Auch Gedanken verdienen Anführungszeichen

Frage

Darf in folgendem Zusammenhang ein Fragezeichen stehen?

Warum hat er mich nicht eingeladen?, fragte sie sich.

Ich habe da bisher immer eins gemacht, analog zur direkten Rede:

„Warum hat er mich nicht eingeladen?“, fragte sie ihren Freund.

Habe da in diversen Foren unterschiedliche Meinungen dazu gefunden, aber keinen richtigen Hinweis auf den Duden.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

Sie haben recht, dass ein Fragezeichen geschrieben werden sollte, Sie sollten aber auch die Anführungszeichen nicht weglassen. Nicht nur eigentliche direkte Rede, also Gesprochenes, sondern auch Geschriebenes oder Gedachtes, das wörtlich zitiert wird, setzt man in Anführungszeichen. Auch sonst werden die Satzzeichen bei wörtlich zitiertem Gedachtem gleich gesetzt wie bei wörtlich zitiertem Gesagtem. Richtig ist also:

Sie fragte: „Ist das wirklich wahr?“
Sie dachte: „Ist das wirklich wahr?“

Auch in Fällen wie diesen setzt man die Satzzeichen gleich wie bei der direkten Redewiedergabe:

„Warum hat er mich nicht eingeladen?“, fragte sie sich.
„Verdammt nochmal!“, dachte sie, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
„Was ist denn hier los?“, wunderte er sich.

Das ergibt sich aus § 89.1 der amtlichen Rechtschreibregelung, insbesondere aus diesem Beispiel:

„Das war also Paris!“, dachte Frank.

Anführungszeichen stehen übrigens auch bei wörtlich Zitiertem, das durch Verben eingeleitet wird, die eigentlich keine Verben des Sagens sind, aber also solche gemeint sind:

„Ich bin einverstanden“, lächelte er (= sagte er lächelnd)
„Wie du meinst“, schmunzelte sie (= sagte sie schmunzelnd)
Der Hauptmann posaunte: „Mir nach!“
„Wie interessant!“, heuchelte der Vicomte.

Wichtig ist vor allem, dass Gesagtes, Geschriebenes und Gedachtes wörtlich zitiert wird, und weniger, womit das Zitierte eingeleitet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wieder einmal die als-Gruppen und der Genitiv: die Entlarvung des Butlers als der/des Mörder(s) der Gräfin

Frage

Beim Lesen eines älteren Buches bin ich auf folgenden Satz gestoßen:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als eines […] krankheitserregenden Faktors.

Meine Unklarheit betrifft vor allem den letzten Teil des Satzes: „zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors“. […] Mir ist nicht klar, weshalb die Wortgruppe nach „als“ im Genitiv steht. […] Gibt es dazu eine Grammatikregel?

Außerdem glaube ich, dass man in heutigem Deutsch diese Kasuskongruenz so gar nicht vorgenommen hätte. Ich wüsste gar nicht, wie man den Satz grammatikalisch korrekt in modernem Deutsch verfassen würde. Ich glaube jedoch in etwa so:

Die Abgrenzung und Erforschung dieses Sondergebietes […] hat zu einer Entdeckung geführt, die der wissenschaftlichen Medizin äußerst unbequem war, nämlich zur Entdeckung der Seele als ein […] krankheitserregender Faktor.

Zusammengefasst möchte ich also wissen:

  1. Warum ist die Angleichung im Genitiv und gibt es dazu Regeln/Erläuterungen?
  2. Wie würde man den Satz in heutigem Deutsch schreiben?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die als-Gruppen oder als-Attribute haben es in sich. Im Prinzip stehen sie im gleichen Fall wie ihr Bezugswort, aber zu dieser „Grundregel“ gibt es viele Ausnahmen. Das ist der Grund dafür, dass die meisten von uns bei solchen Formulierungen hin und wieder unsicher werden, insbesondere dann, wenn wir anfangen, genauer darüber nachzudenken. Für Ihren Fall gilt Folgendes:

Eine als-Gruppe, die sich auf ein Genitivattribut bezieht, steht nach der genannten Grundregel ebenfalls im Genitiv, wenn sie ein Artikelwort enthält. Hier bezieht sich die als-Gruppe auf das Genitivattribut „der Seele“ und enthält einen unbestimmten Artikel. Man kann also wie folgt formulieren:

… zur Entdeckung der Seele als eines krankheitserregenden Faktors

Und nun zur Ausnahme: Wenn sich die als-Gruppe auch auf das Wort beziehen kann, das dem Genitivattribut übergeordnet ist (hier „Entdeckung“), kann sie auch im Nominativ stehen:

… zur Entdeckung der Seele als ein krankheitserregender Faktor

Vgl.

