Verbinden und trennen zugleich: wenn der Bindestrich auch Trennstrich ist

Selbst in der Rechtschreibwelt ist es keine weltbewegende Frage, weil man es erstaunlicherweise meist kaum oder gar nicht bemerkt. Frau A. hat sich die Frage dennoch gestellt:

Frage

Ich habe Frage zur Trennung einer Zusammensetzung mit Bindestrich, in der der zweite Teil kleingeschrieben wird wie zum Beispiel in „deutsch-polnische Grenze“. Wenn „deutsch“ am Zeilenende steht und als letztes Zeichen in der Zeile der Bindestrich erscheint, riskiert man dann nicht, dass er wie ein Trennstrich betrachtet wird und das Ganze als „deutschpolnische“ ohne Bindestrich verstanden werden kann?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

das Risiko besteht tatsächlich, aber das ist nicht weiter schlimm. Wenn ein Wort wie „deutsch-polnische“ am Zeilenende getrennt wird, gibt es keine Möglichkeit, anzugeben, dass es nicht als „deutschpolnische“ gelesen werden sollte. Man trennt

süßsauer
mathematisch-technisch

am Zeilenende in gleicher Weise, nämlich:

… gebackenes Scheinefleisch mit einer süß-
sauren Sauce …
… Schüler und Schülerinnen des mathematisch-
technischen Gymnasiums …

Bei „süßsauer“ wird ein Trennstrich eingefügt, bei „mathematisch-technisch“ erfüllt der Bindestrich am Zeilenende auch die Funktion des Trennstriches. Dieser Unterschied ist den Strichen nicht anzusehen.

In der Regel führt dies nicht zu Unklarheiten. In Ihrem Beispiel gibt es keine Möglichkeit „deutschpolnische“ zu schreiben, so dass „deutsch-polnische“ gemeint sein muss. Auch in einem Fall wie „deutsch-schweizerisch“ („zwischen Deutschland und der Schweiz“; z. B. „die deutsch-schweizerische Grenze“) und „deutschschweizerisch“ („die deutschsprachige Schweiz betreffend“; z. B. „die deutschschweizerischen Schulen“) verdeutlicht normalerweise der Kontext, was genau gemeint ist.

So gegensätzlich „(ver)binden“ und „trennen“ auch sind, am Zeilenende wird der Bindestrich zugleich ein Trennstrich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5 Kommentare »

  1. Daniel Goldstein schreibt:

    Mai 29, 2020 um 09:17

    Legt man Wert auf den Bindestrich, so kann man mit typografischen Mitteln dafür sorgen, dass die fragliche Stelle vom Zeilenende wegrückt. Ich hatte neulich den umgekehrten Fall, bei dem es aufs Fehlen des Bindestrichs ankam. Deshalb habe ich statt der Trennung „SonntagsZeitung“ erzwungen: „Sonn-tagsZeitung“ – weniger schön, dafür originalgetreu.

  2. Daniel Goldstein schreibt:

    Mai 29, 2020 um 09:18

    Der letzte Satz muss lauten:
    Deshalb habe ich statt der Trennung „Sonntags-Zeitung“ erzwungen: „Sonn-tagsZeitung“ – weniger schön, dafür originalgetreu.

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 29, 2020 um 11:30

    In Zweifels- und anderen Fällen ist umformulieren oder umgestalten häufig eine ausgezeichnete Lösung. Wenn es wirklich wichtig ist oder zu Verständigungsproblemen kommen könnte, ist das sicher auch hier eine Möglichkeit. Wie im Artikel gesagt wird, ist es aber meist gar nicht notwendig, weil der Kontext schon angibt, was gemeint ist.

    Anders sieht es aus, wenn man besondere Schreibungen wie „SonntagsZeitung“ respektieren will oder muss. Bei der Trennug „Sonntags-Zeitung“ bleibt zwar alles gut verständlich, aber der Effekt der speziellen Schreibung geht verloren.

  4. Felix Schoen schreibt:

    Juni 22, 2020 um 23:21

    Mögliche Bedeutungsunterschiede treten insbesondere bei Farben auf:
    eine blau-grüne Tasse (= beide Farben sind separat vorhanden) vs. eine blaugrüne Tasse (= die Tasse ist grün, aber nicht maigrün o. Ä., sondern ins Blau tendierend)…

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Juni 23, 2020 um 09:56

    Am Zeilenende fällt der Unterschied zwischen „blaugrün“ und „blau-grün“ – der übrigens gemacht werden kann, aber nicht gemacht werden muss – allerdings weg: Wenn „blau-grün“ am Zeilenende getrennt wird, übernimmt der Bindestrich auch die Funktion des Trennstrichs, das heißt, am Zeilende werden „blaugrün“ und „blau-grün“ gleich getrennt.

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