Diejenigen oder jene, die …?

Frage

Leider tauchen immer wieder Fragen zur deutschen Grammatik auf, bei denen die eigene Internetrecherche und der Blick in Nachschlagewerke und Sprachratgeber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führt. […] Ich wende mich also wieder an Sie. Im Duden, Bd. 9 heißt es:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht korrekt, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“

Vor dem Hintergrund dieser Dudenregel leuchtet mir der Gebrauch von „jener“ eigentlich nur noch bei „dieser/jener“ ein. Um die Sache an Beispielen zu verhandeln:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

Diese Sätze müssten nach dem Obigen falsch sein. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich darüber aufklären könnten, 1) welcher Gebrauch vom Duden als korrekt angesehen wird, 2) welcher Gebrauch Ihnen sinnvoll erscheint. Ich gehe davon aus, dass der De-facto-Sprachgebrauch in diesem Fall stark von der Dudenregel abweicht. In der österreichischen Zeit im Bild geht es beispielsweise allabendlich um „jene, die geimpft oder genesen sind“.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie verwenden wahrscheinlich eine ältere Ausgabe von Duden Bd. 9, Richtiges und gutes Deutsch. In der 8. Auflage, 2016, steht die zitierte „Regel“ nämlich in etwas abgeschwächter Form:

3. jener / der[jenige]: Es ist nicht sinnvoll, „jener“ anstelle von „derjenige“ oder hinweisendem „der“ zu gebrauchen, weil mit „jener“ auf etwas Fernes verwiesen wird. Also nicht: „Jener, der das getan hat …“ Sondern: „Derjenige, der das getan hat …“ Oder: „Der, der das getan hat …“ Nicht: „Das sind meine Absichten und jene meiner Kollegen.“ Sondern: „Das sind meine Absichten und die meiner Kollegen.“

Die Angabe nicht korrekt wurde zu nicht sinnvoll heruntergestuft. Als Begründung wird angegeben, dass mit jener auf etwas Fernes verwiesen werde. Das ist dann richtig, wenn jener nur als Gegensatz zu dieser verwendet werden kann. Ist das wirklich so? Das hängt davon ab, wo man sich befindet. Nach den Angaben der Variantengrammatik zu diesem Thema wird – etwas vereinfacht ausgedrückt – in Deutschland vor allem derjenige, der verwendet, während in der Schweiz und vor allem in Österreich jener, der vorherrscht. Besser wäre es also, zu sagen, dass es in Deutschland nicht üblich ist, jener, der zu verwenden, dies aber in Österreich und der Schweiz – auch in der Standardsprache – gebräuchlich ist.

Diese Sicht wurde inzwischen auch von der Duden-Redaktion übernommen. In der 9. Auflage von Duden Bd. 9, 2021, steht nun:

3. jener / der[jenige]: Als Demonstrativpronomen wird „derjenige (dasjenige, diejenige)“ in Deutschland klar gegenüber „jener (jenes, jene)“ bevorzugt: „Die Zahl derjenigen, die beim Sozialamt Hilfe zur Pflege beantragen, nimmt seit Jahren zu“ (Hessische/Niedersächsische Allgemeine). In Österreich und der Schweiz hingegen wird häufiger „jener“ verwendet: „Er […] werde sich mit der ganzen Energie für jene einsetzen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind“ (Salzburger Nachrichten).

Die „teutonozentrische“ Sichtweise wurde hier also zugunsten einer Sichtweise verlassen, die regionale Unterschiede respektiert.

Zu Ihren Beispielen: Wenn ich die Angaben in Variantengrammatik und Duden richtig verstehe, heißt es in Deutschland vor allem:

Sie sprach über die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all die[jenigen], die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über die[jenigen] Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

In Österreich und in der Schweiz (sowie in Liechtenstein und in Südtirol) eher:

Sie sprach über jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über all jene, die nur Fahrrad fahrend kochen.
Sie sprach über jene/die Paradiesvögel, die nur Fahrrad fahrend kochen.

All denjenigen oder all jenen, die glauben, dass Regeln in Grammatik- und Stilbüchern unverrückbar feststehen, möge dies ein Beispiel für das Gegenteil sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Zahlen unter und über zwölf: zehn bis 15 Prozent?

Frage

Zahlen bis zwölf soll man ausschreiben, heißt es. Doch wie verhält man sich in folgender Situation?

