Der Modus in Rezepten – Man nehme …

Und heute gleich noch einmal etwas zur Sprache in Kochrezepten:

Frage

Meine Frage dreht sich um die Stellung des Prädikats. In einem Deutschübungsbuch finden sich die folgenden Beispiele:

Bevor Sie den Teig in die Pfanne […] gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Meines Erachtens handelt es sich bei diesen Sätzen um Aufforderungssätze (Imperativ der Höflichkeitsform), weshalb das finite Verb auch an erster Stelle stehen muss und am Ende ein Rufzeichen zu setzen ist. Also:

Mischen Sie Rosinen dazu, bevor Sie den Teig in die Pfanne geben!
Erhitzen Sie nun die Pfanne!

Sehe ich das so richtig?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie hätten recht, wenn Rezepte zwingend im Imperativ geschrieben werden müssten. Das ist aber nicht so. In Rezepten wird eine erstaunliche Vielfalt von Modi verwendet!

Früher kam in Rezepten häufig der Konjunktiv I in Verbindung mit dem unpersönlichen „man“ vor:

Man erhitze das Öl in einer Bratpfanne, röste die gehackten Zwiebeln kurz an und gebe dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Man wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gebe diese in eine große Salatschüssel.
Man mische Rosinen zum Teig und gieße ihn in die Pfanne.
Nun erhitze man die Pfanne.

Diese Art zu formulieren macht in der heutigen Sprache einen etwas altmodischen Eindruck. Stattdessen steht nun sehr häufig der Infinitiv:

Das Öl in einer Bratpfanne erhitzen, die gehackten Zwiebeln kurz anrösten und dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzugeben.
Das Gemüse gründlich waschen, Gurke und Tomaten in Würfel schneiden und diese in eine große Salatschüssel geben.
Rosinen zum Teig mischen und den Teig ihn in die Pfanne gießen.
Nun die Pfanne erhitzen.

Aber auch der Indikativ kommt hier manchmal vor, zum Beispiel im Deutschübungsbuch, aus dem Sie zitieren. Das Rezept ist dann sozusagen eine Beschreibung dessen, was getan wird:

Sie erhitzen das Öl in einer Bratpfanne, rösten die gehackten Zwiebeln kurz an und geben dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Sie waschen das Gemüse gründlich, schneiden Gurke und Tomaten in Würfel und geben diese in eine große Salatschüssel.
Bevor Sie den Teig in die Pfanne gießen, mischen Sie Rosinen dazu.
Nun erhitzen Sie die Pfanne.

Der Imperativ wird ebenfalls verwendet, in der Regel aber ohne Ausrufezeichen (mit Ausrufezeichen sähe ein längeres Rezept wie eine Sammlung von Befehlen auf dem Exerzierhof einer Kaserne aus):

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne, rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an und geben Sie dann die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.
Wasche das Gemüse gründlich, schneide Gurke und Tomaten in Würfel und gib diese in eine große Salatschüssel.
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne.
Erhitzen Sie nun die Pfanne.

Auch eine Mischung von Imperativ und Indikativ kommt vor:

Erhitzen Sie das Öl in einer Bratpfanne und rösten Sie die gehackten Zwiebeln kurz an [Imp]. Dann geben Sie die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu [Ind].
Mischen Sie Rosinen zum Teig und gießen Sie ihn in die Pfanne [Imp]. Nun erhitzen Sie die Pfanne [Ind].

Man könnte zwar sagen, dass Rezepte Aufforderungen sind, wie etwas zubereitet werden soll, sie stehen deswegen aber lange nicht immer im Imperativ. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt: vom Konjunktiv I über den Infinitiv und den Indikativ bis hin zum ausrufezeichenlosen Imperativ. Man nehme einfach die Form, die am besten gefällt / Einfach die Form nehmen, die am besten gefällt / Sie nehmen einfach die Form, die am besten gefällt / Nehmen Sie einfach die Form, die am besten gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

8 Kommentare »

  1. Christian schreibt:

    Februar 4, 2020 um 21:58

    Mhhmmm – Gutes Gelingen und guten Appetit!

