor allem im südlichen Niederländischen verwendet wird. Das Wort manneken wurde aus dem Mittelniederländischen (12. – 15 Jh.), dem Vorläufer des modernen Niederländischen, entlehnt. Die im nördlichen Niederländischen gebräuchliche Endung -je (mannetje) soll aber späteren Datums sein. Das Wort manneken stammt also aus den früheren Niederlanden, die ungefähr die heutigen Staaten Niederlande, Belgien, Luxemburg und einen angrenzenden Teil von Nordfrankreich umfassten.

    Sie haben aber ganz richtig gesehen, dass man die Verbindung heute wieder aufs Neue legen kann.

  3. Blogspektrogramm 4/2014 – Sprachlog schreibt:

    Januar 26, 2014 um 12:57

    […] Die Herkunft des mittlerweile schon fast wieder ausgestorbenen Wortes Mannequin klärt diese Woche Stephan Bopp auf FRAGEN SIE DR. BOPP. Spoiler: Es sind mehr als zwei Sprachen beteiligt. […]