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.

Schreibt man 10 aus, erhält man eine optisch unbefriedigende Lösung. Darf man hier 10 unausgeschrieben lassen oder schreibt man stattdessen „fünfzehn“? Was ist Ihre Empfehlung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

auch ich bin irgendwann einmal während meiner Schulzeit der Regel begegnet, dass man Zahlen bis zwölf ausschreiben und bei höheren Zahlen Ziffern verwenden soll. Diese „Regel“ ist nur eine Empfehlung, von der man nicht nur jederzeit abweichen darf, sondern sehr häufig auch abweichen sollte. Wichtig ist nicht so sehr die Größe der Zahl, als vielmehr die Art des Textes, in dem man sie verwendet: In technischen Texten stehen eher Ziffern, in literarischen Texten stehen auch hohe Zahlen in Worten, und in Texten dazwischen verwendet man (je nach Kontext) das, was besser passt. Das steht auch in einem nicht mehr ganz taufrischen Blogartikel (siehe hier).

Bei der Verbindung von Zahlenangaben mit bis, und, oder usw. empfiehlt es sich immer, nicht zu mischen, sondern alle Zahlen entweder mit Ziffern oder in Worten auszudrücken:

Windturbinen könnten hier 10 bis 15 Prozent des Strombedarfs decken.
Windturbinen könnten hier zehn bis fünfzehn Prozent des Strombedarfs decken.

Der Vorgang dauert zwischen 2,5 und 3 Stunden.
Der Vorgang dauert zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

Es fielen 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter.
Es fielen hundert bis hundertfünfzig Liter Regen pro Quadratmeter.

auf 1000 oder 1200 Metern Höhe
auf tausend oder tausendzweihundert Metern Höhe
auf tausend oder zwölfhundert Metern Höhe

Ob Sie Ziffern oder Buchstaben wählen, hängt von der Art des Textes und/oder vom weiteren Zusammenhang ab, in dem die Zahlenangabe steht. Die Wahl bleibt aber letztlich Ihnen überlassen. Richtig ist jeweils beides.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist es[?] nicht würdig, erwähnt zu werden

Auch Dr. Bopp ist nicht unfehlbar (das wussten Sie natürlich schon):

Frage

Bitte erläutern Sie mir die Satzkonstruktion Ihres Satzes

Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden

in diesem Artikel.

Das „es“ ist abhängig von „würdig“ und Akkusativ […], aber „würdig“ wird normalerweise mit dem Genitiv kombiniert. Der Genitiv von „es“ ist „seiner“ (was aber merkwürdig klingen würde). Kann „es“ auch der Genitiv von „es“ sein oder wird „würdig“ auch mit einem Akkusativ kombiniert? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das „es“ in „Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden“ ist ein Korrelat, das heißt, es ist ein Wort, das im übergeordneten Satz stellvertretend für die Infinitivgruppe „erwähnt zu werden“ steht. Die Wendung „würdig sein“ verlangt, wie Sie richtig bemerken, den Genitiv („jemandes/einer Sache würdig sein“). Das Korrelat für einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe mit der Funktion eines Genitivobjekts ist eigentlich „dessen“. Es müsste also heißen:

Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.

Ein solches Korrelat im Genitiv ist aber sehr selten, denn es klingt sehr gehoben. Häufig wird deshalb statt a) einer Formulierung mit „dessen“ b) eine Konstruktion mit einem anderen Korrelat oder c) eine Konstruktion ohne ein Korrelat gewählt:

a) mit Korrelat „dessen“
b) mit anderem Korrelat
c) ohne Korrelat

a) Ich schäme mich dessen, dich nicht erkannt zu haben.
b) Ich schäme mich dafür, dich nicht erkannt zu haben.
c) Ich schäme mich, dich nicht erkannt zu haben.

a) Sie vergewisserte sich dessen, dass die Fenster geschlossen waren.
b) Sie vergewisserte sich davon, dass die Fenster geschlossen waren.
c) Sie vergewisserte sich, dass die Fenster geschlossen waren.

a) Das ist dessen nicht wert, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht wert, erwähnt zu werden.
c) Das ist nicht wert, erwähnt zu werden.

