Ein Grenzfall der Konjugation: Wenn ich oder mein Kind krank …

Wenn ein Satz ein mehrteiliges Subjekt hat und die Subjektteile mit oder verbunden sind, wird es oft ziemlich holprig. Das findet auch Frau G.

Frage

Wer kann mir weiterhelfen, wie ich folgenden Nebensatz richtig formuliere?

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Mich stört hier das Verb „ist“, würde in diesem Fall auch „sind“ passen?

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

die Form sind ist hier nicht üblich. Sie steht dann, wenn die beiden Teile des Subjekts mit und verbunden sind:

Wenn ich und mein Kind (= wir) krank sind …

Wenn die Subjekteile mit oder verbunden sind, ist diese Zusammenziehung zu wir nicht möglich.

Möglich ist die Form ist:

Wenn ich oder mein Kind krank ist …

Bei einer solchen Verbindung mit oder richtet sich das Verb in der Regel nämlich nach dem Subjektteil, der ihm am nächsten steht. Weitere Beispiele:

Wenn deine Schwester oder du etwas gesagt hättest …
Wenn du oder deine Schwester etwas gesagt hätte …

Sie oder Ihr Rechtsvertreter wird rechtzeitig informiert.
Ihr Rechtsvertreter oder Sie werden rechtzeitig informiert.

Solche Sätze klingen aber oft ziemlich seltsam oder unnatürlich. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Verbform ist des Beispielsatzes in Ihrer Frage Sie stört. Aus diesem Grund ist es oft besser, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Zum Beispiel:

Wenn jemand von uns – ich oder mein Kind – krank ist …
Wenn ich krank bin oder mein Kind es ist …

Wenn eine von euch, du oder deine Schwester, etwas gesagt hätte …
Wenn du und deine Schwester nicht geschwiegen hätten …

Man wird Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig informieren.
Wir informieren Sie oder Ihren Rechtsvertreter rechtzeitig.

Siehe auch diese Seite unter „Zwei verschiedene Personen mit oder“.

Manchmal stößt man in der Grammatik an die Grenzen des Möglichen. Die Regel kennen ist dann gut, flexibel und einfallsreich formulieren aber besser!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

K.