Geschlecht von Fremdwörtern

Frage

Immer wieder frage ich mich, wer denn bestimmt, welches Genus Fremdwörter bekommen. Insbesondere Begriffe der Informationstechnologie werden zwar häufig im Deutschen verwendet, doch oft mit verschiedenem Genus. Beispiele: der/das Bookmark (Canoonet sagt sogar noch die Bookmark), der/das Tab, der/das Blog etc. Kann man sagen, dass falls es eine deutsche Entsprechung gibt, das Fremdwort das Genus von diesem Wort übernimmt, Bsp. das Lesezeichen -> das Bookmark? der Reiter -> der Tab?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

wieso sagt man der Star, der Cognac, die E-Mail, das Electronic Banking, das Cello, der oder das Weblog, der oder die Benchmark usw.? Bei der Festlegung des Geschlechts von Fremdwörtern gibt es wie bei vielen anderen sprachlichen Phänomenen keine festen Regeln. Es gibt aber verschiedene, unterschiedlich starke Tendenzen oder Strategien, die – wie könnte es auch anders sein – sich zum Teil widersprechen.

Eine nicht unwichtige Tendenz ist das „Ursprungsprinzip“: Ein Nomen hat das gleiche Geschlecht wie in der Sprache, aus der es übernommen wird:

der Boulevard – frz. le boulevard
die Allee – frz. une allée
die Paella – sp. la paella
der Risotto – it. il risotto

Das ist aber bei weitem nicht immer so. Gerade bei einer Sprache wie dem Englischen, in der Nomen in der Regel kein Geschlecht haben, kann dieses Prinzip gar nicht funktionieren. Aber auch bei Wörtern aus Sprachen wie dem Französischen, Spanischen und Italienischen spielen andere Tendenzen eine Rolle.

Die zweite wichtige Tendenz ist – wie Sie richtig erkannt haben – die Übertragung des Geschlechts der deutschen Übersetzung auf das Lehnwort. So sucht Deutschland den Superstar, weil es der Stern ist. Dieses Prinzip gilt auch in anderen Sprachen. So nennt man Brad Pitt oder Russel Crowe in Frankreich une grande star und auch Silvester Stallone war selbst in seinen besten Rambo-Zeiten in Italien una grande star hollywoodiana. Dies ist so, weil die nächtlich funkelnden Himmelskörper in diesen Sprachen weiblich sind. Das finden wir vielleicht etwas komisch, aber umgekehrt wundert man sich in den romanischsprachigen Ländern nicht weniger darüber, dass wir für zum Beispiel Catherine Deneuve, Sophia Loren und Cameron Diaz ein männliches Wort verwenden. Doch ich schweife ab. Hier noch weitere Beispiele für das „Übersetzungsprinzip“:

die Soap – die Seife, die Seifenoper
das Shirt – das Hemd
die Bouillon – die Brühe (frz. le bouillon)
der Chef de Cuisine – der Küchenchef, der Leiter (frz. le chef de cuisine))
das Chef d’Œuvre – das Meisterwerk (frz. le Chef d’œuvre)
der Computer – der Rechner
das Direct Banking – das Bankieren

Die letzten beiden Beispiele zeigen , dass auch die Form des Lehnwortes (-er resp. -ing) eine Rolle spielen kann. Sehen Sie hierzu und zu weiteren Tendenzen die entsprechende Grammatikseite.

Gerade bei neueren Lehnwörtern können mehrere Tendenzen einen Einfluss haben , sodass das Wort mit mehr als nur einem Genus verwendet wird:

der Grappa – Übersetzung: der Branntwein, der Schnaps
die Grappa – Ursprung: la grappa
der Benchmark – Übersetzung: der Maßstab
die Benchmark – Form: die Marke
das Weblog – Übersetzung: das Log, das Logbuch
der Weblog – ???