… zu deren/ihrer Entdeckung als ein krankheitserregender Faktor

Es folgen noch zwei weitere Beispiele.

  • Mit Angleichung an das Genitivattribut:

die Entlarvung des Butlers als des hinterlistigen Mörders der Gräfin
die Rolle Indiens als eines bedeutenden Handelspartners

  • Mit Bezug auf das übergeordnete Substantiv:

die Entlarvung des Butlers als der hinterlistige Mörder der Gräfin
die Rolle Indiens als ein bedeutender Handelspartner

Ich vermute, dass hier im heutigen Deutsch der Nominativ häufiger vorkommt, ich verfüge aber über keine genaueren Angaben dazu. Wie dem auch sei, beide Formulierungsarten gelten als korrekt.

Weitere Angaben zu diesem Thema finden Sie auf dieser Grammatikseite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tief Bernd, der oder das große Schäden verursacht hat?

Frage

das Wetter in den jüngsten Tagen und Wochen hat für mich viele Fragen ausgeworfen, nicht nur zum Klimawandel, sondern auch einige, welche die Sprache betreffen.

Worauf bezieht sich zum Beispiel ein Relativpronomen, wenn es um Wetterphänomene geht, die mit einem Namen versehen sind? Hängt die Antwort davon ab, ob ein Artikel verwendet wird? Zum Beispiel: „Hurrikan Elsa, die über der Karibik wütet… “ gegenüber „Der Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet…“. Oder ganz aktuell und ziemlich erschütternd: „Tief Bernd, der große Schäden angerichtet hat…“ gegenüber „Das Tief Bernd, das große Schäden angerichtet hat… “.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Antwort hat tatsächlich mit dem Artikel zu tun, aber ich muss ein bisschen ausholen. Bei Personenbezeichnungen, die aus einem Titel und einem Namen bestehen, gilt das Folgende:

  1. Mit Artikel ist der Titel Wortgruppenkern und der Name Apposition (nähere Bestimmung)
  2. Ohne Artikel ist der Name Wortgruppenkern und der Titel Apposition

Den Unterschied kann man bei Personenbezeichnungen nicht am Geschlecht sehen (Titel und Name haben das gleiche Geschlecht), sondern an der Endung im Genitiv. Gebeugt wird jeweils der Wortgruppenkern:

a. das Auto des Onkels Anton
a. die Regierung des Präsidenten Biden
b. Onkel Antons Auto
b. Präsident Bidens Regierung

Bei Nichtpersonen ist die Lage unklarer, weil hier die artikellose Variante, also Fall b, selten ist. Im Genitiv werden sie im Prinzip gleich behandelt wie Personenbezeichnungen:

a. die Stärke des Hurrikans Elsa
a. die Auswirkungen des Tiefs Bernd
b. Hurrikan Elsas Stärke
b. Tief Bernds Auswirkungen

Bei den jeweiligen Verweiswörtern – darum geht es eigentlich in Ihrer Frage – ist die Lage anders: Verwiesen wird mit Pronomen, die im Genus mit dem Wetterphänomen und nicht mit dessen Namen übereinstimmen. Die Wetterphänomene tragen zwar einen weiblichen oder männlichen Namen, werden aber offensichtlich nicht als weiblich oder männlich empfunden – noch nicht einmal rein grammatisch. Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet
Sturmtief Elsa hat auf seinem Weg große Schäden angerichtet
Tief Bernd, das große Schäden angerichtet hat

Formulierungen dieser Art, also ohne Artikel, sind hier aber selten, so selten, dass kaum sichere Aussagen gemacht werden können. Üblicher ist zum Beispiel:

der Hurrikan Elsa, der über der Karibik wütet
„Elsa“, der Hurrikan, der über der Karibik wütet
Das Sturmtief Elsa hat auf seinem Weg große Schäden angerichtet
„Bernd“, das Tief, das große Schäden angerichtet hat

Angesichts des Leids und der Schäden ist die Frage nach Artikel und grammatischem Geschlecht allerdings nicht wichtig. Möge alles schnell wieder trocken, aufgeräumt und sicher aufgebaut sein!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eines der besten, schönsten, ersten X, die/das ich je …

Heute geht es um die Wahl des Relativpronomens bei Heraushebung eines Einzelnen aus einer Menge.

