Komplexe Modalverbkonstruktionen: „Es müsste operiert worden sein“

Frage

Um was für eine Konstruktion handelt es sich hierbei: „Es müsste gestern operiert worden sein“? „Es müsste“ scheint mir Konjunktiv II zu sein. Aber der Rest? Ich freue mich, wenn Sie Licht in die Sache bringen könnten.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es handelt sich hier um eine Modalverbkonstruktion. Bei einer Modalverbkonstruktion wird ein Modalverb (dürfen, können, müssen, mögen, sollen, wollen) mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Hier wird müsste mit operiert worden sein verbunden:

müsste = Konjunktiv II Präteritum 3. Person Singular von „müssen“ (vgl. hier)
operiert worden sein = Infinitiv Perfekt Passiv von „operieren“  (vgl. hier)

Nach seiner Bedeutung wird der Konjunktiv II Präteritum auch Konjunktiv II Gegenwart genannt. Hier drückt müssen im Konjunktiv II zusammen mit einem Partizip Perfekt eine Vermutung in der Gegenwart über etwas Vergangenes aus:

Es müsste operiert worden sein.
= Es ist anzunehmen/wahrscheinlich, dass operiert worden ist.

Siehe auch die Angaben in der LEO-Grammatik zu dieser Verwendung von müssen.

Das ist nicht dasselbe wie:

Es hätte operiert werden müssen.

Damit wird gesagt, dass in der Vergangenheit nicht operiert wurde, obwohl hätte operiert werden müssen. Es ist also keine Vermutung, sondern eine Aussage über etwas, das in der Vergangenheit nicht geschehen ist, obwohl es hätte geschehen müssen (vgl. diesen älteren Blogartikel).

Noch komplexer ist diese Formulierung:

Es hätte operiert worden sein müssen.

Wenn die Formulierung überhaupt noch entzifferbar ist, bedeutet sie, dass zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit nicht operiert worden war, obwohl dies hätte geschehen sein müssen (verstehen Sie’s noch?). Es ist jedenfalls auch keine Vermutung.

Und wie sieht es mit einer Vermutung in der Vergangenheit aus? Sie lässt sich u. a mit dem Indikativ Präteritum von müssen ausdrücken:

Es musste operiert worden sein.
= Es war wahrscheinlich, dass operiert worden war.

Der langen Abschweifung kurzer Sinn: Das Problem bei komplexeren Modalverbkonstruktionen ist weniger, wie man sie korrekt benennt, als vielmehr, was genau mit ihnen gesagt wird oder gesagt werden soll. Häufig ist dann eine Umschreibung mit anderen Worten anzuraten, damit nicht diese Kritik laut wird: „Es hätte leichter verständlich formuliert werden können“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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