Ob eine der Tendenzen letzlich „gewinnt“ und welche das ist, bestimmt der Sprachgebrauch. Vielfach gibt es dabei dann wieder regionale Varianten wie zum Beispiel bei E-Mail: Neben die E-Mail gibt es im südlichen deutschen Sprachraum auch das E-Mail …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die über Achtzehnjährigen

Frage

Ich habe mehrfach in einem Buch die Worte überachtzehnjährig oder der Überachtzehnjährige oder der Untersechszehnjährige gefunden. Gibt es diese Wörter und würde es dann auch den Unterfünfundzwanzigjährigen geben? Das sieht für mich alles sehr lustig aus und ich würde es nicht so schreiben.

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

auch ich würde diese Wörter nicht so schreiben. Ich schreibe: über achtzehnjährig, die über Achtzehnjährigen und die unter Sechzehnjährigen. Das kann ich eigentlich nur damit begründen, dass es keine Rechtschreibregel gibt, die besagt, dass in diesem Fall zusammengeschrieben werden muss. Dann gilt die Getrenntschreibung. Entsprechend schreibe ich auch der unter Fünfundzwanzigjährige – dies allerdings schon seit ziemlich vielen Jahren nur noch über andere …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

gefolgt von

Frage

Meine Deutschlehrerin erklärte 1975, dass die Formulierung gefolgt von nicht korrekt sei. Mir leuchtete das ein und tut es nach wie vor. Heute wird diese Form jedoch immer häufiger gebraucht – und das nicht nur von Sportreportern, sondern auch z.B. im Feuilleton der NZZ oder in inhaltlich hochstehenden Referaten etc.

Die Violinistin aus QR gewann den ersten Preis gefolgt von ihrer Kollegin aus XY.
Die Feinstaubkonzentration in Neudorf ist sehr hoch, gefolgt von der in Altdorf.

Falls das korrekt wäre, müsste doch auch gelten: Ich werde von meinem Kind gefolgt. Oder nicht? Was meinen Sie dazu?

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

Sie stellen eine Frage, die mir einiges Kopfzerbrechen bereitet hat. Damit Sie dies nicht als Vorwurf auffassen, sei Folgendes gleich hinzugefügt: Solche Fragen habe ich eigentlich am liebsten.

gefolgt von

Den Ausdruck gefolgt von finde ich korrekt. Er steht zum Beispiel auch in den Beispielsätzen zum Verb folgen in Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache:

Gefolgt von verschiedenen Würdenträgern, betrat er den Saal.

Er hat vor allem die Bedeutung im Gefolge begleitet von. Im modernen Sprachgebrauch wird gefolgt von immer mehr auch in einem weiteren Sinne verwendet. So zum Beispiel auch in Ihren Beispielsätzen. Ich bin geneigt, diese Verwendung auch als korrekt anzuschauen (ich bin eben nicht so ein strenger Grammatiker). Der Ausdruck gefolgt von hat sich gewissermaßen vom Verb folgen gelöst und die Funktion einer eigenständigen Präposition erhalten.

gefolgt werden von

Erstaunlicher fand ich, dass auch immer mehr die Wendung gefolgt werden von verwendet wird. Zum Beispiel:

Jeder Zahlenwert wird gefolgt von einer Erläuterung.
Die Wiederbelebung der Wirtschaft wurde gefolgt von einer politischen Wiederbelebung.

Diese Formen erachte ich als falsch, auch wenn sie relativ häufig vorzukommen scheinen. Es handelt sich um eine Passivkonstruktion, die ein Verb jemanden folgen voraussetzt. Im Deutschen heißt es aber jemandem folgen. Die richtige Formulierung wäre also:

Jedem Zahlenwert folgt eine Erläuterung.
Der Wiederbelebung der Wirtschaft folgte eine politische Wiederbelebung.

Woher diese Form gefolgt werden von kommt, kann ich leider nicht erklären. Dafür wären genauere Untersuchungen notwendig. Es kann sein, dass sie in Analogie mit Verben wie begleiten (begleitet werden von) gebildet wird. Ebenfalls nicht unwahrscheinlich sind Einflüsse von etwas zu wörtlichen Übersetzungen aus dem Englischen, wo solche Passivsätze korrekt sind: to be followed by. Aber dies sind natürlich nur einige unfundierte „Schnellschüsse“.