Frage

Gelegentlich lese ich diese Formulierung: „einer der schönsten Filme, den ich je gesehen habe“ oder „eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe“. Meine Vorgesetzte ist der Meinung, das sei richtig. Ich denke jedoch, dass es heißen müsste „einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe“ und „eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe“. Oder ist beides möglich? Kann man sich aussuchen, auf welches Substantiv sich der Relativsatz beziehen soll?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

bei dieser Frage muss ich wieder einmal eine eindeutige Antwort schuldig bleiben. Genau genommen sollte hier der Plural stehen:

einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe
eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe
einer der interessantesten Menschen, die ich kenne
eine der ersten Frauen, die sich dagegen aussprachen

Es wurden mehrere Filme gesehen. Von diesen Filmen ist der besagte Film einer der schönsten. Die Verbform „gesehen habe“ richtet sich auf eine Mehrzahl. Entsprechend sollte das Relativpronomen im Plural stehen. Vgl.:

Von den Filmen, die ich je gesehen habe, ist dieser einer der schönsten.
Von den Büchern, die ich je gelesen habe, ist dieses eines der besten.
Von den Menschen, die ich kenne, ist er/sie einer der klügsten.
Von den Frauen, die sich dagegen aussprachen, war sie eine der ersten.

(Und nun zum Grund, weshalb meine Antwort doch nicht ganz so eindeutig ausfallen kann:) Dennoch wird hier sehr häufig mit einem Relativpronomen in der Einzahl angeschlossen. Es bezieht sich dann auf „einer“ resp. „eines“ o. „eine“:

einer der schönsten Filme, den ich je gesehen habe [?]
eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe [?]
einer der interessantesten Menschen, den ich kenne [??]
eine der ersten Frauen, die sich dagegen aussprach [?]

Die Fragezeichen in eckigen Klammern sollen angeben, dass ich diese Formulierungen eigentlich nicht für richtig halte und nur den Anschluss mit „die“ (und ggf. einem Verb im Plural) empfehle. Aber wie so oft, wenn es um Sprache geht, sind nicht alle dieser Meinung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Vor ein paar Jahren vfiel meine Antwort noch eindeutiger aus (siehe hier). Meine persönliche Meinung dazu hat sich nicht geändert, aber ich musste die allgemeine Antwort in der Zwischenzeit etwas revidieren.

Wo das „zu“ steht, ist dem Komma egal

Frau N. stellt eine Frage, die ich mir noch nie gestellt habe, die ich mir aber bei näherer Betrachtung vielleicht doch einmal hätte stellen sollen. Dieser Fall wird nämlich kaum je ausdrücklich erwähnt: Werden Kommas bei Infinitiven mit vorangestelltem „zu“ und mit integriertem „zu“ gleich gesetzt?

Frage

Ich habe eine Frage zum Thema Komma: Wo muss eins hin, wo nicht; wo darf eins hin, muss aber nicht:

1. Sie versuchte, ihn zu küssen.
2. Sie versuchte ihn anzufassen.

Meine Kollegin sagt, dass in Satz 2 kein Komma steht und in Satz 1 ein Komma stehen darf, aber nicht muss. Wie ist es richtig?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

in beiden Sätzen ist das Komma fakultativ, das heißt, es kann gesetzt werden, aber es muss nicht stehen:

Sie versuchte ihn zu küssen.
Sie versuchte ihn anzufassen.

oder:

Sie versuchte, ihn zu küssen.
Sie versuchte, ihn anzufassen.

Es gibt bei der Kommasetzung keinen Unterschied zwischen Verben mit vorangestelltem „zu“ und Verben mit integriertem „zu“. In beiden Fällen ist die Kommasetzung gleich (siehe Beispiele in § 75 der amtlichen Rechtschreibregelung). Zur Illustration folgen ein paar Beispielsätze verschiedener Art. Die Kommas in Klammern sind fakultativ.

  • Mit Infinitivkonjunktion:

Er drehte eine Pirouette, ohne zu fallen.
Er drehte eine Pirouette, ohne umzufallen.

