Meint er die Anschuldigung gegen sich oder gegen ihn?

Frage

Wie heißt es richtig?

– Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.
– Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

die kurze Antwort lautet: Hier ist sowohl sich als auch ihn möglich. Im zweiten Fall ist der Satz eventuell nicht eindeutig, weil mit ihn auch eine andere Person gemeint sein könnte. Es ist allerdings meistens so, dass man aus dem weiteren Satzzusammenhang schließen kann, wer mit ihn gemeint ist.

Und hier die lange Antwort:  Das Reflexivpronomen sich wird dann anstelle des Personalpronomens ihn oder sie verwendet, wenn es mit dem Subjekt des Satzes identisch ist. Das allbekannte Standardbeispiel lautet:

Er wäscht ihn.
= ein andere Person, ein Tier oder eine Sache mit männlichem Genus

Er wäscht sich.
= sich selbst

So weit ist alles recht einfach. Die Unsicherheit entsteht nun, weil Ihr Satz eigentlich zwei Verben enthält, nämlich von sich weisen und anschuldigen. Das zweite Verb erscheint hier in der Form der Substantivierung Anschuldigung.

Das Subjekt des ganzen Satzes und der Angeschuldigte sind identisch, deshalb erwarten wir das Reflexivpronomen sich:

Jede Anschuldigung gegen sich weist er von sich.

Das stimmt allerdings nicht ganz, denn das Pronomen sich ist eigentlich nicht von weisen abhängig, sondern von anschuldigen. Weiter gilt, dass das Subjekt, das man zu anschuldigen ergänzen muss, und der Angeschuldigte nicht identisch sind. Wir müssten also mit ihn auf den Angeschuldigten, das Objekt der Anschuldigung, verweisen:

Er weist von sich, dass man/jemand ihn anschuldigt.
Jede Anschuldigung gegen ihn weist er von sich.

In solchen Fällen wird trotzdem sehr oft sich verwendet. Das Reflexivpronomen verdeutlich hier besser als ihn, wer genau gemeint ist, nämlich das Subjekt des Gesamtsatzes und nicht etwa eine andere Person.

Ganz ohne Kontext wird die Sache aber auch mit sich nicht immer wirklich eindeutig:

Sie konnte sein Gerede über sie nicht ertragen. (über sie oder über eine dritte Person?)
Sie konnte sein Gerede über sich nicht ertragen. (über ihn oder über sie?) 

Es steht Ihnen also frei, in Ihrem Satz ihn oder sich zu verwenden – und wenn man Ihnen vorwirft, Sie hätten einen Fehler gemacht, können Sie diese Anschuldigung gegen sich/Sie zu Recht von sich weisen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Kommentar

  1. Antonius R. schreibt:

    April 4, 2014 um 11:13

    „..muss er/sie . mit sich selber ausmachen“… -: Mir als Niederdeutschem kommt die Abweichung vom reflexiven „sich“ immer als „Fehler“ vor.
    – Literaturwissenschaftler (oder nur Mörike-Kenner?) können als Textbeispiel mit den Abschlusszeilen des Gedichts „Auf eine Lampe“ (1846) aufwarten. Das Personalpronomen „ihm“ (statt sich) wird mal als schwäbische Eigenheit, mal als besondere, künstlerische Aussage beurteilt, äh: interpretiert..

    „Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
    Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“

    – Text nach der Ausgabe der Gedichte (Ausgabe 1867) –