Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes“

Frage

In diesem Gedicht von Morgenstern ist mir nicht ganz klar, worauf „des“ sich bezieht. Könnten Sie mir dabei helfen?

Für viele

Wieviel Schönheit ist auf Erden
Unscheinbar verstreut;
Möchte ich immer mehr des inne werden;
Wieviel Schönheit, die den Taglärm scheut,
In bescheidnen alt und jungen Herzen!
Ist es auch ein Duft von Blumen nur,
Macht es holder doch der Erde Flur
Wie ein Lächeln unter vielen Schmerzen.

Christian Morgenstern

Ist das vielleicht ein Genitiv oder ein „dies“?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

die Form des ist hier eine alte Variante von dessen. Man findet sie vor allem noch in Zusammensetzungen und Wendungen wie deswegen, deshalb und des ungeachtet. Es ist der Genitiv des Pronomens der oder das:

Möchte ich immer mehr des inne werden, wieviel Schönheit …
= Möchte ich immer mehr dessen innewerden, wie viel Schönheit …
= Möchte ich mir immer mehr dessen bewusst werden, wie viel Schönheit …

Auch in älteren Redewendungen und Sprichwörtern kann man der Form des noch begegnen:

Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Hier kommt auch gleich das nahe verwandte Wort wessen mit seiner alten Varianten wes vor. Es ist das wes, das auch in zum Beispiel weshalb und weswegen oder in Wesfall, der deutschen Bezeichnung für Genitiv, zu finden ist.

In modernerem Deutsch werden diese Sprichwörter mit wovon und davon bzw. wessen und dessen formuliert:

Wovon das Herz voll ist, (davon) strömt der Mund über.
Wessen Brot ich esse, dessen Lied singe ich.

„Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes. Weniger positiv zu verstehen ist in der heutigen Zeit das zweite Sprichwort, das eine ziemlich opportunistische Lebenshaltung oder Berufseinstellung beschreibt: „Wer mich bezahlt, dessen Interessen vertrete ich auch.“

Und seien Sie sich des oder – im heutigen Deutschen – dessen bewusst, dass es genügt, wenn Sie die Formen des und wes erkennen können. Verwendet werden sie nicht oder kaum mehr.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Gedanken zu „Zwei alte Genitivformen: „des“ und „wes““

  1. Nicht zum Thema passend, aber: Warum haben Sie nach dem Angeführten ein Komma gesetzt? („Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes.)

    Ich dachte, ich habs inzwischen gecheckt. Ich hätte dort kein Komma gesetzt.

    Danke für Ihre immer erhellenden Antworten!

    LG
    Tine

  2. Es wäre nicht falsch, dort kein Komma zu setzen. Ein Komma ist nach § 93 der Rechtschreibregelung notwendig, wenn dem Zitat ein Begleitsatz folgt:

    „Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“, ist [= lautet] die Bedeutung des ersten Sprichwortes.
    Vgl.: Die Bedeutung des ersten Sprichwortes ist [= lautet]: „Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen.“

    Man kann den Satz aber auch so interpretieren, dass das Zitat mit dem Verb (Kopula) sein als Prädikativ in den Satz integriert ist. Dann steht nach dem Zitat gemäß § 94(2) der Rechtschreibregelung kein Komma:

    „Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“ ist die Bedeutung des ersten Sprichwortes.
    Vgl.: Die Bedeutung des ersten Sprichwortes ist „Wer starke Emotionen verspürt, möchte auch gerne darüber reden und sie anderen mitteilen“.

    Es ist manchmal nicht eindeutig feststellbar, ob etwas ein Zitat mit Begleitsatz oder ein im Satz integriertes Zitat ist. Hier kann das Verb sein im Sinne von lauten (→ Komma) oder als reines Kopulaverb (→ kein Komma) interpretiert werden. Ich finde die Schreibung mit Komma hier passender, die Schreibung ohne Komma ist aber auch vertretbar.

    Siehe auch hier: Eingeleitete und integrierte wörtliche Wiedergabe.

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