Verlängern vs verkürzen

Frage

Wenn ich aus Adjektiven Verben machen will, sieht das doch oft so aus:

groß größer vergrößern
klein kleiner verkleinern
gut besser verbessern
lang länger verlängern
aber: kurz kürzer verkürzen!

Wo ist das R geblieben und warum ist es verschwunden?

Antwort

Sehr geehrter Herr Z.,

allzu konsequent sieht das tatsächlich nicht aus – und ich fürchte, dass ich Ihnen eine wirklich befriedigende Antwort schuldig bleiben muss.

Verschwunden ist hier nicht ein r, sondern das er, dass bei Adjektiven den Komparativ (die Höherstufe) angibt. Wenn ein Verb von einem Adjektiv abgeleitet wird, das eine bestimmte Eigenschaft ausdrückt, und wenn das Verb die Bedeutung hat, dass diese Eigenschaft intensiviert wird, ist häufig die Komparativform des Adjektivs die Basis:

anreichern = reicher machen
verbreitern= breiter machen

Ebenso zum Beispiel:

bereichern, verallgemeinern, verbessern, verfeinern, vergrößern, verkleinern, verlängern, verschlechtern, verschlimmern, verschmälern, verwildern, zerkleinern

Das ist aber nicht immer der Fall. Manchmal ist trotz der Verbbedeutung x-er machen nicht die Komparativform x-er die Basis, sondern einfach nur x. Das ist zum Beispiel bei den folgenden Verben der Fall:

eindicken = dicker machen
verjüngen = jünger machen

einengen, verbilligen, verdichten, verdünnen, verfrühen, verhässlichen, verjüngen, verlangsamen, vertiefen

Manchmal gibt es sogar beide Formen:

verengen – verengern
verschönen – verschönern

Warum manchmal die Komparativform und manchmal die einfache Form als Basis für solche Verben dient, lässt sich kaum erklären. In gewissen Fällen spielt die Form eine Rolle: Die Komparativform wird nicht gewählt, wenn ein Adjektiv auf unbetontes -er, -el, -ig, -lich endet (zum Beispiel verteuern, veredeln, verbilligen, vermenschlichen ). Sonst gibt es aber keine eindeutigen Kriterien. Richtig ist, was gebräuchlich ist.

Die Antwort auf die Frage, warum es gebräuchlich ist, kenne ich leider nicht. Insbesondere bei verlängern und verkürzen geben weder die Bedeutung noch die Form irgendeinen Hinweis auf die unterschiedliche Art der Verbbildung preis. Es tut mir leid, dass ich dieses Phänomen nicht weiter verdeutlichen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Thomas Krubeck schreibt:

    Februar 8, 2017 um 18:13

    Ich möchte ja nicht besserwisserisch sein, aber bei „….sondern das -er, dass bei Adjektiven den Komparativ (die Höherstufe) angibt.“ muss es das, nicht dass heissen. Schliesslich ist dies ja auch ein Blog zu Sprache und Grammatik.
    Und um auch etwas konstruktiv zu sein, möchte ich gleich die passende Frage anhängen:
    Weshalb wird das/dass so regelmässig und massenhaft falsch gemacht? Selbst Akademiker und andere gut ausgebildete Leute, die ansonsten kein Problem mit der Rechtschreibung haben, und sich bestens ausdrücken, machen dies immer wieder falsch. Ich verstehe das um so weniger, als es sich um grammatikalisch völlig unterschiedliche Konstruktionen handelt, und ein Austausch keinen Sinn mehr gibt.
    Ich wäre froh, wenn mir jemand diese Frage beantworten könnte.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 10, 2017 um 16:20

    Danke für den Hinweis! Die Verwechslung passiert häufig ganz einfach „in der Hitze des Gefechts“. So auch bei mir, denn es ist mir eigentlich schon klar, wann man das und wann dass schreibt. Fehler bei das/dass geschehen meistens nicht aus Unkenntnis, sondern aus Unachtsamkeit. Dass sie oft nicht auffallen, liegt daran, dass die Unterscheidung für das Verständnis des Geschriebenen gar nicht notwendig ist. In der gesprochenen Sprache kommt es ja auch nicht zu Missverständnissen, obwohl die beiden Wörter gleich ausgesprochen werden. Es gab deshalb auch schon Bestrebungen, diese (eigentlich künstliche) Unterscheidung aufzugeben und beide Wörter gleich zu schreiben so wie im Englischen that, im Französischen que und im Italienischen che. Dieser Vorschlag wurde nicht verwirklicht. Es wird also auch in Zukunft vorkommen, dass ich wie viele andere hin und wieder aus Unachtsamkeit ein s zu viel oder ein s zu wenig schreibe.