Vielleicht wird auch die Passivkonstruktion gefolgt werden von einmal korrektes Deutsch sein. Vorläufig würde ich sie aber im Standarddeutschen nicht verwendet. Ich halte deshalb Ihren Beispielsatz Ich werde von meinem Kind gefolgt für falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn “es” (nicht) wegfällt

Lesen Sie diesen Beitrag, wenn es Sie interessiert, mit welchen sprachlichen Hürden Deutschlernende konfrontiert werden können.

Frage

Geschäftlich müssen wir Dokumentationen schreiben. Ein Mitarbeiter ist italienischer Muttersprache. Er verwendet immer eine bestimmte Satzstellung, die falsch ist. Keiner konnte jedoch erklären welche grammatikalische Regel dies begründet.

Falsch: Weiter wird es spezifiziert, wie neue Benutzer erfasst werden.
Richtig: Es wird spezifiziert, wie neue Benutzer erfasst werden.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

Sie stellen eine ziemlich knifflige Frage, denn das deutsche Wörtchen es hat es in sich. Wie Ihnen Ihr ursprünglich fremdsprachiger Mitarbeiter sicher bestätigen kann, wird es sehr häufig und für die unterschiedlichsten Zwecke verwendet, sodass es Fremdsprachige (und Grammatiker …) oft beinah zur Verzweiflung treibt. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Hier der Versuch einer Antwort:

Das Pronomen es kann verschiedene Funktionen haben. Unter anderem:

Fürwort, das ein sächliches Substantiv vertritt:
das Kind – Es spielt im Garten.
das Buch – Es liegt auf dem Tisch.

Unpersönliches Subjekt bei unpersönlichen Verben:
Es regnet.
Es windet.

Platzhalter für das Subjekt in einem unpersönlichen Passivsatz:
Es wird hier viel getrunken (= Man trinkt hier viel).
Es wird kaum mehr gearbeitet (= Man arbeitet kaum mehr).

Wenn das es im Satz nicht an erster Stelle steht, verhält es sich je nach Funktion unterschiedlich:

In den ersten beiden Fällen darf es nicht wegfallen:

das Kind – Heute spielt es im Garten.
NICHT: Heute spielt im Garten.

Heute regnet es.
NICHT: Heute regnet.

Aber in einem unpersönlichen Passivsatz muss das es wegfallen:

Heute wird hier viel getrunken.
NICHT: Heute wird es hier viel getrunken.

Bei ihrem Beispielsatz handelt es sich um einen unpersönlichen Passivsatz:

Es wird spezifiziert, wie … (= Man spezifiziert, wie …)

Entsprechend muss das es wegfallen, wenn ein anderes Wort die erste Stelle im Satz einnimmt:

Weiter wird spezifiziert, wie …

Zusätzliche Informationen zum Pronomen es finden sie u. a. auf dieser Grammatikseite.

Dort sehen Sie auch, dass das Wörtchen es noch andere Funktionen erfüllt und sowohl für die armen Nicht-Muttersprachigen als auch für diejenigen, die es ihnen erklären wollen, noch einige Knacknüsse in petto hat.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tessinerbrot

Dank einer Besprechung durfte ich wieder einmal in die Südschweiz, genauer gesagt ins Tessin fahren. So gelangten wir entlang des regnerischen Vierwaldstätter Sees, durch ein neblig graues Urner Tal und durch den Gotthardtunnel, ein 17 km langes Loch in den Schweizer Alpen, in die sonnige Tessiner Bergwelt.

