Der Worte sind genug gewechselt – Lasst mich das Subjekt sehn!

Frage

„Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn!“ (Goethe)

Ich brauche Ihre Hilfe: „der Worte“? Was ist das Subjekt? Ich verstehe also die Grammatik dieses Satzes nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Goethes Dichtersprache hält sich nicht immer an die aktuellen Regeln der deutschen Grammatik! Vieles im folgenden Erklärungsversuch entspricht also nicht dem, was im heutigen Standarddeutschen möglich oder üblich ist.

Der erste Schritt zur Lösung Ihres Problems liegt beim Wort genug. Es wird in diesem Goethezitat als unbestimmtes Pronomen verwendet. Als solches kann es zu einer Pronomengruppe erweitert werden. Hier hat es ein Gentivattribut bei sich: der Worte.

genug der Worte

Dies ist bei genug heute noch in gehobenem oder (absichtlich) veraltendem Sprachgebrauch üblich: genug des Guten/des Guten genug, genug der leeren Worte, genug des Lamentierens.

Um es nun gleich zu „verraten“: Die Rolle des Subjekts wird hier durch die Pronomengruppe genug der Worte erfüllt. Das ist aber nicht ganz unproblematisch, denn das Pronomen genug ist im Prinzip ein Singular und die Verbform sind ist ein Plural. Da genug der Worte bedeutungsmäßig eine Mehrzahl ist, steht das Verb nach der Bedeutung im Plural:

Es sind genug der Wort gewechselt (worden) …
Genug der Worte sind gewechselt (worden) …

Schließlich wird – entgegen der sonst geltenden Regel – das Genitivattribut vom Wortgruppenkern genug getrennt und allein ins Vorfeld, das heißt vor das konjugierte Verb gestellt:

Der Worte sind genug gewechselt …

Und damit ist der Aufbau von Goethes Satz analysiert. Niemand spricht oder schreibt allerdings heute so, außer vielleicht wenn absichtlich alte Dichtersprache imitiert wird. Ein nicht allzu gelungenes Beispiel zum Schluss: Der Antwort soll dies das Ende sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

6 Kommentare

  1. Blogspektrogramm 36/2014 – Sprachlog schreibt:

    September 7, 2014 um 08:01

    […] Jemand hat Dr. Bopp gefragt, was es syntaktisch mit Goethes „Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehen!“ auf sich hat. Dr. Bopp hat geantwortet. […]

  2. blognetnews » Blogspektrogramm 36/2014 schreibt:

    September 7, 2014 um 09:10

    […] Jemand hat Dr. Bopp gefragt, was es syntaktisch mit Goethes „Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehen!“ auf sich hat. Dr. Bopp hat geantwortet. […]

  3. Langenberg schreibt:

    September 7, 2014 um 12:39

    Und wenn (oder: da…), ganz simpel der Satz lauten könnte: Es sind „der Worte genug gewechselt“?

    Dann wäre der Satz eine klassische Ellipse, in dem das syntaktische Ersatzsubjekt „Es … ist oder (hier) sind“ ausfällt.

    Genug…der Vermutungen?
    Bitt‘ schön: Weitere Beispiele aus Goethes Wortschatz im ‚Goethe-Worterbuch‘ für ‚genug‘, ‚gnung‘, genung‘:
    http://woerterbuchnetz.de/GWB/?sigle=GWB&mode=Vernetzung&lemid=JG02051#XJG02051

  4. Dr. Bopp schreibt:

    September 7, 2014 um 21:58

    Auch wenn man es „eine klassische Ellipse“ des „Ersatzsubjekts“ nennt, steht noch nicht fest, was das eigentliche Subjekt des Satzes ist. Das es in Es sind genug der Worte gewechselt ist nicht das eigentliche Subjekt des Satzes, sondern ein sog. Platzhalter-es. Seine einzige Funktion besteht darin, die Lücke zu füllen, die entsteht, wenn kein anderes Satzglied die obligatorisch besetzte Stelle vor der finiten Verbform einnimmt (vgl. hier und hier). Charakteristisch für ein solches Platzhalter-es ist,

    a) dass das Verb sich nicht nach ihm, sondern nach dem eigentlichen Subjekt richtet

    Es steht ein Auto in der Garage.
    Es stehen zwei Autos in der Garage.

    Es ist viel Geld gewechselt worden.
    Es sind viele Währungen gewechselt worden.

    b) dass es wegfällt, wenn ein anderes Satzglied die erste Stelle im Satz einnimmt:

    Ein Auto steht in der Garage.
    In der Garage stehen zwei Autos.

    Viel Geld ist gewechselt worden.
    Viele Währungen sind gewechselt worden.

    Analog ist auch in

    Es sind genug der Worte gewechselt

    nicht es, sondern genug der Worte das Subjekt des Satzes.

  5. Gernot Back schreibt:

    September 11, 2014 um 14:43

    Könnte Goethe hier nicht auch einen französischen partitiven Artikel, also das Äquivalent zu unserem unbestimmten Plural mit Nullartikel imitiert haben?

    Dann könnte man „der Worte“ auch als das eigentliche Subjekt ansehen und „genug“ als das, was es der Wortform nach ja auch ist; ein Adverb->Adverbial

  6. Dr. Bopp schreibt:

    September 12, 2014 um 12:57

    Ein interessanter Gedanke, die ungewöhnliche Satzstruktur nicht wie oben durch Zurechtbiegen der deutschen Regeln zu erklären, sondern auf Einflüsse aus anderen Sprachen zurückzugreifen. In diesem Fall scheint mir die Lösung über den französischen partitiven Artikel aber weniger plausibel zu sein.

    1) Das wäre der einzige mir bekannte Fall, in dem das Subjekt eines deutschen Satzes im Genitiv steht.

    2) Eine Nomengruppe im Genitiv anstelle einer Nomengruppe mit Nullartikel kommt sonst im Deutschen nicht vor:

    nicht: Ich habe des Weines getrunken.
    nicht: Hast du noch des Geldes?
    nicht: Der Worte genügen nicht, der Taten sind gefragt.
    nicht: Der fremden Leute sind gekommen.

    3) Das genug kann nicht weggelassen werden, während dies bei adverbialem genug üblicherweise möglich ist:

    Der Worte sind genug gewechselt. – nicht: Der Worte sind gewechselt.
    Das ist genug des Guten. – nicht: Das ist des Guten.

    4) Ich zähle hier genug zu den unbestimmten Pronomen oder den unbestimmten Zahlwörtern. Viele von ihnen können mit einem Genitivattribut stehen, also Wortgruppenkern sein:

    einige der Worte
    viele der Worte
    zu wenige der Worte
    ein paar der Worte
    einzelne der Worte
    genug der Worte

    Das Genitivattribut hat hier allerdings insofern etwas mit dem partitiven Artikel gemein, als es ein partitiver Genitiv ist. Die Rolle des Subjekts kann es aber im Deutschen m. E. nicht übernehmen.