Eindeutigkeit in Lückentexten: „Ich will mit meiner … im Reinen sein“

Frage

In einem Lehrbuch für Deutschlernende mit anderer Herkunftssprache wird ein Satz vorgegeben, der mit dem richtigen Wort aus vier Optionen zu ergänzen ist.

Der Satz lautet: „Ich will eine Familie gründen und unabhängig leben. Ich will kein Heiliger werden, aber mit meiner … im Reinen sein.“

Die zur Wahl stehenden Ergänzungswörter lauten: 1. Gegenwart, 2. Vergangenheit, 3. Zeit, 4. Zukunft

Meines Erachtens erzwingt der vorgegebene Text nicht eine bestimmte Auswahl aus den vier Wahlmöglichkeiten. Jede von ihnen wäre denkbar, ergäbe einen Sinn. […] Aber vermutlich irre ich.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

Übungen in Lehrbüchern, insbesondere Lückentexte und Multiple-Choice-Aufgaben, sind nicht immer einwandfrei. Sie enthalten manchmal Übungssätze, die nicht so eindeutig sind, wie die Aufgabenstellung suggeriert. Der Übungssatz, den Sie hier anführen, ist ein solcher Fall, wahrscheinlich sogar ein krasser. Auch ich bin nämlich der Meinung, dass mit allen angegebenen Lösungswörtern ein sinnvoller und korrekter Satz entsteht. Es ist zwar so, dass man häufig mit sich selbst und/oder seiner Vergangenheit ins Reine kommt, es ist aber selbst mit einer schwierigen Vergangenheit nicht ausgeschlossen, auch mit seiner Gegenwart, Zukunft oder Zeit im Reinen sein zu wollen.

Gute Übungssätze zu finden ist schwierig, weil Äußerungen sehr oft nicht eindeutig sind, insbesondere wenn kein oder nur ein beschränkter Satzzusammenhang vorhanden ist. Wörter haben verschiedene Bedeutungen, die gleiche Bedeutung kann unterschiedlich ausgedrückt werden, aus fünf Wörtern lässt sich häufig, aber nicht immer erschließen, was das sechste Wort sein soll, usw. Dieser Problematik sind sich die meisten Verfasser und Verfasserinnen von Übungstexten bewusst, aber auch die erfahrensten von ihnen tappen hin und wieder in die Uneindeutigkeitsfalle.

Das hier Gesagte sollten Lernende übrigens nicht als Einladung verstehen, sich beim Ausfüllen solcher Übungen keine Mühe mehr zu geben. Auch wenn es manchmal zweifelhafte Übungssätze gibt, sind die meisten doch lösbar und hoffentlich auch hilfreich.

Zurück zu Ihrem Beispiel: Wenn es nicht möglich ist, in der Übung mehr als eine Lösung anzugeben, wenn es nicht einen weiteren, klärenden Kontext gibt und wenn der Satz nicht als eine Art Fallstrick gemeint ist, sollte er nicht in einer Übung stehen. Kurzum: Sie irren nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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