Das Geld überwiesen haben wollen

Die Formulierung im Titel ist zweideutig. Behauptet hier jemand, das Geld überwiesen zu haben, oder will jemand, dass das Geld überwiesen wird? Nur der Kontext kann klären, was gemeint ist.

Frage

In meinem Deutschkurs hat sich mal wieder eine Frage im Zusammenhang mit Modalverben ergeben […] In einem Text stand folgender Satz:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt haben.

Um was für eine Verwendungsform handelt es sich hier? Ein subjektiver
Gebrauch von Modalverben ist es ja nicht. Woher kommt das Partizip II?
Ist es vielleicht gar kein Infinitiv Vergangenheit, sondern ein
Adjektiv? Und man könnte es eigentlich ersetzen, zum Beispiel:

Man möchte, dass die Bonuspunkte ausgezahlt werden.

Aber warum würde dann aus einer Passivform eine Aktivform? Können Sie
mir hier weiterhelfen?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

diese eher umgangssprachliche Formulierung habe ich noch nie genauer „analysiert“. Ohne weiter in die Tiefe zu gehen, würde ich sie als eine Passivform bezeichnen, die mit dem sogenannten bekommen-Passiv verwandt ist:

Man möchte die Bonuspunkte ausgezahlt bekommen/erhalten/kriegen.

Im Gegensatz zum bekommen-Passiv, drückt die Konstruktion mit haben mehr einen Zustand oder ein Resultat als einen Vorgang aus:

Ich will das Geld überwiesen haben.
Der Beamte möchte den Vorfall ganz genau erklärt haben.
Die Patientin trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Das ist nicht der einzige Unterschied. Das Passiv mit haben ist stärker als das bekommen-Passiv vom Satzzusammenhang abhängig. Es fällt nämlich formal mit dem „normalen“ Perfekt Aktiv zusammen:

Ich möchte das Geld überwiesen bekommen.
Ich möchte das Geld überwiesen haben.

Während die Formulierung mit bekommen eindeutig ist, könnte die Formulierung mit haben ohne weiteren Zusammenhang auch aktivisch verstanden werden, nämlich dass ich möchte, dass ich das Geld überwiesen habe.

Ohne Modalverb ist der Satz mit haben nur noch aktivisch zu verstehen:

Ich bekomme das Geld überwiesen.
*Ich habe das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Perfekt Aktiv von überweisen).

Ich bekam das Geld überwiesen.
*Ich hatte das Geld überwiesen (nicht passivisch, nur als „normales“ Plusquamperfekt Aktiv von überweisen).

Nur in wenigen Kontexten kommt das haben-Passiv auch ohne Modalverb aus:

Das Pferd lahmt und hat deshalb die Fesseln eingebunden.
Der Patient trug einen Verband um den Kopf und hatte das linke Bein eingegipst.

Ich hoffe, dass Sie diese standardsprachlich etwas zweifelhafte Form nicht genauer erklärt haben möchten, denn viel mehr kann ich an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare »

  1. Sebastian von Hanfosan schreibt:

    Juni 30, 2020 um 19:53

    Hallo Herr Dr. Bopp,

    wenn ich aufzählen müsste, wie oft mir diese grammatikalischen Probleme im täglichen Leben geschehen, dann wäre ich schon bei einer infinitiven Zahl 😀

    Es ist halt einfach oft durch den Zusammenhang verständlich, aber wie Sie es hier ja gut beschrieben haben, kann es oft aus dem Kontext gerissen werden.

    Ich fand ihren Beitrag echt sehr hilfreich.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Sebastian

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Juli 1, 2020 um 10:38

    Schön, dass Sie den Beitrag hilfreich finden. Der Zusammenhang ist für das Verständnis oft sehr wichtig. Er ermöglicht es, sehr Zweideutiges oder ungewöhnlich Formuliertes trotzdem zu verstehen. So kann „Sie will das Geld überwiesen haben“ ohne Kontext fast Gegenteiliges ausdrücken: „Sie behauptet, das Geld überwiesen zu haben“ oder „Sie verlangt, dass ihr das Geld überwiesen wird“. Dennoch führen Formulierungen dieser Art dank Kontext oder Sprechsituation selten zu Missverständnissen.

    Zwei- oder Mehrdeutigkeit scheint in der Sprache ohnehin mehr Regel als Ausnahme zu sein. Man denke nur an grammatische Multitasker wie „die“, „sie“ und „sein“.

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