Die Alternativen b) mit einem anderen Korrelat sind dann gut möglich, wenn es für die Konstruktion mit dem Genitiv auch standardsprachlich akzeptierte Varianten gibt. Das ist bei den Beispielen oben der Fall:

sich einer Sache schämen (dessen)
sich für etwas schämen (dafür)

sich einer Sache vergewissern (dessen)
sich von etwas vergewissern (davon)

einer Sache wert sein (dessen)
etwas wert sein (es)

Wie ist es nun beim Satz, den Sie zitieren?

a) Das ist dessen nicht würdig, erwähnt zu werden.
b) Das ist es nicht würdig, erwähnt zu werden. [?]
c) Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden.

Während „etwas wert sein“ standardsprachlich akzeptiert ist, gilt dies für „etwas würdig sein“ (noch?) nicht. Deshalb hätte ich in einer Sprachrubrik besser nicht die Variante b) mit „es“, sondern die Variante c) ohne Korrelat verwendet. Obwohl ein schneller Blick in die Korpora zeigt, dass „es (nicht) würdig sein + Infinitivgruppe o. dass-Satz“ heute hin und wieder auch in standardsprachlichen Kontexten vorkommt, ist diese Konstruktion nicht oder noch nicht allgemein akzeptiert. Und warum nicht die Variante a) mit „dessen“? – Weil sie mir einfach zu gehoben oder veraltend klingt.

Bevor Sie nun vermuten, ich wolle mich mit vielen Worten herausreden, hier noch eine kurze Antwort: Die Formulierung mit „es“ ist bei „würdig“ standardsprachlich (noch?) nicht akzeptiert. Ich hätte besser „Das ist nicht würdig, erwähnt zu werden“ oder eine andere Formulierung verwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hier sollten, glaube ich, Kommas stehen

Frage

Ich bin bei der Kommasetzung unsicher. Diese Unsicherheit würde ich gerne beseitigen. Es geht um den folgenden Satz:

Darauf wird denke ich unser Hauptaugenmerk gerichtet sein müssen.

Antwort

Guten Tag L.,

in diesem Satz ist „denke ich“ ein Einschub, der durch Kommas abgetrennt werden sollte. Es geht nicht um einen formelhaft verkürzten Nebensatz wie zum Beispiel bei „wenn möglich“ oder „wie bereits gesagt“, sondern um einen eingeschobenen Hauptsatz. Eingeschobene Hauptsätze werden durch Kommas abgetrennt. Das gilt im Prinzp auch für kurze eingeschobene Sätze wie diese:

Darauf wird, denke ich, unser Hauptaugenmerk gerichtet sein müssen.
Du hast, glaube ich, alles richtig verstanden.
Man soll, heißt es, den Tag nicht vor dem Abend loben.
Wer, glaubst du, hat es getan?

Das macht, finde ich, das Lesen einfacher, wie ich kürzlich schon einmal bei einer ähnlichen Frage geschrieben habe.

Das Gesagte gilt, wie das meiste in diesem Blog, für mehr oder weniger standardsprachliche Texte. In der Umgangssprache, insbesondere in den sozialen Medien, werden Wendungen wie „glaub(e) ich“ und „denk(e) ich“ sehr häufig ohne Kommas verwendet:

Du hast glaub ich recht.
Wir haben denke ich einen guten Job gemacht.

Das ist nicht unbedingt falsch. Auch in der gesprochenen Umgangssprache werden diese Wendungen häufig nicht wie Einschübe, sondern wie feste adverbiale Wendungen behandelt, das heißt, sie werden ganz ohne Pausen in den Satz eingefügt. Wenn also umgangssprachlich geschrieben wird oder Umgangssprachliches wiedergegeben werden soll, ist es vertrebar, die Kommas wegzulassen. Aber sonst, meine ich, sollten sie gesetzt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer könnte es getan haben oder wer hätte es tun können?

Frage

Neulich habe ich den folgenden Satz gelesen:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Ich habe mich dann gefragt, ob er auch wie folgt umformuliert werden könnte:

Wir haben uns gefragt, welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Gibt es einen Bedeutungsunterschied?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

beide Formulierungen sind möglich, sie haben aber nicht dieselbe Bedeutung.

Welche Faktoren könnten das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben?
… welche Faktoren das dargestellte Blühphänomen ausgelöst haben könnten.

Wenn Sie so formulieren, hat das Blühphänomen stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es möglicherweise ausgelöst haben.

Welche Kulturfaktoren hätten das dargestellte Blühphänomen auslösen können?
… welche Kulturfaktoren das dargestellte Blühphänomen hätten auslösen können.

Bei dieser Formulierung hat das Blühphänomen nicht stattgefunden. Es wird gefragt, welche Faktoren es hätten auslösen können.

Der Unterschied lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hier noch ein Beispiel:

Wer könnte es getan haben?

Es wurde getan. Wer hatte (vermutlich) die Möglichkeit, es zu tun?

Wer hätte es tun können?

Es wurde nicht getan. Wer hätte die Möglichkeit gehabt, es zu tun?

Es ist übrigens fraglich, ob der Unterschied wirklich immer so eingehalten wird. Die Verbgruppen sind komplex und einander ähnlich.

Im ersten Fall wird der Konjunktiv II Gegenwart von können (könnte) mit dem Infinitiv Perfekt von tun (getan haben) kombiniert: könnte getan haben. Es wird eine Vermutung über etwas Vergangenes geäußert. 

Im zweiten Fall wird der Konjunktiv II Vergangenheit von können (hätte können) mit dem Infinitiv Präsens von tun (tun) kombiniert: hätte tun können. Es wird etwas Irreales in der Vergangenheit ausgedrückt.

Wenn Sie all dem nicht mehr folgen können oder wollen oder es Ihnen allzu spitzfindig vorkommt, keine Sorge: Die Bedeutungsunterscheidung wird, wie schon oben gesagt, nicht immer so eingehalten. In der Regel ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, was genau gemeint ist. Ohne jeglichen Kontext ist es sowieso oft schwierig, solche Äußerungen zu interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was ist/sind der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Wer auf eine Frage zum Prozentrechnen hofft, wird enttäuscht sein. Es geht um Grammatik:

Frage

Wie heißt es richtig:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.

oder:

Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die kurze Antwort lautet: Beide Formulierungen sind vertretbar. Die grammatische Begründung (oder der Versuch dazu) fällt etwas länger aus:

Man kann den Satz als einen Gleichsetzungssatz interpretieren, in dem das Fragepronomen was über das Verb sein mit einem weiteren Satzteil im Nominativ verbunden ist. Wenn dieser zweite Nominativ im Plural steht, steht das Verb auch im Plural:

Was sind Gleichsetzungssätze?
Was sind deine Pläne?

Das gilt im Prinzip auch bei einer mehrteiligen Wortgruppe, deren Teile durch und  verbunden sind, denn sie ist ja auch pluralisch:

Was sind der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was sind hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Soweit eine grammatisch gut vertretbare Erklärung.

Es gibt aber ein kleines Problem: In der Sprachrealität kommen hier bei mehrteiligen Wortgruppen sehr häufig Formulierungen vor, bei denen das Verb im Singular steht:

Was ist der Vorteil und der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl?

Obwohl diese Formulierungen nach der oben stehenden Erklärung nicht richtig sind, klingen sie auch in meinen Ohren gar nicht so falsch. Das liegt daran, dass man diese Konstruktion auch anders interpretieren kann: nicht als einen einzigen Satz mit einer mehrteiligen Nominativgruppe, sondern als mehrere zusammengezogene Teilsätze mit jeweils einem Nominativ im Singular. Bei dieser Interpretation steht das Verb einmal im Singular und wird in den anderen Teilsätzen „einfach“ weggelassen:

Was ist der Vorteil und [was ist] der Nutzen dieser Technologie?
Was ist hier der Grundwert, [was ist hier] der Prozentwert und [was ist hier] die Prozentzahl?

Beide Formulierungen sind also vertretbar, weil man von

  1. einem einzigen Satz
  2. mehreren zusammengezogenen Teilsätzen

sprechen kann.

In Ihrem Satz kommt „komplizierend“ hinzu, dass es sich um einen einzelnen Nebensatz bzw. um drei zusammengezogene Nebensätze handelt. Das wirkt sich u. a. auf die Stellung des Verbs aus:

  1. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl sind.
  2. Gib an, was hier der Grundwert, der Prozentwert und die Prozentzahl ist.
    (vgl.: Gib an, was hier der Grundwert [ist], [was hier] der Prozentwert [ist] und [was hier] die Prozentzahl ist.)

Es gäbe noch zwei, drei weitere Aspekte zu erwähnen, aber im Allgemeinen scheint der Singular für das Verb bei Formulierungen dieser Art häufiger vorzukommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Desertion, Desertation, Desertifikation

Heute ein Beispiel dafür, dass auch bei Fachwörtern nicht immer alles ganz so eindeutig ist:

Frage

Was ist der korrekte Begriff für Fahnenflucht – „Desertion“ oder „Desertation“? Im Duden findet man nur „Desertion“, aber eigentlich scheint mir „Desertation“ geläufiger zu sein.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

wenn Fahnenflucht gemeint ist, ist Desertion sicher richtig. Das Wort kommt über das französische désertion vom lateinischen Substantiv desertio, das zum Verb deserere (verlassen, aufgeben, desertieren) gehört. Wir haben also indirekt ein Substantiv übernommen, dass bereits im Lateinischen abgeleitet wurde:

lat. deserere → desertio
→ frz. désertion → dt. Desertion

Die Form Desertation kommt gelegentlich auch vor. Diese Form ist eine Ableitung, die im Deutschen stattgefunden hat. In Analogie mit zum Beispiel dekorieren → Dekoration, imitieren → Imitation, stabilisieren → Stabilisation wird sozusagen „regelmäßig“ (-ieren → -ation) vom Verb desertieren das Substantiv Desertation abgeleitet:

dt. desertieren → Desertation

Was ist nun richtig, die alte lateinische oder die neue heimische Ableitung? – Beides ist vertretbar. Ein kurzer Blick ins Internet und in einige Textkorpora zeigt allerdings, dass Desertation viel weniger häufig vorkommt als Desertion. Auch im schweizerischen und im österreichischen Militärstrafgesetz ist von Desertion die Rede. (Das deutsche Wehrgesetz hilft uns hier nicht viel weiter, denn es kennt nur den Tatbestand der Fahnenflucht.) Ich würde deshalb empfehlen, die gebräuchlichere Variante Desertion zu verwenden.

Dem Begriff Desertation begegnet man gelegentlich auch in der Erdkunde. Dort wird er mit der Bedeutung Wüstenbildung verwendet. Gebräuchlicher ist allerdings auch dort ein anderes Wort, nämlich Desertifikation, womit in der Regel durch menschliches Handeln verursachte Wüstenbildung gemeint ist. Daneben gibt es auch die natürliche Wüstenbildung, die – um es so richtig schön komplex zu machen – manchmal Desertation oder Desertion genannt wird.

Als Nicht-Erdkundler ist es mir leider nicht gelungen, genau herauszufinden, wer welchen Begriff für welche Art der Wüstenbildung verwendet. Das ist hier auch nicht so wichtig, denn bei Ihrer Frage ging es ja um die Fahnenflucht, also die Desertion (o. Desertation), die man wohl in keinem Zusammenhang mit der Wüstenbildung verwechseln kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

3-G-Regel oder 3G-Regel: Wie viele Bindestriche hat die Regel mit den drei G?

Frage

Ist die Schreibung „2G-Regel“ und „3G-Regel“ richtig, oder sollte/muss es korrekt heißen „2‑G‑Regel“, „3‑G‑Regel“?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

im Prinzip ist die korrekte Schreibung 2‑G‑Regel und 3‑G‑Regel. Es geht um die Regel mit den zwei bzw. drei G (geimpft, genesen, getestet), also um eine Zusammensetzung mit einer Ziffer und einem Einzelbuchstaben. Verbindungen mit Ziffern, Einzelbuchstaben und Abkürzungen werden gemäß § 40 bzw. § 44 der amtlichen Rechtschreibregelung mit Bindestrichen geschrieben (zum Beispiel 100‑m‑Lauf, 2‑kg‑Büchse).

Im allgemeinen Schreibgebrauch ist allerdings vor allem die Schreibung 2G‑Regel bzw. 3G‑Regel üblich. Man kann sie als „fachsprachlich“ akzeptieren und ich würde sie deshalb nicht als grundsätzlich falsch bezeichnen:

3-G-Regel / 3G-Regel

Auch bei den folgenden Beispielen hat sich mehr und mehr die Schreibung ohne den ersten Bindestrich eingebürgert:

3-D-Drucker / 3D-Drucker
5-G-Mobilfunk / 5G-Mobilfunk
G-8-Staaten / G8-Staaten

Ob man sie mit einem oder zwei Bindestrichen schreibt, ist nicht so wichtig. Weit wichtiger ist, dass (die Diskussion um) die Regel mit den zwei oder drei G möglichst bald der Vergangenheit angehört.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mehrere van Goghs und ein da Vinci

Frage

Ein Kollege hat mich gerade gefragt, wie ich „ein da Vinci von 1 Mio.“ schreiben würde. Meine Antwort: Ich bin nicht sicher. […]

Antwort

Guten Tag Herr F.,

es geht hier um einen Personennamen, der nicht die Person, sondern ein von der Person geschaffenes Werk o. Ä. bezeichnet. Es gibt rechtschreiblich keinen Grund, einen Personennamen dann anders zu schreiben.

