Beizug, Beiziehung, Hinzuziehung

Es ist wohl für kaum jemanden neu, dass es im Deutschen auf der Ebene des Wortschatzes regionale Unterschiede gibt. Viele kennen bestimmt auch die Standardbeispiele wie das schweizerische Verb parkieren für parken und das österreichisch die Marille für die Aprikose. Ein weniger bekanntes und weniger auffallendes Beispiel hat Herr M. für uns gefunden: beiziehen und Beizug.

Frage

Weshalb ist das Wort „Beizug“ nicht im Duden enthalten? Gibt es dieses Wort überhaupt, wird es nur umgangssprachlich verwendet? Satzbeispiel: „Auf den Beizug des Brandermittlers wurde verzichtet.“ Oder ist es „besser“ bzw. korrekt, „Beiziehung“ zu verwenden?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

warum das Wort Beizug nicht im Duden steht, müssten Sie die Dudenredaktion fragen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Beizug ein Wort ist, das vor allem in der Schweiz, das heißt in der schweizerischen Variante des Standarddeutschen, verwendet wird.

Im südöstlichen Teil Deutschlands, in Österreich und in der Schweiz kennt man das Verb beiziehen mit der Bedeutung dazunehmen, heranziehen:

Zur Aufklärung des Sachverhalts kann das Gericht externe Akten beiziehen.
Es ist wichtig, einen Tierarzt beizuziehen, um organische Ursachen auszuschließen.

Allgemein wird im Deutschen in diesen Fällen eher das Verb hinzuziehen verwendet:

Zur Aufklärung des Sachverhalts kann das Gericht externe Akten hinzuziehen.
Es ist wichtig, einen Tierarzt hinzuzuziehen, um organische Ursachen auszuschließen.

In Ihrem Satz steht aber nicht das Verb, sondern eine Substantivierung. Dort ist die Situation noch komplexer. Allgemeindeutsch heißt es dann:

unter Hinzuziehung eines/einer Sachverständigen

Im südlichen Deutschland und in Österreich bleibt man hier beim Verb beiziehen:

unter Beiziehung eines/einer Sachverständigen

Auch in der Schweiz bleibt man dem Verb beiziehen treu, es wird aber häufig eine andere Substantivierung verwendet:

unter Beizug eines/einer Sachverständigen

Hinzuziehung, Beiziehung und Beizug: alle Formen sind korrekt gebildet und in einem konkreten Kontext zweifellos überall gut verständlich. Die drei Varianten sind nur nicht überall gleich gebräuchlich.

In der Schweiz können Sie korrekt drei verschiedene Varianten verwenden:

Auf den Beizug des Brandermittlers wurde verzichtet.
Auf die Beiziehung des Brandermittlers wurde verzichtet.
Auf die Hinzuziehung des Brandermittlers wurde verzichtet.

Keine der Varianten ist „korrekter“ als die anderen. Am häufigsten kommt aber in der Schweiz das Wort Beizug vor. Das ist deshalb auch die Form, die ich Ihnen empfehlen würde, wenn Sie in der Schweiz für die Schweiz schreiben. Aber auch jenseits der Grenze wird in Deutschland und Österreich Beizug kaum auf absolutes Unverständnis stoßen.

Diese Angaben habe ich übrigens unter Hinzuziehung/Beiziehung/Beizug des Variantenwörterbuchs des Deutschen* zusammengestellt, das für alle, die regionale Sprachvariation mögen, sehr nützlich und interessant ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Ulrich Ammon, Hans Bickel, Jakob Ebner u. a.: Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Berlin/New York, de Gruyter, 2004.

2 Kommentare

  1. Ickes schreibt:

    März 19, 2014 um 03:23

    „Beiziehen“ ist mW im juristischen Sprachgebrauch in ganz Deutschland üblich, wenn es um Gegenstände (zB Akten) geht. Jedenfalls im Norden und Westen habe ich nie etwas anderes gelesen. Ich denke, das wird dadurch stabilisiert, dass beigezogene Akten üblicherweise als „Beiakten“ bezeichnet werden. „Hinzugezogen“ werden nach meiner Kenntnis des Sprachgebrauchs nur Personen.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    März 19, 2014 um 11:57

    Danke für diesen Hinweis aus der Praxis zur Verwendung von beiziehen und hinzuziehen. Ihre Angaben widersprechen zwar dem, was man in den Wörterbüchern findet (z.B. Variantenwörterbüch, Duden, Pons, DWDS), doch das will nicht immer alles heißen. Leider habe ich in diesem Rahmen nicht die Möglichkeit, die Wörterbuchangaben mit der Sprachrealität zu vergleich, um Ihnen wirklich fundiert zustimmen oder widersprechen zu können. Nur bei „Beizug“ bin ich auch so ziemlich sicher, denn der sonst mit großer Vorsicht zu verwendende Google-Blick ins Netzt zeigt, dass dieses Wort vor allem auf „Punkt-CH-Seiten“ zu finden ist.