Du solltest dich freuen, statt dich darüber zu ärgern.
Du solltest dich freuen, statt dich darüber aufzuregen.

  • Von Substantiv abhängig:

Hast du die Absicht(,) zu helfen?
Hast du die Absicht(,) mitzuhelfen?

Ihr Plan(,) zu verreisen(,) fiel ins Wasser.
Ihr Plan(,) auzuwandern(,) fiel ins Wasser.

Hast du die Absicht, uns bei der Arbeit zu helfen?
Hast du die Absicht, bei unserer Arbeit mitzuhelfen?

Ihr Plan, im Sommer zu verreisen, fiel ins Wasser.
Ihr Plan, nach Kanada auzuwandern, fiel ins Wasser.

  • Mit Korrelat/Verweiswort:

Sie liebt es(,) zu singen.
Was hindert dich daran(,) auszuschlafen?

Sie liebt es, gemeinsam zu singen.
Was hindert dich daran, lange auszuschlafen?

Zu singen, das war ihr größter Wunsch.
Auszuschlafen, daran sollte ihn nichts hindern.

  • Sonstige Fälle:

Er versucht(,) zu flüchten.
Er versucht(,) wegzurennen.

Sie versuchte(,) ihn auf die Wange zu küssen.
Sie versuchte(,) ihn am Arm anzufassen.

Die Kommasetzung zu verstehen(,) ist nicht immer einfach.
Die Kommasetzung aufzuzeigen(,) ist nicht immer einfach.

Dem Komma ist es also egal, ob das „zu“ vor dem Verb steht oder in die Verbform integriert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Einer Sache abgewandt oder von einer Sache abgewandt?

Frage

Man kann zwar zum Beispiel einem Plan oder dem Alkohol zugeneigt oder abgeneigt sein, aber doch nur der Zukunft zugewandt und nicht entsprechend der Zukunft abgewandt, wie ich es in einer Zeitung las („Konservativ und der Zukunft abgewandt. Wie die Alten die Wahl entscheiden“). Müsste es nicht heißen „von der Zukunft abgewandt“, also „Konservativ und von der Zukunft abgewandt“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

standardsprachlich üblich ist gemäß den Wörterbüchern:

sich jemandem/einer Sache zuwenden
sich von jemandem/einer Sache abwenden

Entsprechend heißt es auch:

der Zukunft zugewandt sein
von der Zukunft abgewandt sein

dem Leben zugewandt
vom Leben abgewandt

die dem Wind zugewandte Seite
die vom Wind abgewandte Seite

Aber: Formulierungen ohne „von“ kommen auch bei „abgewandt“ recht häufig vor, wahrscheinlich in Analogie zur Formulierung mit „zugewandt“. Es gibt Buchtitel wie „Und der Zukunft abgewandt“ und Lexikoneinträge, in denen „Lee“ als „die dem Wind abgewandte Seite“ definiert wird.

Auch wenn ich nur „von einer Sache abgewandt“ für empfehlenswert halte, würde ich  Formulierungen ohne „von“ deshalb dennoch nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen. Man muss dann davon ausgehen, dass sich „abgewandt“ so weit verselbstständigt hat, dass es mit einer anderen Konstruktion verwendet werden kann, als das ihm zugrunde liegende Verb. Doch wie gesagt, ich halte „von der Zukunft abgewandt“ für besser – allerdings nur die Formulierung mit „von“, nicht die Geisteshaltung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hamburg ist allein sächlich

Wer Deutsch als Muttersprache hat, macht es, meist ganz ohne nachzudenken, richtig. Wer Deutsch lernen muss oder sich zu sehr von anderen Sprachen beeinflussen lässt, liegt manchmal daneben: Ortsnamen sind sächlich, nicht weiblich.

Frage

können Sie mir bitte mitteilen, wie die folgenden Sätze korrekt lauten?

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es/Sie (?) ist auch eine alte Stadt.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ortsnamen, die man in der Regel ohne Artikel verwendet, sind sächlich (vgl. hier).  Es heißt zum Beispiel:

das neue Berlin
ihr schönes Granada
das Italien seiner Kindheit
Norwegen und seine Fjorde
Hamburg und seine Häfen
Hamburg ist groß. Es ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Richtig ist also auch:

Hamburg ist eine schöne Stadt. Es ist auch eine alte Stadt.
Hamburg ist schön. Es ist auch eine alte Stadt.