Bei vielen Familiennamen wird eine Partikel wie von, van, de, di, da usw. kleingeschrieben (wenn sie nicht am Satzanfang oder am Anfang einer substantivischen Zusammensetzung steht; vgl. hier). Das gilt auch dann, wenn der Name allein nicht die Person, sondern etwas anderes bezeichnet. Auch dann bleibt die Partikel klein und auch dann geht es ganz ohne Bindestrich:

Das Museum besitzt mehrere Gemälde von van Gogh.
Das Museum besitzt mehrere van Goghs.

Mit etwas Glück findet man im Secondhandladen ein Kleidungsstück von Gaultier oder de la Renta.
Mit etwas Glück findet man im Secondhandladen einen Gaultier oder einen de la Renta.

ein Brunnen mit Plastiken von Nikki de Saint Phalle und Jean Tinguely
ein Brunnen mit de Saint Phalles und Tinguelys

Dieses Werk von da Vinci kostet eine Million.
Dieser da Vinci kostet eine Million.

Wenn mit „da Vinci“ nicht ein Werk des italienischen Künstlers und Gelehrten, sondern ein Roboter des Da-Vinci-Operationssystems gemeint ist (die sind ja auch nicht gerade billig), zweifle ich ein wenig. Namen von Marken und Produkten werden oft abweichend geschrieben. Es scheint aber so zu sein, dass auch dieses Produkt außerhalb von Zusammensetzungen mit kleinem d geschrieben wird:

In vielen Operationssälen steht bereits ein da Vinci.

Die meisten von uns können sich keinen van Gogh und keinen da Vinci leisten, aber wir wissen nun wenigsten, wie wir „Ich hab grad einen van Gogh gekauft“ schreiben müssten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Fall nach „das heißt“ und „das ist“

Frage

Ich zerbreche mir seit einiger Zeit den Kopf an der Frage, welcher Kasus nach „d. i.“ („das ist“ im Sinne von „das heißt“) steht. Mir scheint, dass grundsätzlich Kongruenz gefordert ist:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. [mit] einem guten Tänzer, auf den Ball.

Man findet aber auch den Nominativ:

Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. ein Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

In diesen Fällen fungiert das mit „d. i.“ Angeschlossene als Definition oder Erläuterung. Ist hier der Nominativ legitim, und wenn ja, handelt es sich um einen Gleichsetzungsnominativ? […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

bei „d. h.“ bzw. „das heißt“ ist die Lage recht einfach: Eine unmittelbar folgende Nominalgruppe steht im gleichen Fall wie das Nomen, auf das sie sich bezieht (= Kasuskongruenz):

Ich gehe mit meinem Mann, d. h. einem guten Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. h. einen Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Bei „d. i.“ bzw. „das ist“ ist die Lage weniger eindeutig. Hier kommen sowohl die Kasuskongruenz als auch der Nominativ vor. Das liegt daran, dass „d. i.“ als feste Wendung synonym zu „d. h.“ verwendet werden kann (→ Kasuskongruenz), dass es aber häufiger auch wörtlich als „das ist“ verstanden wird (→ Gleichsetzungsnominativ):

Kasuskongruenz:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. einem guten Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. einen Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Gleichsetzungsnominativ:

Ich gehe mit meinem Mann, d. i. ein guter Tänzer, auf den Ball.
Sartre verwendet hier einen Pleonasmus, d. i. ein Ausdruck, der dasselbe Bedeutungsmerkmal öfter enthält.

Welche Variante man nach „d. i.“ wählt, hängt u. a. davon ab, wie gut die wörtliche Bedeutung „das ist“ stilistisch in den Satz passt. Bei komplexeren Sätzen, kann die Kasuskongruenz auch helfen, zu verdeutlichen, worauf sich das nach „d. i.“ Folgende bezieht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp