Wo das „zu“ steht, ist dem Komma egal

Frau N. stellt eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe, die ich mir aber bei näherer Betrachtung vielleicht doch einmal hätte stellen sollen. Dieser Fall wird nämlich kaum je ausdrücklich erwähnt: Werden Kommas bei Infinitiven mit vorangestelltem „zu“ und mit integriertem „zu“ gleich gesetzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Komma: Wo muss eins hin, wo nicht; wo darf eins hin, muss aber nicht:

1. Sie versuchte, ihn zu küssen.
2. Sie versuchte ihn anzufassen.

Meine Kollegin sagt, dass in Satz 2 kein Komma steht und in Satz 1 ein Komma stehen darf, aber nicht muss. Wie ist es richtig?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

in beiden Sätzen ist das Komma fakultativ, das heißt, es kann gesetzt werden, aber es muss nicht stehen:

Sie versuchte ihn zu küssen.
Sie versuchte ihn anzufassen.

oder:

Sie versuchte, ihn zu küssen.
Sie versuchte, ihn anzufassen.

Es gibt bei der Kommasetzung keinen Unterschied zwischen Verben mit vorangestelltem „zu“ und Verben mit integriertem „zu“. In beiden Fällen ist die Kommasetzung gleich (siehe Beispiele in § 75 der amtlichen Rechtschreibregelung). Zur Illustration folgen ein paar Beispielsätze verschiedener Art. Die Kommas in Klammern sind fakultativ.

  • Mit Infinitivkonjunktion:

Er drehte eine Pirouette, ohne zu fallen.
Er drehte eine Pirouette, ohne umzufallen.

Du solltest dich freuen, statt dich darüber zu ärgern.
Du solltest dich freuen, statt dich darüber aufzuregen.

  • Von Substantiv abhängig:

Hast du die Absicht(,) zu helfen?
Hast du die Absicht(,) mitzuhelfen?

Ihr Plan(,) zu verreisen(,) fiel ins Wasser.
Ihr Plan(,) auzuwandern(,) fiel ins Wasser.

Hast du die Absicht, uns bei der Arbeit zu helfen?
Hast du die Absicht, bei unserer Arbeit mitzuhelfen?

Ihr Plan, im Sommer zu verreisen, fiel ins Wasser.
Ihr Plan, nach Kanada auzuwandern, fiel ins Wasser.

  • Mit Korrelat/Verweiswort:

Sie liebt es(,) zu singen.
Was hindert dich daran(,) auszuschlafen?

Sie liebt es, gemeinsam zu singen.
Was hindert dich daran, lange auszuschlafen?

Zu singen, das war ihr größter Wunsch.
Auszuschlafen, daran sollte ihn nichts hindern.

  • Sonstige Fälle:

Er versucht(,) zu flüchten.
Er versucht(,) wegzurennen.

Sie versuchte(,) ihn auf die Wange zu küssen.
Sie versuchte(,) ihn am Arm anzufassen.

Die Kommasetzung zu verstehen(,) ist nicht immer einfach.
Die Kommasetzung aufzuzeigen(,) ist nicht immer einfach.

Dem Komma ist es also egal, ob das „zu“ vor dem Verb steht oder in die Verbform integriert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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