Die Namen der Fälle

Die Fälle gehören sozusagen zu meinem Handwerkszeug. Ich schlage mich fast täglich mit den Begriffen Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ herum. Ich hatte zwar schon eine Ahnung, woher diese Namen kommen und was sie ungefähr bedeuten, aber ich habe es nun endlich einmal für mich herausgesucht – und für Sie.

Die Begriffe Kasus, Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ haben wir wie so viele andere zusammen mit der traditionellen Grammatik von den Lateinern übernommen. Diese wiederum verwendeten für ihre Sprachbeschreibung Lehnübersetzungen aus der griechischen Grammatik.

Fangen wir mit Fall an: Das deutsche Wort ist die wörtliche Entsprechung des lateinischen Wortes casus. Es ist in dieser Bedeutung eine Übersetzung des griechischen Wortes ptõsis (das Fallen, der Fall), das schon von den alten griechischen Grammatikern für die Bezeichnung der grammatischen Fälle verwendet wurde.

Der Nominativ war der (casus) nominativus, der benennende Fall. Bei den Griechen hieß er onomastiké ptõsis, wörtlich namengebender Fall. Es ist der Fall, den man beim Bennennen verwendet. Das gleiche nomin- steht zum Beispiel auch im Fachwort Nominalwert. Nominalwert oder Nennwert ist die Bezeichnung des Wertes, der auf einer Münze, einer Banknote o. Ä. angegeben wird.

Der Genitiv geht über (casus) genitivus auf geniké ptõsis zurück, den die Gattung, Herkunft, Abstammung bezeichnenden Fall. Im Lateinischen wurde er als Fall interpretiert, der die Abhängigkeit eines Substantivs von einem anderen angibt. Dem gen in Genitiv begegnen wir auch zum Beispiel in Generation, genetisch, das Gen usw.

Der Dativ kommt von (casus) dativus und dieser von dotiké ptõsis, zum Geben gehörender Fall. Es ist der Fall, in dem häufig die Person oder Sache steht, die bei einem Verb des Gebens das Gegebene erhält. Das lateinische Adjektiv dativus ist von datum abgeleitet, dem zum Verb dare = geben gehörenden Partizip. Das dat in Dativ finden wir unter anderem auch in dem heute so wichtigen Wort Daten. Die Daten sind eigentlich nichts anderes als das Gegebene. Die Bezeichnung Datum für die Angabe eines bestimmten Tages geht auf den lateinischen Gebrauch zurück, in Briefen anzugeben, wann ein Schriftstück datum, also gegeben oder ausgestellt wurde.

Bleibt noch der Akkusativ. Er kommt von (casus) accusativus, der zur Anklage gehörende Fall (vgl. engl. to accuse, frz. accuser). Hier sind sich viele Gelehrte – aber natürlich nicht alle! – einig, dass den Lateinern bei der Übersetzung des griechischen Begriffes aitiatiké ptõsis ein Fehler unterlaufen sei. Gemeint sei nicht der Fall der Anklage, des Anklagens, sondern der Fall der Ursache, des Grundes. Auf die Details der Diskussion will ich hier nicht weiter eingehen, das könnte Ihre (und nicht zuletzt auch meine) Geduld überstrapazieren.

Bei den Fällen haben wir es also wortgeschichtlich mit dem Nennfall, dem Herkunftsfall, dem Gebefall und dem Anklagefall zu tun. Das ist auf den ersten Blick relativ aussagekräftig, aber ich bezweifle, dass diese Namen viel hilfreicher sind als die üblichen deutschen Bezeichnungen Werfall, Wesfall, Wemfall und Wenfall.

1 Kommentar

  1. Blogspektrogramm 14/2014 – Sprachlog schreibt:

    April 6, 2014 um 19:17

    […] Genitiv, Dativ, Akkusativ — warum heißen die grammatischen Fälle eigentlich so? Stephan Bopp erklärt's auf FRAGEN SIE […]