Wann sind Substantive verblasst?

Warnung: Die Antwort ist eher unbefriedigend.

Frage

ich stolperte unlängst über die Regel K54 im Duden, in der von „verblassten Substantiven“ die Rede ist. Ist dieses Erkennen von „verblassten“ Substantiven ein Bauchgefühl, also letztendlich eine Erkennungskompetenz, oder gibt es eine echte Regel, nach der man „verblasste Substantive“ erkennen und identifizieren kann?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

verblasste Substantive sind wahrscheinlich ein Gräuel für diejenigen, die exakte Regeln mögen. Eine eindeutige Regel, wann ein Substantiv als verblasst angesehen und kleingeschrieben resp. mit einem Verb zusammengeschrieben werden muss, gibt es nämlich nicht. Allgemein wird gesagt, dass verblasste Substantive ihre selbstständigen Worteigenschaften verloren haben oder nicht mehr als Substantive erfahren werden. Ein paar (vage) Indizien:

  • Sie stehen immer ohne Artikel oder andere Begleitwörter.
  • Sie haben in bestimmten Wendungen nicht die gleiche Bedeutung, wie bei „normaler“ Verwendung.
  • Die Verbindung mit einem verblassten Substantiv hat eine andere Bedeutung als die „Summe der Bedeutungen ihrer Elemente“.

Zum Beispiel: Mit heimgehen ist nicht das/ein Heim gehen gemeint. Bei teilnehmen ist die Bedeutung nicht den/einen Teil nehmen, sondern (einen) Anteil nehmen (vgl. die Schreibung Anteil nehmen). Wenn man pleite ist, ist man nicht die Pleite, sondern hat man (die) Pleite gemacht.

Andere Beispiele:

kopfrechnen
standhalten – Wie lange halten sie noch stand?
wundernehmen – Es nimmt mich wunder, was genau passiert ist.

Das Buch ist klasse/spitze.
Wer ist schuld daran?
Das ist mir wurst.

Der Gong wird abends um sechs Uhr geläutet.
Es ging anfangs noch ganz gut.
Wer kann mir notfalls helfen?

Sie bereute es zeit ihres Lebens.
dank deiner finanziellen Hilfe

Es waren nur ein paar Leute da.
Ich finde es ein bisschen schwierig.

Vgl. auch hier und hier.

Wie die oben stehenden, wenig präzisen Anhaltspunkte schon vermuten lassen, ist der Übergang von selbstständig zu „verblasst“ fließend. Entsprechend muss auch ich bei solchen Wörtern regelmäßig nachschauen, ob sie nun offiziell groß- oder kleingeschrieben werden. Diesen Übergang gibt es sogar „offiziell“. So sind bei den folgenden Verbindungen beide Schreibungen korrekt, weil sie als Zusammensetzung mit einem verblassten Substantiv, aber auch als Verbindung mit einem selbstständigen Substantiv gesehen werden können:

Acht geben / achtgeben
Acht haben / achthaben
Halt machen / haltmachen
Maß halten / maßhalten

Da es keine eindeutige Regel gibt (und geben kann), bleibt eigentlich nur, auf seine Intuition zu vertrauen, sich die schwierigeren Fälle zu merken und notfalls im Wörterbuch nachzuschlagen. Einfacher kann ich es leider auch nicht machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Kommentar

  1. Langenberg schreibt:

    November 22, 2014 um 19:54

    Ein Fall von Verblassung (bei Sänger und feixenden Zuhörern):

    Aus der literarischen Verwendung, die Biermann seinem Liedchen „Ermutigung“ (1966) gab – für Peter Huchel – ist mit der großpathetischen Verachtung von vielen politisch engagierten Menschen, die man rechtlich belangen könnte, hätte der Großtöner, der selbst stilisierte „Drachentöter“, denn auch nur einen einzigen tauglichen Beleg für deren Abqualifizierung – aus der vorgetragenen Verkehrung des humanistischen oder nur humanen Wertes seines Gesanges, einschließlich der Verbalität ist vierzig Jahre später eine maßlose Untugend geworden: Biermann früheren Gegner (ja, auch wohl Feinde) lachten sich brüllend eins weg; die realen Sozialisten oder gar Kommunisten mögen die vorgetragene Intention der Ermutigung als kapitale oder kapitalistische Geistesverwirrung erlebt haben.
    Verblasstes Nomen: Statt Er-mutigung De-mutigung! Oder fehlt dem Wort beim Boeten Biermann – pardon: Poeten Biermann – schon der Wert des hochgesungenen Grund-Werts, pardon: Grundworts? Destruktion eines früheren Künstlers.

    St. L.