Anders sieht es aus, wenn die Ortsbezeichnung nicht allein steht, sondern Apposition (nähere Bestimmung zu einem anderen Substantiv) ist. Dann stimmen Artikel und Verweiswörter mit dem Kern der Wortgruppe überein:

die Freie und Hansestadt Hamburg und ihre Häfen
Die Stadt Hamburg ist groß. Sie ist die zweitgrößte Stadt Deutschlands.

Kurzum: Wie alle anderen im Prinzip artikellosen Ortsnamen ist Hamburg allein stehend sächlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Nur der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Ortsnamen, die immer mit Artikel stehen, das Geschlecht haben, das der Artikel angibt:

die Schweiz und ihre Nachbarn
Die Türkei, sie ist …
der Jemen und seine Bevölkerung
Der Irak, er ist …

Faradaykäfig, Pfizervakzin, Matthäuspassion und Gangesdelta – oder doch mit Bindestrich?

Bei der Schreibung von Zusammensetzungen, die einen Eigennamen enthalten, tun sich manche manchmal schwer. Sie ist immer wieder Thema Ihrer Fragen. Dabei ist es gar nicht so kompliziert: Eigennamen werden in Zusammensetzungen gleich behandelt wie „gewöhnliche“ Substantive – außer dass man großzügiger mit Bindestrichen umgehen kann.

Frage

Beim Korrekturlesen […] habe ich bei einigen zusammengesetzten Begriffen Zweifel. Es ist doch zulässig, „Faraday-Käfig“ und „Boltzmann-Konstante“ zu schreiben? Wenn der Bindestrich auch zulässig ist, frage ich Sie, ob es davon Ausnahmen gibt, also ob der Bindestrich irgendwann wegfällt. Schreibt man „Stirlingmotor“ oder „Stirling-Motor“, „Hallsonde“ oder „Hall-Sonde“, „Lorentzkraft“ oder „Lorentz-Kraft“?

Antwort

Guten Tag Frau E.,

bei Zusammensetzungen mit einem einfachen Eigennamen an erster Stelle kann immer zusammen- oder mit Bindestrich geschrieben werden:

Faradaykäfig / Faraday-Käfig
Boltzmannkonstante / Boltzmann-Konstante
Stirlingmotor / Stirling-Motor
Hallsonde / Hall-Sonde
Lorentzkraft / Lorentz-Kraft
Pfizervakzin / Pfizer-Vakzin
Matthäuspassion / Matthäus-Passion
Pyrenäenhalbinsel / Pyrenäen-Halbinsel
Gangesdelta / Ganges-Delta

Was üblich oder üblicher ist, hängt zum Teil von der jeweiligen Fachsprache ab. Richtig ist immer beides. Siehe auch § 51 der amtlichen Rechtschreibregelung. Dort wird gesagt, dass in Fällen wie diesen ein Bindestrich gesetzt werden kann.

Das Gesagte gilt auch, wenn die Zusammensetzung ein Adjektiv ist. Zu beachten ist nur, dass der Eigenname bei Zusammenschreibung einen kleinen Anfangsbuchstaben erhält:

chinakritische / China-kritische Kommentare
italienbegeisterte / Italien-begeisterte Touristen
trumpfeindliche / Trump-feindliche Kongressabgeordnete
castrotreue / Castro-treue Milizen

Die Zusammenschreibung ist dann nicht mehr möglich, wenn der erste Teil der Zusammensetzung ein mehrteiliger Name ist oder aus mehr als einem Namen besteht. Dann kommt wie bei „gewöhnlichen“ Zusammensetzungen mit Wortgruppen oder Aneinanderreihungen nur noch die Schreibung mit Bindestrich in Frage:

die Stefan-Boltzmann-Konstante
der Hale-Bopp-Komet
das Pfizer-Biontech-Vakzin
das Ganges-Brahmaputra-Delta
die Fidel-Castro-treuen Milizen

Es ist, wie gesagt, gar nicht so kompliziert. Man muss nur wissen, wie’s geht. Vielleicht werden viele etwas unsicher, weil Begriffe dieser Art häufig in Fachsprachen vorkommen und dort immer wieder die englische Schreibweise „dazwischenfunkt“. Ich habe diese Frage deshalb vor gut fünf Jahren schon einmal behandelt und werde sie vielleicht in gut fünf Jahren noch einmal erwähnen. Hiermit sind Dr.-Bopp-treue Leser und Leserinnen, soweit es sie gibt, vorgewarnt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was für ein Akkusativ steht „in einen Meter fünfzig groß“?