Sie vermuten richtig, wenn Sie annehmen, dass ich hier keinen Reisebericht erstatten möchte. Es geht mir um die unveränderlichen geografischen Adjektive auf –er wie Vierwaldstätter, Urner, Schweizer und Tessiner. Gemäß den Rechtschreibregeln werden geografische Ableitungen auf -er in Verbindung mit einem Nomen getrennt vom Nomen geschrieben, außer wenn das Wort auf –er eine Personenbezeichnung ist.

Siehe Rechtschreibregel.

Mit dieser Regel hatte ich immer so meine Mühe. Sie ist einfach, aber gewisse Ausnahmen, denen man vor allem in der Schweiz begegnet, erklärt sie nicht. So schreibt man in der Schweiz den Vierwaldstätter See in einem Wort: Vierwaldstättersee. Das Gleiche und Ähnliches gilt auch für den Genfer See, den Neuenburger See und die Basler Straße, die von den deutschsprachigen Eidgenossen in der Regel als Genfersee, Neuenburgersee und Baslerstrasse geschrieben werden. So weit so gut, aber wenn mir dann im Tessin plötzlich in den Sinn kommt, dass man nördlich der Alpen Tessinerbrot (eine spezielle Brotsorte) und Bündnerfleisch kaufen kann, dann wird die Erklärung mit der Personenbezeichnung schlichtweg unhaltbar oder sogar kannibalisch.

Oder man sagt einfach, dass die Schweizer ein bisschen sonderbar schreiben. Wenn man aber eine andere Regel anwendet, sind sowohl die standardsprachlichen Zusammenschreibungen wie Schweizergarde und Römerbrief (die Schweizer und Römer sind hier Personen) als auch die Abweichungen in der Schweiz zu erklären. Die Regel lautet: Liegt bei neutraler Aussprache die Hauptbetonung auf dem Wort auf –er, schreibt man zusammen. Sonst schreibt man getrennt.

Zusammen:
die Schweizergarde, der Römerbrief

Gertrennt:
die Schweizer Alpen, die Römer U-Bahn

Und dann die Schweiz: Die Abweichung erklärt sich dadurch, dass Deutschschweizer in den genannte Fällen das erste Wort betonen:

Genfersee, Neuenburgersee, Baslerstrasse, Tessinerbrot, Bündnerfleisch.
(Standardaussprache: Genfer See, Neuenburger See, Basler Straße, ?)

Das tun die Schweizer aber nicht in allen Fällen, und dann schreibt man auch in der Schweiz getrennt:

Berner Oberland, ein Urner Tal, die Tessiner Bergwelt, Basler Leckerli, Zürcher Hüppen (die letzen zwei sind süß und lecker!)

Ich möchte jetzt nicht die Rechtschreibregeln neu schreiben. Sie sind nun einmal so, wie sie sind. Die Betonungsregel soll nur eine kleine Eselsbrücke sein für diejenigen – vor allem Schweizer und Schweizerinnen –, die in diesem Bereich mit der amtlichen Regel und den Schweizer Ausnahmen nicht so gut zurechtkommen.

Unbekannte Wörter

Wieder einmal etwas in eigener Sache: Treuen Canoonet-Benutzern und -Benutzerinnen ist es bestimmt schon passiert, dass ein Wort, das sie suchten, nicht in unseren Wörterbüchern enthalten war. Das ist selbst bei über 250 000 Einträgen nicht weiter verwunderlich, denn die Anzahl der deutschen Wörter ist ja unendlich. Dabei geht es nicht nur um die große Zahl von fachspezifischen Wörtern, sondern vielmehr darum, dass immer wieder neue Wörter gebildet werden. Dies geschieht in verschiedener Weise. Unter anderem:

  • durch Neuformung aufgrund von Abkürzungen, Namen, Produkten usw.
    Zum Beispiel: simsen, googeln
  • durch Übernahme aus anderen Sprachen
    Zum Beispiel: Blog, Messie
  • durch Ableitung und Wortzusammensetzung
    Zum Beispiel: Islamdebatte, Suchbarkeit, Gammelfleischskandal

Die meisten neuen Wörter werden durch Ableitung und Wortzusammensetzung gebildet.

