Der Genitiv substantivierter Adverbien: des Nirgendwos oder des Nirgendwo?

Frage

Ich habe neulich im Internet nach einer Regel recherchiert, die etwas darüber aussagt, ob substantivierte Adverbien dekliniert werden müssen oder nicht. […] In meinem Fall geht es um „das Nirgendwo“ und die Frage, ob es im Genitiv „des Nirgendwos“ heißen müsste. Ich habe mich dagegen entschieden, weil „des Nirgendwo“ mehr (hochwertige) Google-Treffer ergeben hat. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

spontan würde ich sagen, dass beides möglich ist: „des Nirgendwo“ und „des Nirgendwos“. Da ich mich aber nicht nur auf das „Sprachgefühl“ verlassen möchte, habe ich auch ein bisschen recherchiert und bin zum gleichen Schluss gekommen wie Sie: Grammatiken und Wörterbücher lassen uns hier im Stich, das heißt, es gibt kaum Angaben dazu, wie man substantivierte Adverbien und Konjunktionen dekliniert.

Ein paar Ausnahmen gibt es: Nach Duden ist es zum Beispiel „des Wenns“, „des Aber/Abers“, „des Miteinander/Miteinanders“. Nach DWDS und PONS ist es jedoch nur „des Abers“. Zu den anderen Wörtern gibt es dort keine Angaben. Wenn man also überhaupt Angaben findet, sind sie widersprüchlich.

Es bleibt also nur noch, sich auf Korpora (große Textsammlungen wie zum Beispiel diese) und das „allwissende“ Google zu stützen. Vor allem bei Letzterem ist dabei große Vorsicht in Acht zu nehmen, denn nicht alles, was man findet, ist, was man wirklich sucht. So ergibt die Suche nach „des Abers“ viele Fundstellen im Netz, es geht dabei aber sehr häufig um das Pays des Abers, eine wahrscheinlich sehr schöne Landschaft in der französischen Bretagne. Ein guter Ferientipp, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Bei der Suche „des Oder“ findet man vor allem Verweise auf Textstellen wie „des oder der Vorsitzenden“. Auch das ist nicht, wonach wir suchen.

Die Suche in Wörterbüchern, in Korpora und im Internet hat trotzdem ziemlich „eindeutig“ ergeben, dass meistens beides vorkommt. Substantivierte Adverbien und Konjunktionen haben im Genitiv ein s oder sie sind endungslos:

des Miteinanders o. des Miteinander
des Warums o. des Warum
des Untens und des Obens o. des Unten und des Oben
des Abers o. des Aber
des Wenns o. des Wenn (entgegen der Dudenangabe häufig auch ohne s)
des Irgendwos o. des Irgendwo
des Nirgendwos o. des Nirgendwo

Je häufiger oder gebräuchlicher eine Substantivierung dieser Art ist, desto mehr wird sie zu einem „gewöhnlichen“ Wort und desto stärker scheint die Tendenz zu einem Genitiv mit s zu sein. So findet sich zum Beispiel für das nicht sehr gebräuchliche „das Warum“ im DWDS-Korpus häufiger „des Warum“ als „des Warums“. Umgekehrt kommt das als Substantivierung gut etablierte „das Durcheinander“ im Genitiv fast nur als „des Durcheinanders“ vor.

Eine feste Regel gibt es hier nicht (sie befindet sich sozusagen im Reich des Nirgendwo[s]). In diesen Fällen können Sie also wählen, was Ihnen besser zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare »

  1. Tine schreibt:

    Oktober 6, 2020 um 21:06

    Wieder was gelernt! Und vielleicht haben Sie noch ein Komma griffbereit, dafür könnten Sie ein Leerzeichen streichen, dann liest es sich noch besser: „denn nicht alles was man findet“ und „im DWDS- Korpus“.

    Beste Grüße

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Oktober 6, 2020 um 21:33

    Danke! Ist korrigiert.

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