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 5, 2020 um 16:52

    Sie haben recht: Wichtiger als der Verbmodus ist, dass es schmeckt.

  3. Christian schreibt:

    Februar 22, 2020 um 23:04

    Nun muss ich aber doch etwas fragen.

    Sind die beiden Sätze „Dann geben Sie die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu [Ind].“ und „Nun erhitzen Sie die Pfanne [Ind].“ eindeutig Indikativ oder könnte man sie auch als Imperativ verstehen.

    Wenn ich das „Dann“ und das „Nun“ weglasse, wären sie eindeutig Imperative. Wenn ich sie umstelle: „Geben Sie dann die Tomatenpaste und den Knoblauch dazu.“ und „Erhitzen Sie nun die Pfanne“, wären es ebenfalls Imperative.

    Nachdem die Wortstellung im Deutschen ja relativ frei ist, könnte ich mir die beiden Sätze durchaus sowohl als Indikativ als auch als Imperativ vorstellen.

    Bitte um Info. Danke 🙂

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 24, 2020 um 16:04

    Etwas kurz zusammengefasst steht im Aussagesatz im Indikativ die finite Verbform an zweiter Stelle, während sie im Imperativ an erster Stelle steht.

    Indikativ:

    Sie erhitzen die Pfanne.
    Sie erhitzen nun die Pfanne.
    Nun erhitzen sie die Pfanne.
    Sie geben die Tomatenpaste hinzu.
    Sie geben nun die Tomatenpaste hinzu.
    Nun geben Sie die Tomatenpaste hinzu.

    Imperativ:

    Erhitzen Sie die Pfanne!
    Erhitzen Sie nun die Pfanne!
    Geben Sie die Tomatenpaste hinzu!
    Geben Sie nun die Tomatenpaste hinzu!

    Die Wortstellung im Deutschen ist tatsächlich relativ frei, das gilt aber nicht für die Stellung der finitien Verbform.

  5. Lukas Ferchhumer schreibt:

    Juni 9, 2020 um 23:45

    Sorry, dass ich diesen schon etwas alten Diskussionsfaden wiederbelebe, aber dass Imperativformen immer an erster Stelle (eines Ganz- oder Teilsatzes) stehen müssten, stimmt so nicht (es folgt ein zugegebenermaßen etwas konstruiert wirkendes Beispiel-Szenario):

    A ist ein Elternteil der Geschwister B und C und ist gerade im Streit mit B wegen dessen Fehlverhaltens in der Schule.
    C, die selbst etwas ausgefressen hat, setzt dazu an, B zu verteidigen:
    Daraufhin A (die flankierenden Sternchen sollen den Satzakzent kennzeichnen): „*Du* sei ruhig! Zu dir komme ich gleich noch …!“

    Auch für „Sei [doch wenigstens] *du* ruhig!“ lassen sich Kontexte finden, aber darauf möchte ich nicht näher eingehen, denn das stand ja gar nicht zur Debatte und mein Kommentar ist auch so schon neunmalklug genug.

    Ich merke gerade, dass ich mir dieses Vorgeplänkel eigentlich hätte sparen können, denn es lässt sich – unter Zuhilfenahme verschiedener Modifikationen – direkt am Satz „Dann geben Sie die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.“ zeigen, dass dieser durchaus auch als Imperativkonstruktion aufgefasst werden kann:

    „[Röste die gehackten Zwiebeln kurz an,] dann/danach gib [bitte] die Tomatenpaste und den Knoblauch hinzu.“

    Zum Abschluss ein weiteres Beispiel: „[Aber] dann geh doch einfach!“/„So gehen Sie doch endlich!“

  6. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 10, 2020 um 14:46

    In der Grammatik sollte man nie „immer“ und nie „nie“ sagen. In der Regel steht, dass etwas „in der Regel“ vorkommt oder nicht vorkommt. Es gibt nämlich sehr, sehr häufig Ausnahmen und Sonderfälle. So auch hier.

    Im Imperativsatz steht die finite Verbform in der Regel an erster Stelle. Die Ausnahmen sind:

    Vor der finiten Verbform können gewisse Partikeln und Konjunktionen stehen, zum Beispiel:

    Bitte[,] hilf mir!
    Nun gib endlich Ruhe!
    Jetzt geht mal nach Hause!
    So macht doch nicht so viel Lärm!
    Dann schweig halt!
    Und komm mir ja nicht zu spät!

    Das „dann“ im vorletzten Beispiel ist eine Modalpartikel und hat nicht die Bedeutung „danach, darauf“ wie das Adverb in den Rezepten. Letzteres kann im Prinzip nicht an erster Stelle stehen:

    nicht: Mach deine Arbeit fertig, räum auf, dann schließ ab!
    sondern: Mach deine Arbeit fertig, räum auf und schließ dann ab!

    nicht: Röste die Zwiebeln, dann gib die Tomatenpaste hinzu.
    sondern: Röste die Zwiebeln, gib dann die Tomatenpaste hinzu.

    Nach der Duden-Grammatik (2016, S. 903) können auch andere Satzglieder vor der finiten Verbform stehen:

    „Es gibt aber auch Imperativsätze mit richtigem Vorfeld. Die Phrase im Vorfeld benennt dann eine Person oder Sache, von der vorangehend schon nachdrücklich die Rede war: Das Buch lege bitte auf den Tisch!

    Solche Formen kommen aber nur selten vor (und klingen für mich veraltet, gehoben oder regional[?]). In einem Rezept sind sie nicht zu erwarten.

    Zu guter Letzt noch Ihr erstes Beispiel:

    Du, sei ruhig! Zu dir komme ich später.

    Hier ist „du“ ein Anredenominativ, der außerhalb der Satzkonstruktion steht und in der Regel durch ein Komma abgetrennt wird. Vgl.

    Du, was machst du hier?
    Peter, sei ruhig!

    Anhand Ihres Beispiels mit einem nachdrücklich betonten „du“ lässt sich aber zeigen, dass nicht einmal die Regel, dass ein Imperativsatz im Singular ohne Subjekt steht, immer gilt:

    Sei du still!

  7. Lukas Ferchhumer schreibt:

    Juni 13, 2020 um 21:50

    Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort!

    Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass die Konstruktion „dann“ + Imperativ *in der Regel* in solchen Kontexten verwendet wird, die nur die von Ihnen beschriebene konditionale Lesart ([„wenn“] – „dann“), im Folgenden abgekürzt als „dann:1“ bezeichnet, zulassen.
    (Hinweis: „Dann schweig halt!“ o. ä. kann ich persönlich mir nur in Wenn-dann-Kontexten wie „Du willst nicht lügen / weißt nicht, was du sagen sollst? Dann schweig halt!“ vorstellen; deshalb meine alternative Kategorisierung von „dann“ als „konditional[es Adverb]“.)
    Eine rasche Google-Suche (https://www.google.com/search?q=%22zuerst%22+%22dann+geh%22) liefert etwa die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium (5,15 bis 5,41; Einheitsübersetzung 2016) – siehe z. B. https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/einheitsuebersetzung/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/50/50001/59999/ –, in der sich neben fünfmal „dann:1“ + Imperativ eben auch einmal „dann:2“ (temporaler Gebrauch) + Imperativ findet:

    5,23: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ („dann“ = temporales Adverb)

    5,29: „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ („dann“ = konditionales Adverb)

    etc.

    Ähnliches dürfte m. E. für – zugegebenermaßen wirklich selten auftretende – Imperativsätze wie „Du sei [mal ganz] still!“ gelten:
    In der Regel wird man eher „Sei still!“ oder vielleicht „Sei du still!“ antreffen, aber auch „Du sei still!“ (mit stark betontem „du“, ohne Sprechpause zwischen „du“ und „sei“ und mit nicht oder nur leicht betontem „still“; vgl. engl. „You be quiet!“) kommt durchaus vor, und ich habe auf die Schnelle (neben mehreren Google-Funden) zumindest einen sprachwissenschaftlichen Beitrag aus recht zuverlässiger Quelle gefunden, dessen Autorin das ähnlich sehen dürfte (Wratil, Melani (2013): Imperativsatz. In: Meibauer, J., Steinbach, M., & Altmann, H. (Hgg.) (2016): Satztypen des Deutschen. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 121.):

    „Das unbetonte imperativische Adressatensubjekt der 2. Person wird weder im Singular noch im Plural lexikalisch realisiert […]. Betonte Subjektpronomen der 2. Person Singular und Plural können jedoch in Imperativsätzen auftreten (vgl. (3)).

    (3)
    a. Lauft ihr doch schnell zur Tanke!
    b. Bring du das hier mal in Ordnung!
    c. Du sei mal ganz still!“

    Vielleicht empfinde nur ich das so, aber jedenfalls halte ich „Du sei still!“ (keine Sprechpause, keine gesonderter Akzent auf „still“; kein Anredenominativ) und „Du, sei still!“ (leichte Sprechpause zwischen „Du“ und „sei“, annähernd gleich nachdrückliche Betonung auf „Du“ und „still“; Anredenominativ) für zwei verschiedene, unterscheidbare Konstruktionen.

    Wie dem auch sei, nochmals vielen Dank für Ihre Antwort und sorry, dass dieser Kommentar so lange geworden ist. Ich hoffe, ich halte Sie nicht zu sehr auf.

  8. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 17, 2020 um 14:15

    Wie bereits gesagt: Sag nie „nie“, wenn es um Grammatik geht! Es gibt offenbar noch eine weitere Ausnahme (und wahrscheinlich ist das auch nicht die letzte). Auch ein Nebensatz kann vor dem Infinitiv stehen:

    Was du nicht ändern kannst, vergiss!
    Wo man singt, lass dich ruhig nieder!
    Auch wenn du nicht eingeladen bist, bleib hier!
    Wenn du nicht weißt, was du sagen solltst, schweig!

    So steht das Verb im Imperativsatz aber immer noch an erster Stelle. Das ändert sich, wenn man ein Korrelat einfügt (ein Korrelat vertritt den Nebensatz im übergeordneten Satz):

    Was du nicht ändern kannst, das vergiss! (Korrelat: das)
    Wo man singt, dort lass dich ruhig nieder! (Korrelat: dort)
    Auch wenn du nicht eingeladen bist, so bleib dennoch hier! (Korrelat: [so] … dennoch)
    Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, dann schweig! (Korrelat: dann)

    So viel zum „konditionalen dann“.

    Dies alles passt zu den Angaben in Duden zu vorangehend nachdrücklich genannten Personen und Sachen im Vorfeld von Infinitivsätzen (2016, S. 903; siehe oben). Viele der Beispiele gehören für mich aber zum sehr gehobenen oder veralteten Sprachgebrauch. Dies gilt auch für das „temporale dann“ im Vorfeld von Imperativsätzen:

    Röste die Zwiebeln, dann gibt Wasser dazu [??]

    Zur Betonung des Personalpronomens im Vorfeld:

    Du[,] sei still!

    Hier könnte man lange diskutieren, denn auch bei anderen Anreden muss man nicht unbedingt eine Pause machen:

    Max, sei still!
    Max sei still!

    Das Komma steht hier aber immer, weil der Nominativ „Max“ nicht Subjekt o. Prädikativ sein kann und deshalb ungeachtet der Betonung außerhalb der Satzstruktur stehen muss. Bei „du“ in dieser Stellung kann man sowohl in die eine als auch in die andere Richtung argumentieren:

      Es ist Subjekt zum Infinitiv, das bei gewisser Betonung an erster Stelle realisiert werden kann.
      Es ist Anredenominativ, da es an dieser Stelle nicht Subjekt sein kann.

    Es ist also nicht so, dass nie etwas vor dem Imperativ stehen kann. Deshalb beginnt der Kommentar, auf den Sie reagiert haben, auch vorsichtig mit: „Etwas kurz zusammengefasst …“.

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