Obwohl wir unsere Wörterbücher laufend erweitern, können wir natürlich nie alle neuen Wörter, die es täglich gibt, erfassen und aufnehmen. Vielen von ihnen ist auch gar kein langes Leben beschieden. Bei Neuformungen und neuen Lehnwörtern müssen wir leider schlichtweg passen. Dann sehen Sie einfach den Satz Keine Einträge gefunden für „…“ Bei den gängigsten Ableitungsarten und bei Zusammensetzungen geben wir uns aber nicht so schnell geschlagen. Dann kommt uns ein Programm zu Hilfe, das wir auf gut Denglisch den Unknown Word Analyzer nennen.

Wenn ein Wort nicht in unseren Wörterbüchern vorkommt, versucht dieses Programm das eingegebene Wort in bestehende Wörter und ggf. Vor- und Nachsilben zu zerlegen sowie die Wortklasse des neuen Wortes zu bestimmen. Zum Beispiel (Klicken Sie auf das Wort, um die Wortanalysen zu sehen):

Islamdebatte
Suchbarkeit
Gammelfleischskandal

Auch deklinierte und konjugierte Formen werden erkannt:

Islamdebatten
Dammbalkenverschlüsse
Beamtenversicherungskassen
hinaufrollst
begreifbarste

Damit nicht allzu viele unsinnige Resultate angezeigt werden, ist die Analyse je nach Wortbildungsart auf zwei bis drei Elemente beschränkt. Die berühmte Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmütze erkennt der Analysator also nicht (den Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän allerdings schon :-)). Er kann auch keine stilistischen Korrekturen vornehmen und analysiert deshalb brav begreifbarste, obwohl am besten begreiflich bestimmt besser wäre. Auch Reagierung wird analysiert, obwohl wahrscheinlich Reaktion gemeint ist.

Da ein solches Analyseprogramm die Wörter nicht versteht, sind die Analyseresultate nur als Vorschläge zu sehen. So kann es manchmal zu recht unerwarteten Resultaten kommen: So werden Mittagsteller nicht nur als Teller zum Mittag sonder auch als Steller des Mittags analysiert. Auch die Schikaneurin wird nicht nur als weibliche Form des Schikaneurs interpretiert (gab es früher so wenig schikanierende Frauen, dass dieses Wort in vielen Wörtebüchern nicht vorkommt?), sondern zur Freude der Liebhaber von Junggymnasiastenhumor eben auch als – sehen Sie selbst: Schikaneurin.

Manchmal braucht es eben mehr als nur Kenntnis von Wortformen und Wortbildungsregeln, aber die Analysen sind sehr oft korrekt. Wir halten deshalb unseren Unknown Word Analyzer für ein gutes Hilfsmittel für die Erkennung „unbekannter“ Wörter, auch wenn er hin und wieder kein Resultat oder mehr als nur das gewünschte Resultat anzeigt.

Sabotage

Heute morgen hörte ich, wie jemand seinen Mitarbeiter der Sabotage bezichtigte. Woher stammt dieses Wort eigentlich?

Die Wörter sabotieren und Sabotage stammen aus dem Französischen. Das hätten Sie bestimmt auch ohne meine Hilfe gewusst oder erraten. Das Verb saboter bedeutet(e) unter anderem mit Holzschuhen (sabots) bearbeiten und im übertragenen Sinne eine Arbeit schlecht machen, hinschludern. So weit gehen die Angaben im Duden. Man kann sich vorstellen, dass über einige Bedeutungserweiterungen und –verschiebungen der Sinn entstanden ist, den wir aus dem Französischen übernommen haben: absichtlich die Leistung oder die Funktion einer Einrichtung u. Ä. stören. Es gibt aber schönere Erklärungen:

Der Holzschuh (sabot) war das Symbol der französischen anarchistischen Arbeiterbewegung des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Der Sabot soll zum Symbol geworden sein, weil die Arbeiter zur Zeit der industriellen Revolution ihre Holzschuhe in die Maschinen warfen, um sie zu beschädigen, sodass nicht weitergearbeitet werden konnte. Dies taten sie aus Protest im Kampf gegen die Patrons oder vielleicht auch nur, um sich Zeit für eine Pause zu verschaffen. Man sabotierte also in dieser Weise die Maschinen der Patrons.

