Zweideutigkeiten

Frage

Ich habe folgenden Satz:

Ich freue mich, weil ich Ihre Arbeit als Ärztin kennenlernen durfte.

Ist dieser Satz zweideutig zu verstehen? Einmal so, dass „Arbeit“ zum Substantiv „Ärztin“ gehört und einmal so, dass das „Ich“ im Satz Ärztin ist? Ist dieser Satz stilistisch falsch gewählt?

Antwort

Sehr geehrter Herr M.,

der Satz, den Sie zitieren, ist ohne weiteren Kontext tatsächlich nicht eindeutig. Die als-Gruppe als Ärztin kann sich sowohl auf ihre Arbeit als auch auf ich beziehen.

Der Satz muss deswegen aber nicht als stilistisch schlecht angesehen werden. Im Normalfall ist aus dem weiteren Kontext eindeutig ersichtlich, was genau gemeint ist. Je nachdem ob zum Beispiel eine Ärztin eine Jugendarbeiterin besucht oder ob eine Journalistin mit einer Ärztin gesprochen hat, ist klar, ob die Ich-Person oder die andere Person Ärztin ist.

Wirklich zweideutig ist der Satz also nur dann, wenn in einem bestimmten Kontext beide Personen Ärztinnen sind oder sein können. Dann empfiehlt es sich, anders zu formulieren. In allen anderen Fällen gibt es nichts gegen diese Formulierung einzuwenden.

Zweideutigkeit kommt in der Sprache an allen Ecken und Enden vor. In den meisten Fällen gibt der Satzzusammenhang oder unsere Kenntnis der Welt problemlos an, was gemeint ist. Wenn wir immer eindeutig formulieren wollten oder müssten, wäre ein normales Gespräch oder ein normal lesbarer Text nicht möglich (siehe juristische Texte, die versuchen, möglichst eindeutig zu formulieren …).

Hier zur Veranschaulichung ein paar ungeordnete Beispiele:

Ich bleibe ein Weilchen auf der Bank liegen.
Ich habe mein Geld auf der Bank liegen.

Es ist eindeutig, wo die Sitzbank und wo das Geldinstitut gemeint ist.

Der Schlüssel steckt im Schloss.
Es wohnt niemand mehr im Schloss.

Auch hier ist sofort deutlich, von welcher Art Schloss die Rede ist. Im folgenden Satz ist etwas mehr Kontext notwendig, um genau zu verstehen:

Sie sprengten das Schloss.

Normalerweise ist aus dem weiteren Zusammenhang sofort ersichtlich, ob eine Tür gewaltsam geöffnet oder ein Gebäude zerstört wurde. Manchmal muss man allerdings umformulieren, um Klarheit zu schaffen. Ein klassisches Beispiel:

Du sollst das Hindernis nicht umfahren, sondern es umfahren.

Auch bei den Komposita muss uns unsere Weltkenntnis immer wieder helfen, die genaue Art der Verbindung zu verstehen:

Geburtstagskuchen = Kuchen zur Gelegenheit eines Geburtstages
Zwetschgenkuchen = mit Zwetschgen gemachter Kuchen
Marmorkuchen = Kuchen, der wie Marmor aussieht
Hundekuchen = Kuchen(?) für Hunde

Hier noch eine eindeutige und eine weniger eindeutige Aussage:

Sie verfolgt den Wagen mit dem Fahrrad.
Sie verfolgt den Dieb mit dem Fahrrad.

Vor allem beim zweiten Satz muss der weitere Kontext angeben, wer nun auf dem Fahrrad sitzt.

Auch die Possessivpronomen können oft uneindeutig sein:

Der Mann steigt aus dem Wagen und grüßt seinen Nachbarn.

Hier ist sofort klar, um wessen Nachbarn es sich handelt, weil Wagen in der Regel keine Nachbarn haben. Aber um wessen Haus handelt es sich hier:

Die Frau grüßt die Nachbarin und geht in ihr Haus.
Er verkrachte sich mit seinem Freund und verkaufte sein Haus.

Doch selbst hier ergibt sich meist aus dem Rest der Erzählung, um wessen Haus es sich handeln muss. (Hilfreich kann hier manchmal auch die Verwendung von deren und dessen sein.)

Dies sind nur ein paar Beispiele für ein sehr häufig vorkommendes Phänomen. Vieles, was für sich allein betrachtet zweideutig sein kann, ist es im weiteren Kontext nicht. Wir formulieren in der Regel nicht auf der Ebene einzelner Wörter oder eines einzelnen Satzes, sondern in einem größeren Zusammenhang.

Mehrdeutige Aussagen gibt es auch noch auf einer ganz anderen Ebene:

Ist dieser Artikel nicht lang genug?

Hiermit könnte wörtlich gefragt werden, ob der Artikel nicht zu kurz ist. Je nach Ton ist es aber nicht ganz unwahrscheinlich, dass etwas ganz anderes gemeint ist. Und bevor Sie nun wirklich dieses andere meinen, höre ich auf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Langenberg schreibt:

    Oktober 24, 2014 um 18:20

    Freue mich, weil ich Ihre Arbeit als Rechtschreibberater kennenlernen durfte?
    Diese Frage ist nicht eindeutig zu verstehen. Geschweige denn, sinnkonform (oder ‚adäquat‘?) zu beantworten.
    Warum?

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 27, 2014 um 10:37

    Ebenso wie die als-Gruppe in der Frage im Blogeintrag, kann auch diese als-Gruppe sich auf mehr als Element im Satz beziehen. Solange aus dem Kontext nicht hervorgeht, wer Rechtschreibberater ist, der Sprecher oder der Angesprochene, können beide gemeint sein. Nur der weitere Kontext oder eine Umformulierung kann diese Zweideutigkeit klären.