Derem und dessem

Zwei Wörter, die immer wieder auftauchen und die perfekt ins deutsche Formensystem zu passen scheinen, gehören – zumindest standardsprachlich – doch nicht dazu: derem und dessem.

Frage

Ich habe zwei Sätze, bei denen ich die Richtigkeit überprüfen soll. Es geht um die Verwendung von deren, dessen, derem etc. Ist hier derem korrekt?

Diese feministische Gruppe, in DEREM Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und DEREM Mann zu wechseln.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

um es gleich vorwegzunehmen: In der Standardsprache gibt es die Form derem nicht. Die Form deren ist unveränderlich. Es ist der weibliche Genitiv Singular und der Genitiv Plural des Relativpronomens der/die/das und des Demonstrativpronomens der/die/das.

Auch wenn deren wie ein Artikel vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ steht, bleibt es unveränderlich, das heißt, es erhält anders als die Artikelwörter einem, diesem, ihrem usw. nicht die Endung em. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Diese feministische Gruppe, in deren Interesse es liegt, die Situation der Frau zu verbessern, scheint mir realistische Forderungen zu stellen.
Trotz des großen Andrangs und der vielen Besucher gelang es ihr, ein paar Worte mit der Direktorin und deren Mann zu wechseln.

Man begegnet hier aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen häufig auch der Form derem. Diese Form ist aber, wie bereits gesagt, standardsprachlich nicht korrekt. Wie wird deren vor einem Substantiv verwendet?

Als Relativpronomen:

die Nachbarin, mit deren rotem Sportwagen ich gerne einmal fahren würde
(nicht: *mit derem roten Sportwagen)
Sie haben sich wüste Schlägereien geliefert, in deren Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
(nicht: *in derem Verlauf)

Als rückweisendes Demonstrativpronomen:

Sie hat die Direktorin in deren Büro aufgesucht.
(nicht: *in derem Büro)
Sie stehen hinter der Partei und deren politischem Auftrag.
(nicht: *derem politischen Auftrag)

Dasselbe gilt übrigens auch für dessem. Auch diese Form gibt es standardsprachlich nicht, nicht einmal vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv im Dativ:

der Nachbar, mit dessen rotem Sportwagen …
Sie haben sich einen wüsten Kampf geliefert, in dessen Verlauf auch etliche Feuerlöscher geleert wurden.
Er hat den Direktor in dessen Büro aufgesucht
Sie stehen hinter dem Vorstand und dessen politischem Auftrag.

Und falls Sie wieder einmal unsicher werden: Wenn Sie versucht sind, derem oder dessem zu verwenden, sollten Sie deren oder dessen wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Kommentar

  1. Andreas schreibt:

    Februar 4, 2018 um 06:00

    Theoretisch, um eine Sprache sauberer zu bekommen, sollten gewisse Flexionen angeglichen werden. Nicht alles, was unsere Vorfahren „aus der Standardsprache“ niederschrieben, muss unbedingt korrekt / vom Schema rein sein. Theoretisch wäre dessem und derem eine gute Wahl. Es gibt Flexionen, die eigentlich so nicht existieren, aber eine scheinbare grammatikalische Verbesserung suggerieren/vorspielen/vorgaukeln. Hierzu gehört auch die neue, noch nicht aufgenommene grammatikalische Ausdrucksweise „des Nächtens“. Poetisch klingend, aber noch unkorrekt, könnte sie aufgrund diachroner (zeitübergreifender) Sprachentwicklung bald einen dauerhaften Platz in der Sprache, zumindest literarisch, finden. Wo viele Dinge genau beschrieben und bezeichnet werden müssen, trennt man eigentlich gleich scheinende Wörter noch einmal extra nach Konnotation und Semantik auf. Hier ist somit eine Schwierigkeit, die einfach gehaltenen Sprachen Latein, und vor allem Altgriechisch, etc., genau zu übersetzen (Vokabeln betreffend). Unsere Sprache ist sehr differenziert. Gefühle werden in extra Wörtern wiedergegeben, die grob dasselbe (oder bald „das Selbige?“) meinen. Man findet dessen Verwandtschaft in einer Synonymtabelle. Sprachwandel passiert meist unbewusst. Weniger Bedeutung haben heute gute Wörter wie: darben (hungern, leiden), schelten (tadeln, zurechtweisen), deuchen (scheinen, Anschein haben/erwecken, „einbilden“). In meinem Englischkurs auf die Frage des Lehrers, was denn „to scold“ übersetzt hieße, wusste keiner die Antwort. Sagte der Lehrer: „Schelten!“ Die anderen: „Hä?“. Der Lehrer: „Was? Ihr kennt „schelten“ nicht?“ Im Übrigen ist der Satzbau im Deutschen freier, als man in der Grundklasse lernt. Man kann schon einiges an Satzbausteinen/Phrasen (grammatikalisch eigentlich auch richtig) „umstellen“, in Satzvarianten. Z.B.: Ich ging den Waldweg entlang. Oder: Den Waldweg ging ich entlang. Oder: Entlang ging ich den Waldweg.