Eine andere Erklärung ist die folgende: Das Symbol Sabot bezog sich auf den Holz- oder Metallkeil, der beim Rangieren zum Bremsen unter die Räder der Eisenbahnwaggons geschoben wurde. Diesen Beruf übten die enrayeurs (Bremser) aus, die auch saboteurs genannt wurden.

Welche der drei Varianten die richtige ist, konnte ich leider nicht herausfinden. Die Sabotage scheint jedenfalls entfernt etwas mit Holzschuhen zu tun zu haben. Es ist an Ihnen, die Variante zu wählen, die Sie für die wahrscheinlichste halten. Mir gefällt die zweite am besten, weil sie so schön anschaulich ist. Aber gerade Anschaulichkeit ist leider oft ein Hinweis auf Volksetymologie und phantasievolles Interpretieren.

nochmal

Frage

Ich habe nochmal in Ihre Suchmaske eingegeben und zur Antwort bekommen: „Keine Einträge gefunden“. Das wundert mich ein wenig. Mögen Sie mir erklären, warum nochmal bei Ihnen nicht verzeichnet ist?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

das Wort nochmal steht zurzeit nicht in unserem Wörterbuch, weil nach unseren Quellen nochmal und noch mal als umgangssprachlich gelten. Standardsprachlich verwendet man nochmals oder noch einmal.

umgangssprachlich: etwas nochmal tun oder etwas noch mal tun
standardsprachlich: etwas nochmals tun oder etwas noch einmal tun

Ihre Frage hat uns aber auf ein Wort aufmerksam gemacht, dass das sehr, sehr häufig vorkommt; so häufig, dass wir nicht sicher sind, ob es nicht mittlerweile auch als standardsprachlich üblich gelten muss. Wir werden die Aufnahme des Wortes nochmal bei Gelegenheit nochmals prüfen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

unser beider Hund

Heut wieder einmal eine etwas spezialistischere Frage: Es geht um eine nicht mehr allzu häufig benutzte, aber deswegen nicht weniger schöne Ausdrucksweise mit dem Genitiv.

Frage
Als Kenner der alten Sprachen hat sich mir neulich ein Problem bei einer lebenden aufgetan. Es handelt sich um ein Problem aus meiner Muttersprache: Der Satz Unser beider Hund läuft schnell ist zwar nicht ganz alltäglich, aber erscheint doch den meisten als grammatikalisch korrekt.

Meine Frage dazu: Kann man die Kombination unser beider (respektive auch euer beider, unser aller etc. pp.) beugen? Im Deutschen habe ich beispielsweise mit dem Satz Ich liebe unser beider Hund ein Problem. Auch Ich liebe unseren beider Hund erscheint mir fremd. Ebenso Unsere beider Schlange … oder Unser beider Schlange …

Antwort
Sehr geehrter Herr H.,

Wortgruppen wie unser beider, unser aller usw. lassen sich beugen, aber nicht in dem Sinne, wie sie wahrscheinlich meinen. Es handelt sich um die Kombination eines Personalpronomens mit alle resp. beide. Solche Wortgruppen werden in folgender Weise gebeugt:

Nom: wir alle, wir beide
Akk: uns alle, uns beide
Dat: uns allen, uns beiden
Gen: unser aller, unser beider

In Ihrem Beispielsatz ist unser beider ein Genitivattribut, das das Nomen Hund bestimmt:

Wessen Hund? – unser beider Hund.

Im Normalfall werden Besitzverhältnisse im weiteren Sinne nicht durch Personalpronomen, sondern durch Possessivpronomen ausgedrückt:

Wessen Hund? – unser Hund.
Wessen Hund? – euer Hund.
Wessen Hund? – ihr Hund.

Nur in Verbindung mit aller und beider kommen die Genitivformen des Personlapronomens noch mit dieser Funktion vor:

Wessen Hund? – unser aller Hund.
Wessen Hund? – euer beider Hund.
Wessen Hund? – ihrer aller Hund.

Sie bemerken, dass in diesen Beispielen die Form des Personlapronomens sich nur in der dritten Person Plural von der Form des Possessivpronomens unterscheidet: ihr vs ihrer. Anders sieht es in einem anderen Kasus oder bei einem weiblichen Bezugswort aus.

Ohne wen oder was können wir nicht mehr leben?
– ohne unseren Freund, das Handy
– ohne unser aller Freund, das Handy

Wessen Unterstützung bieten wir an?
unsere Unterstützung.
unser beider Unterstützung.

Wie es für alle Genitivattribute gilt, verändern sich auch die Genitivattribute dieser Art nicht, wenn die Nomengruppe dekliniert wird:

Nom: Unser aller Interesse ist das faire Miteinander.
Akk: Es geht mir um unser aller Interesse.
Dat: Es ist in unser aller Interesse.
Gen: die Wahrung unser aller Interesses

Sie sehen also, dass unser beider Schlange und Ich liebe unser beider Hund korrekt formuliert sind. Es klingt wohl deshalb ziemlich fremd in den Ohren, weil unser beider, euer aller usw. zum gehobenen und literarischen Sprachgebrauch gehören, während die genannten Beispiele eher aus dem alltäglichen Sprachgebrauch stammen.

Falsch hingegen sind Ich liebe unseren beider Hund und unsere beider Schlange.

Möge diese schöne Ausdrucksweise noch lange unser aller die deutsche Sprache liebendes Auge erfreuen!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

in Urlaub sein / im Urlaub sein?

Eine der klassischsten Sommerfragen zur deutschen Sprache ist die folgende Frage eines Canoonet-Nutzers:

Ich beschäftige mich mit der Frage, wie folgender Satz richtig heißt:

Da Sie sich im Urlaub befanden …
Da Sie sich in Urlaub befanden …

Oder ist beides möglich? Welche Regel gibt es hier?

Antwort

Es gibt hier keine Grammatikregel, sondern der allgemeine Gebrauch bestimmt, was richtig und akzeptiert ist. Man kann sowohl im Urlaub sein als auch in Urlaub sein sagen. Beide Varianten werden verwendet und gelten als standardsprachlich richtig.

Das hat wohl damit zu tun, dass Urlaub sowohl ohne Artikel als auch mit Artikel verwendet werden kann:

Ohne Artikel:

Urlaub haben
Urlaub nehmen
Urlaub machen
Urlaub nötig haben

Mit Artikel(wort):

den Urlaub im Ausland verbringen
der diesjährige Urlaub
unser Urlaub am Meer
die große Liebe im Urlaub kennen lernen

Ohne Artikelwort ist Urlaub im Allgemeinen abstrakter als mit Artikelwort. Dieser Unterschied ist aber bei in/im Urlaub sein kaum merkbar.

Für mich unerklärlich ist dann aber, warum das Gleiche nicht auch für Ferien gilt:

Ferien haben
Ferien nehmen
Ferien machen
Ferien nötig haben

Und trotzdem kann man nur in den Ferien sein sagen. Die Variante ohne Artikel ist nicht korrekt. Es kann nicht ausschließlich am Plural liegen, denn man kann ganz gut ohne Artikel in Nöten sein oder von Sinnen sein. Vielleicht komme ich Anfang September irgendwie auf die Lösung dieses Rätsels. Dann bin ich nämlich ein paar Tage im oder in Urlaub. Und wenn Sie die Antwort auf diese Frage kennen, lassen Sie mich bitte nicht weiter im Ungewissen.

Dr. Bopp