Frage

Nicht umsonst heißt es: „Deutsche Sprache, schwere Sprache“. […] Ich bin durch Zufall auf Ihre Seite aufmerksam geworden und hoffe, dass Sie Licht ins Dunkel bringen können. Es geht um folgenden Satz:

Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß.

Ist dieses „einen Meter fünfzig groß“ ein Akkusativobjekt, ein Akkusativadverb oder beides?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

in „Mein Bruder ist einen Meter fünfzig groß“ ist die Angabe „einen Meter fünfzig“ eine Adverbialbestimmung im Akkusativ, auch Adverbialakkusativ oder adverbialer Akkusativ genannt. Es ist kein Akkusativobjekt. Das kann man zum Beispiel dann sehen, wenn man den Satz in seine Satzteile zerlegt:

Mein Bruder = Subjekt
ist = Kopulaverb
einen Meter fünfzig groß = Prädikativ

Das Prädikativ ist hier eine Adjektivgruppe. Sie besteht aus dem Kern „groß“ und dem Attribut „einen Meter fünfzig“. Das Attribut, das „groß“ näher bestimmt („wie groß?“), ist ein Adverbialakkusativ.

Diese Art von Adjektivgruppen kommt bei Maßangaben u. Ä. vor:

einen Kilometer lang
einen Zentner schwer
einen Monat alt

Siehe auch hier und hier.

In der Beschreibung des einen Meter fünfzig großen Bruders steht also ein adverbialer Akkusativ. Das gilt auch für die Angaben „11 Jahre alt“ oder „42 Kilo schwer“. Nur sieht man ihnen wie den meisten Maßangaben dieser Art den Akkusativ gar nicht an, weil er sich nicht vom Nominativ unterscheidet. Vielleicht sind die Adverbialakkusative deshalb nicht so bekannt, obwohl sie relativ häufig vorkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anrufen und telefonieren

Frage

Ich habe folgende Fragen: Ist „telefonieren“ ein transitives oder ein intransitives Verb? Wenn es intransitiv ist, gibt es eine Erklärung dafür, weshalb das Verb „anrufen“ transitiv, aber das Verb „telefonieren“ intransitiv ist?

Antwort

Standardsprachlich ist „anrufen“ transitiv und „telefonieren“ intransitiv. Die beiden Verben haben nicht ganz dieselbe Bedeutung und drücken dies mit unterschiedlichen Konstruktionen aus:

jemanden anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe ihn schon dreimal angerufen.

mit jemandem telefonieren
[= sich telefonisch mit jemandem unterhalten)
Ich habe eine halbe Stunde mit ihm telefoniert.

Man kann den Unterschied in Bedeutung und Konstruktion zwischen „jemanden anrufen“ und „mit jemandem telefonieren“ mit dem Unterschied zwischen transitivem „jemanden ansprechen“ und intransitivem „mit jemandem sprechen“ vergleichen.

In der schweizerischen Umgangssprache (und z. T. auch anderswo) wird die Sache etwas komplizierter, denn dort gibt es daneben auch noch diese Konstruktionen:

jemandem anrufen
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Ich habe gestern meinem Cousin angerufen.

jemandem telefonieren
[= telefonisch mit jemandem Verbindung aufnehmen]
Er hielt an und telefonierte der Polizei.

Während man der Konstruktion „jemandem telefonieren“ auch in der schweizerischen Standardsprache begegnen kann, ist „jemandem anrufen“ wirklich nur umgangssprachlich. Auch in der schweizerischen Variante des Standarddeutschen ist im Allgemeinen nur „jemanden anrufen“ üblich (vgl. hier).

Sonst gilt die Verwendung von „anrufen“ und „telefonieren“ mit einem Dativobjekt standardsprachlich als nicht korrekt. Ganz unvereinbar sind „anrufen“ und der Dativ allerdings nicht. Man kann nämlich „bei jemandem anrufen“. Dieser Dativ wird aber nicht von „anrufen“, sondern von „bei“ gefordert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp