„Sie“ und „er“ sind nicht immer eindeutig, aber trotzdem meist verständlich

Frage

In Sidos Song „Augen auf“ gibt es eine Zeile, die wie folgt lautet:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama ihre kleine Schwester. Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt.

Wir haben uns kürzlich gefragt, ob die Pronomen so stimmen. „Jennys Mutter bekam ihre Schwester“ – aus dem Kontext ist klar, was gemeint ist, aber bezieht sich „ihre“ nicht auf „Mutter“ anstatt auf „Schwester“? Wäre „Jennys Mutter bekamen deren kleine Schwester“ korrekt?

Dann auch beim Satzanschluss „Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt”: Bezieht sich das „sie“ nicht auch auf die Mutter? Wie könnte man deutlich machen, dass man sich auf Jenny bezieht?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

Pronomen wie Personal- und Possessivpronomen beziehen sich auf etwas, das vorher oder seltener nachher genannt wird. Häufig gibt es rein formal mehr als ein mögliches Bezugswort, das heißt, es kann mehr als ein Wort geben, das in Genus und Numerus mit dem Pronomen übereinstimmt. Dann ergibt sich aus dem Kontext oder der Bedeutung der Wörter, auf welches dieser möglichen Bezugswörter sich das Pronomen bezieht. Das Bezugswort muss nicht das am nächsten stehende mögliche Wort sein. Einige Beispiele:

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er hatte ihn zu Hause vergessen.
(er = der Mann)

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er lag noch zu Hause.
(er = der Laptop)

Die Lehrerin sagte zur Schülerin, sie sei mit ihren Leistungen zufrieden.
(sie = die Lehrerin; ihren = des Mädchens)

Die Lehrerin ermahnte die Schülerin, sie solle ihr besser zuhören.
(sie = die Schülerin; ihr = der Lehrerin)

In den meisten Fällen ergibt sich aus dem Kontext, den Wortbedeutungen und/oder unserer allgemeinen Kenntnis, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist, sollte man umformulieren. Manchmal hilft dabei deren/dessen, sonst muss das Wort wiederholt oder eine Umschreibung gewählt werden (zum Beispiel mit einem Synonym oder einem Oberbegriff).

Den Songtext, um den es Ihnen geht, halte ich für eindeutig. Es ist deutlich, dass Mama nicht ihre eigene kleine Schwester, sondern Jennys kleine Schwester bekam. Dadurch wurde nicht die Mutter, sondern Jenny aus dem Mittelpunkt verdrängt. Das ergibt sich unter anderem daraus, dass wir wissen, dass ein erstes Kind bei der Geburt eines zweiten Kindes häufig so empfindet.

Wenn Sie den Text doch noch präziser formulieren möchten, könnten Sie zum Beispiel wie folgt vorgehen:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama deren kleine Schwester. Jetzt war Jenny nicht mehr der Mittelpunkt.

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama Jennys kleine Schwester. Jetzt war das Mädchen nicht mehr der Mittelpunkt.

Das führt aber zu einem wenig eleganten Text und ist, wie gesagt, nicht nötig.

Pronomen drücken rein formal nicht immer eindeutige Beziehungen aus. Sie müssen sich nicht zum Beispiel auf das ihnen am nächsten stehende Wort beziehen, das in Genus und Numerus mit ihnen übereinstimmt. Wenn es mehr als ein mögliches Bezugswort gibt, erschließt sich der Bezug meist aus dem Kontext, der Wortbedeutung und/oder unserer Kenntnis der Welt. Nur wenn dies nicht der Fall ist, muss anders formuliert werden.

Ist es nicht erstaunlich, mit wie viel formaler Uneindeutigkeit wir problemlos umgehen können?!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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